19. Januar 1989 - Auf dem Weg zur Deutschen Einheit

Honeckers "mutige" Vorhersage

19. Januar 1989: SED-Generalsekretär Erich Honecker liefert mit einer Prognose über die Lebensdauer der Berliner Mauer einen Satz für die Geschichtsbücher: Auf einer Tagung erklärt er, die Berliner Mauer werde "in 50 und auch in 100 Jahren noch bestehen".

Der SED-Chef bleibt stur

Gerade erst, drei Tage zuvor, hat die DDR das Abschlussdokument des Wiener KSZE-Folgetreffens unterschrieben. Darin heißt es: "Die Teilnehmerstaaten werden das Recht eines jeden … - auf Ausreise aus jedem Land, darunter auch seinem eigenen, und auf Rückkehr in sein Land uneingeschränkt achten." Doch Honecker denkt nicht daran, diese Vereinbarung in die Tat umzusetzen.

Der Staats- und Parteichef der DDR meint, die Mauer werde so lange bestehen, wie die Gründe dafür nicht beseitigt seien: "Das ist schon erforderlich, um unsere Republik vor Räubern zu schützen, ganz zu schweigen von denen, die gern bereit sind, Stabilität und Frieden in Europa zu stören."

Jeder Staat habe zudem die Pflicht und das Recht "seine Bürger vor Ausplünderungen" zu schützen, sagt er. "Die Sicherung der Grenze ist das souveräne Recht eines jeden Staates, und so auch unserer DDR." Als Beispiel für eine "Plünderung" nennt Honecker den Umtauschkurs von West- und Ostmark von 1:7. Das sei für die DDR-Regierung untragbar.

Kirchliche Opposition antwortet mit Offenem Brief

Die Äußerung Honeckers sorgt nicht nur international für Aufmerksamkeit. In einem Offenen Brief reagieren zwei kirchliche Oppositionsgruppen auf die Rede des SED-Generalsekretärs.

Die Mauer sei nicht gegen "irgendwelche Räuber nach außen, sondern vor allem nach innen" gerichtet, heißt es in dem Brief. Die DDR brauche eine "Stabilität durch Gerechtigkeit und nicht eine Stabilität der Angst, die durch innere und äußere Abgrenzungen gesichert werden muss. Wir und unsere Kinder wollen nicht noch 50 Jahre warten."