Um 180 Grad gewendet

Projekt für mehr Mitmenschlichkeit Um 180 Grad gewendet

Perspektivlosigkeit, Identitätskrisen, fehlende Wertschätzung: Dies können Gründe sein für Radikalisierung und das Abrutschen junger Menschen in die Kriminalität. Die Initiative „180 Grad Wende“ will gefährdete junge Menschen für die Demokratie zurückgewinnen. Ein Ortstermin in Köln-Mülheim.

Coach Numan Özer

Coach Numan Özer engagiert sich im sozialen Brennpunkt: „Dieses Fleckchen Köln ist mein Arbeitsplatz.“

Foto: Jennifer Braun

„Dieses Fleckchen Köln ist mein Arbeitsplatz“, sagt Numan Özer an diesem nasskalten Freitagmorgen. Die fröstelnden Finger tief vergraben in den Taschen seiner schwarzen Lederjacke. Langsam erwacht die 800 Meter lange Keupstraße zum Leben. Mit ihrer bunt blinkenden Reklame buhlen die zumeist türkischen und kurdischen Cafés, Friseursalons und Wettbüros wieder um Kundschaft. Auf dem Asphalt liegen noch die Glassplitter und Zigarettenstummel der vergangenen Nacht.

Die Keupstraße im Stadtteil Mülheim: Arbeitsplatz und Heimat von Numan Özer. „Du musst hier gut verwurzelt sein. Nur so gibt es die Chance, das Vertrauen der Jugendlichen zu gewinnen. Und sie nicht kriminellen Vorbildern zu überlassen.“ Özer, 34 Jahre alt, Dreitagebart, mittellange schwarze Haare, fühlt sich selbst als „kölscher Türke“. In Mülheim als Sohn einer türkischen Gastarbeiterfamilie geboren und auf gewachsen, arbeitet er als Coach für die Initiative „180 Grad Wende“. Das Ziel: junge Menschen vor dem Abdriften in den religiösen Extremismus und in die Kriminalität bewahren. Und sie für die Demokratie gewinnen.

Keine leichte Aufgabe in einem sozialen Brennpunkt wie diesem. Auch Özers bester Schulfreund rutschte ab und wurde zum Junkie. Ihm selbst war ein erfolgreicher Werdegang ebenfalls nicht in die Wiege gelegt: Özers Eltern sind Analphabeten.

Perspektivlosigkeit und fehlende Wertschätzung

Mit viel Fleiß absolvierte er nach dem Abitur ein Jura-Studium. Und arbeitete als Rechtsreferendar am Landgericht. Heute sieht sich der 34-Jährige als positives Vorbild für die jungen Migrantinnen und Migranten in seinem Viertel, von denen er viele persönlich kennt. „Perspektivlosigkeit, Identitätskrisen, Erfahrungen mit Diskriminierung und fehlende Wertschätzung sind die wichtigsten Gründe dafür, dass Jugendliche auf die schiefe Bahn geraten“, sagt Coach Özer.

Vor einem türkischen Restaurant hält er plötzlich an und grinst. Durch die Glasscheibe winkt ihm der Inhaber fröhlich zu. Özer geht hinein, Schulterklopfen, kurzes Gespräch bei einem wärmenden Glas Çay. Der Gastronom habe vergangenes Jahr das Essen für ein Begegnungsfest gestiftet – mitten in der Justizvollzugsanstalt, erzählt er später. „Dort betreut unsere Initiative Gefangene, um sie von einer möglichen Radikalisierung abzuhalten.“ Präventionsarbeit hinter Gittern.

Intensiver Kontakt zu Moscheegemeinden

Mittlerweile ist es Mittag. Wenige Meter neben dem Restaurant liegt eine von sechs Moscheen im unmittelbaren Umfeld der Keupstraße. Quer durch einen Innenhof weisen rote Teppiche den Weg zum Eingang. Etwa 150 Menschen treffen zum Freitagsgebet ein. Ein fester Termin auch für den gläubigen Muslim Numan Özer. Die Moscheegemeinden sind für ihn zugleich wichtige Ansprechpartner. Durch seine jahrelange Erfahrung kennt Özer die Anzeichen, wenn sich jemand radikalisiert. Häufig beispielsweise Rückzug, äußerliche Veränderungen und zunehmende Kompromisslosigkeit, wenn es um die Verteidigung der eigenen Religion geht.

