12. Juni 1989 - Auf dem Weg zur Deutschen Einheit

Lobrede auf DDR-Erziehung

12. Juni 1989: Obwohl die Kritik an den sozialistischen Erziehungsmethoden der DDR immer lauter wird, hält Volksbildungsministerin Margot Honecker eine fünfstündige Lobrede. Auf dem IX. Pädagogischen Kongress feiert die Bildungspolitik der DDR sich selbst.

Drohung an "Konterrevolutionäre"

Noch im Sommer 1989 droht der "lila Drache" – wie Margot Honecker im Volksmund heißt – den sogenannten Konterrevolutionären:

"Noch ist nicht die Zeit, die Hände in den Schoß zu legen, unsere Zeit ist eine kämpferische Zeit, sie braucht eine Jugend, die kämpfen kann, die den Sozialismus stärken hilft, die für ihn eintritt, die ihn verteidigt mit Wort und Tat und, wenn nötig, mit der Waffe in der Hand."

Die Funktionäre und Politbüromitglieder in der ersten Reihe des Pädagogischen Kongresses im Palast der Republik applaudieren.

Kritische Eingaben an den Kongress

In der Bevölkerung wird die Volksbildung jedoch weit kritischer gesehen. Im Vorfeld des Kongresses formieren sich Gruppen, die für eine Reform des Bildungssystems eintreten. Darunter die Arbeitsgemeinschaft IX. Pädagogischer Kongress, die aus der Evangelischen Ausbildungsstätte für Gemeindepädagogik hervorgegangen ist.

Die Eingabe der Arbeitsgemeinschaft an den Kongress wird als verfassungsfeindlich eingestuft. Sie enthält Forderungen wie die Einführung einer Fünf-Tage-Woche, aber auch die Trennung von Schule und Kinder- und Jugendorganisationen.

Die Eingabe bleibt unbeantwortet, wird aber an das Ministerium für Staatssicherheit weitergeleitet.

Ein Bildungssystem mit der Hand an der Waffe

Das Bildungsgesetz von 1965 formulierte das Ziel, "allseitig und harmonisch entwickelte sozialistische Persönlichkeiten" heranzubilden. Die Kinder und Jugendlichen sollten zu vollwertigen Mitgliedern der "sozialistischen Gesellschaft" werden und sich mit dem Staat identifizieren. Das gesamte Schulsystem war stark ideologisiert und militarisiert.

1978 führte Margot Honecker gegen den Widerstand der Kirchen und vieler Eltern den Wehrunterricht für Schüler der 9. und 10. Klassen ein.

Rücktritt ohne Einsicht

Margot Honecker galt als dogmatisch. Sie war mehr als ein Vierteljahrhundert lang – von 1963 bis zum Herbst 1989 – DDR-Volksbildungsministerin. In ihren Verantwortungsbereich fallen auch Zwangsadoptionen und Jugendwerkhöfe.

Nur wenige Monate nach ihrer kämpferischen Rede auf dem IX. Pädagogischen Kongress tritt sie am 2. November 1989 von ihren Ämtern zurück.

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