30. Oktober 1989 - Auf dem Weg zur Deutschen Einheit

Aus für den "Schwarzen Kanal"

30. Oktober 1989: Das DDR-Fernsehen nimmt den "Schwarzen Kanal" von Karl-Eduard von Schnitzler aus dem Programm. Der Sender reagiert damit auf Forderungen von Demonstranten. Seit dem Herbst fordern sie: "Schnitzler in die Muppet-Show". Oder in den Tagebau.

Schnitzler, Karl-Eduard DDR-Moderator der Fernsehsendung 'Der schwarze Kanal'- Portrait, zeigt auf das Standbild der Sendung 'Der schwarze Kanal'- undatiert

Aus für den schwarzen Kanal

Foto: ullstein bild

"Schwarzer Kanal" kontra Westfernsehen

Das DDR-Fernsehen schickt Schnitzler weder hier - noch dorthin. Aber am 30. Oktober darf er sich vier Minuten lang verabschieden – nach 1.519 Folgen des "Schwarzen Kanals", von denen er rund 1.300 selbst moderiert hat.

Ab 1960 strahlt das Fernsehen der DDR die Sendung "Der Schwarze Kanal" aus. Immer montags gegen 21:30 Uhr, nach beliebten alten Spielfilmen aus UFA-Zeiten. "Eine Sendung von und mit Karl-Eduard v. Schnitzler" heißt es im Untertitel. Der Auftrag: Die angeblichen Lügen des Westfernsehens entlarven. Das ist bei den Menschen beliebter als das DDR-Staatsfernsehen, wie das SED-Regime sehr genau weiß. Also wollen die Machthaber ideologisch gegensteuern. Oder ihren Gefolgsleuten wenigstens Argumentationshilfen geben.

Agitation kommt nicht an

Und so zeigt von Schnitzler Woche für Woche Ausschnitte aus Nachrichtensendungen und politischen Magazinen des "Westfernsehens", um anschließend heftig darauf zu schimpfen. Die Beliebtheit dieser Agitation hält sich in engen Grenzen. Einschaltquoten liegen nicht vor. Vielsagend ist allerdings ein Witz aus DDR-Zeiten: Von Schnitzler fragt seinen Nachbarn, warum der ihn immer nur mit "Herr Schnitz" anspricht. Antwortet der Nachbar: "Da sehen Sie, wie schnell ich immer abschalte, sobald Ihr Gesicht erscheint."

Für viele Menschen ist von Schnitzler der "Sudel-Ede", andere sehen in ihm "den größten Lügenbaron seit Münchhausen". Denn die Taktik, Zitate aus dem Zusammenhang zu reißen und damit ihren Sinn zu entstellen, ist leicht zu durchschauen. Erst recht für diejenigen, die häufiger "Westfernsehen" schauen.

Die SED beugt sich dem Druck

Im Herbst 1989 müssen SED und Staatsfernsehen erkennen, dass von Schnitzler nicht länger zu halten ist. Der Dresdener Oberbürgermeister verspricht Demonstranten, sich für die Absetzung der Sendung stark zu machen. Und der Ostberliner SED-Bezirkschef sagt öffentlich: "Ich bin sicher, dass Karl-Eduard diese Stimmungslage nicht verborgen geblieben ist, dass er ein kluger Mann ist und daraus Konsequenzen zieht."

Bis zum Ende bleibt von Schnitzler bei seiner streng kommunistischen Linie. Er werde, sagt von Schnitzler in seiner letzten Sendung, seine "Arbeit als Kommunist und Journalist" fortsetzen – "als Waffe im Klassenkampf zur Förderung und Verteidigung meines sozialistischen Vaterlandes". Und noch 1997 erklärt er, es sei "völlig richtig" gewesen, die Mauer zu bauen.

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