Nach dem Gebet wird er von einer Traube junger Männer umringt. Aufgeregt berichtet einer, dass er immer noch keinen Ausbildungsplatz gefunden habe. Das liege bestimmt daran, dass er Türke sei. „Wie viele Bewerbungen hast du denn geschrieben?“, entgegnet Özer. „Zwei oder drei“, kommt etwas kleinlaut die Antwort. Dass dies nicht reicht, wird dem Jugendlichen dann auch selbst schnell klar. Der Coach macht ihn auf den „Pluskurs“ der „180 Grad Wende“ aufmerksam: Dort werden jeden Freitagnachmittag gemeinsam Bewerbungen geschrieben und Vorstellungsgespräche simuliert.

„Ich will die jungen Leute motivieren und ihnen klar machen: Wenn du dich anstrengst, kannst auch du es schaffen und Erfolg haben“, sagt Özer.

Mehr Mut- statt Wutbürger

Mimoun Berrissoun, Leiter des Vereins „180 Grad Wende“

Mimoun Berrissoun ist Leiter der „180 Grad Wende“: „Deutschland ist ein Land der unbegrenzten Möglichkeiten.“

Foto: Jennifer Braun

Während der Coach auf der Keupstraße unterwegs ist, tüftelt Mimoun Berrissoun im Mülheimer Büro der Initiative an neuen Konzepten. „Demokratieerziehung ist ein bedeutender Teil unserer Arbeit“, sagt der 32-jährige Leiter der „180 Grad Wende“. „Deutschland ist auch im internationalen Vergleich ein Land der unbegrenzten Möglichkeiten: Hat man die Schule nicht geschafft, lässt sich ein Abschluss nachholen. Es gibt mehr Ausbildungsplätze als Bewerber. Wir haben Meinungs- und Religionsfreiheit!“, zählt Berrissoun, selbst Muslim mit marokkanischen Wurzeln, auf.

Doch diese freiheitlichen Werte seien nicht selbstverständlich. „Wir wollen die jungen Migranten auffordern, aktiv an unserer Gesellschaft teilzunehmen: Mut- statt Wutbürger“, so der Gründer der Initiative.

Multiplikatoren als Brückenbauer

Berrissouns und Özers Engagement wird von vielen staatlichen Stellen unterstützt. Zum Netzwerk gehören Polizei, die Stadt Köln, Jobcenter und Schulen. Kommt die „180 Grad Wende“ mit einem Fall alleine nicht klar, übernimmt ein Partner. Herzstück der Initiative sind die mehr als 300 ehrenamtlichen Multiplikatoren. Junge Migranten, die anderen Migranten helfen: vor allem wenn diese sozial benachteiligt oder von Radikalisierung bedroht sind. In Schulungen beschäftigen sich die Multiplikatoren mit demokratischen Werten, Zivilcourage, Drogen- und Suchtprävention sowie Berufsfindung. Das stärkt ihr Selbstbewusstsein – und sensibilisiert sie für mögliche Gefahren.

Wie den 21-jährigen Abdullah (Name von der Redaktion geändert). Bekannte hatten ihn über Whatsapp zum Sport eingeladen. „Zuerst ging es nur ums Fußball spielen. Aber als dann die beiden Organisatoren anfingen, jedes Mal nach dem Sport andere als Ungläubige zu bezeichnen und gegen das System zu hetzen, bekam ich ein mulmiges Gefühl“, erinnert sich Abdullah.

Als Multiplikator wandte er sich an das Team der „180 Grad Wende“. „Das war recht typisch: Erst wird Vertrauen aufgebaut. Danach wird versucht, andere zu beeinflussen und zu radikalisieren“, weiß Mimoun Berrissoun. Weil wie Abdullah auch noch andere aus der Gruppe absprangen, eskalierte die Situation nicht weiter. Die Organisatoren tauchten schließlich ab.

Radikalisierung nach Trennung der Eltern

Nicht immer gelingt es, ein Abrutschen frühzeitig zu verhindern. Coach Özer berichtet von einem Jugendlichen, der sich nach der Trennung seiner Eltern vom fleißigen Gymnasiasten zum Intensivtäter entwickelt hatte. Und über das Internet bereits in Kontakt zur islamistischen Szene stand. „Als ich einmal mit ihm eine Moschee besuchen wollte, wurde er unruhig. Warum? Er war als Muslim noch nie in einer Moschee gewesen – war aber kurz davor, in den Heiligen Krieg zu ziehen“, berichtet Özer und gestikuliert wild rudernd mit seinen Armen. Schließlich sei es noch gelungen, den Jugendlichen von seinen Plänen abzubringen.

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Projekt „180 Grad-Wende“ – Video Netzwerk für Mitmenschlichkeit

Dieser Text stammt aus „schwarzrotgold“, dem Magazin der Bundesregierung. Hier geht es zur digitalen Ausgabe.

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