Mit einem Stipendium Europa erleben

  • Bundesregierung ⏐ Startseite
  • Europa

  • Schwerpunkte

  • Themen  

  • Bundeskanzler

  • Bundesregierung

  • Aktuelles

  • Mediathek

  • Service

Europäischer Bürgerpreis 2022 Mit einem Stipendium Europa erleben

Chancengleichheit – dafür steht die Organisation ApplicAid. Sie hilft jungen Menschen dabei, ein Stipendium unabhängig von ihrer Herkunft zu erhalten. Das Europäische Parlament hat ApplicAid jetzt für dieses Engagement mit dem Europäischen Bürgerpreis ausgezeichnet. Ein Interview mit dem Gründer Backtosch Mustafa.

3 Min. Lesedauer

Europäischer Bürgerpreis an ApplicAid

Caroline Breit und Backtosch Mustafa von ApplicAid nahmen den Europäischen Bürgerpreis in Empfang. Die Plattform hilft jungen Menschen, ein Stipendium zu finden und zu erhalten – unabhängig von Noten und Herkunft.

Foto: Europäisches Parlament / Bernhard Ludewig

Herr Mustafa, welche Erfahrung haben Sie persönlich mit Stipendien?

Backtosch Mustafa: Angefangen hat alles mit meinem allerersten Stipendium während meiner Schulzeit. Damals wusste ich kaum etwas über Individualförderungen. Meine Eltern sind als Geflüchtete nach Deutschland gekommen, weswegen ich anfangs Hürden auf meinem Bildungsweg hatte. Als ich das erste Mal in der Schulzeit von Stipendien hörte, habe ich zunächst gedacht, es sei etwas Elitäres – gerade für mich als damals 15-Jährigen. Mein Klassenkamerad war in einem Stipendien-Programm, erzählte mir davon und hat mich ermutigt, mich zu bewerben. So kam ich zu meinem ersten Stipendium.

Als ich im Programm aufgenommen wurde, habe ich gemerkt, wie vielfältig die Stipendien-Landschaft ist. Die Vorteile sind vielseitig: die finanzielle Unterstützung, die ideelle Unterstützung, das Netzwerk. Es ist sehr ermutigend, eine ganze Institution oder Stiftung an seiner Seite zu haben, die sagt: ,Du kannst das. Wir glauben an dich und wollen dein Potenzial fördern.‘

Wie kam es dann zu ApplicAid?

Mustafa: Auch während meines Medizinstudiums in Hamburg habe ich weitere Stipendien bekommen. Das verstehe ich bis heute als ein großes Privileg. Denn ich wurde damit finanziell unterstützt und konnte flexibel ins Ausland gehen. Im Laufe der Zeit habe ich jedoch das Gefühl entwickelt, dass bestimmte Bevölkerungsgruppen seltener gefördert werden.

Am Anfang war das ein subjektives Gefühl. Als ich mich jedoch intensiv mit der Chancenungleichheit im Fördersystem auseinandersetzte, ist mir aufgefallen, dass es sich um ein strukturelles Problem handelt: Junge Menschen aus bildungsbenachteiligten Gruppen haben nicht den gleichen Zugang zu Förderprogrammen wie andere. Das war der Moment, in dem ich dachte: Das müssen wir ändern. So kam erstmals die Idee mit ApplicAid auf.

Wie funktioniert ApplicAid?

Mustafa: Unsere Arbeit kann man in drei Ebenen gliedern: Aufklärung, Empowerment und Peer-to-Peer Unterstützung. Alles beginnt mit der Aufklärung. Deutschlandweit haben wir Lokalgruppen, die an Schulen oder auf Messen gehen und dort über Stipendien informieren und erklären, was Stipendien sind.

Außerdem bieten wir online unseren kostenfreien Stipendienratgeber an, der die wichtigsten Informationen über Stipendien transparent zusammenfasst. Darüber hinaus beraten wir Personen individuell und überlegen im Gespräch, welches der mehr als 3.000 Stipendien-Programme in Deutschland passend sein könnte. Ausschlaggebend dafür ist häufig der persönliche Werdegang und die individuellen Wertevorstellungen. Daran anschließend unterstützen wir während des Bewerbungsprozesses: Wir üben gemeinsam, wie zum Beispiel ein tabellarischer Lebenslauf oder ein Motivationsschreiben verfasst wird. Last but not least bieten wir ein individuelles Mentoring-Programm an. Dabei vernetzen wir Bewerber mit Mentoren, die bereits einen Stipendienplatz für das gleiche Programm bekommen haben. Da wir bundesweit aktiv sind, sind fast 600 Ehrenamtliche für ApplicAid tätig. Wichtig: Das Programm ist für Teilnehmende kostenfrei.

Eine Gruppe von Studenden sitzt am Tisch und diskutiert

Erfahrene Stipendiaten unterstützen mit Informationen, Veranstaltungen und einem Mentoringprogramm bei der Bewerbung für ein Stipendium.

Foto: ApplicAid

Wie viele Personen konnten Sie bereits erfolgreich vermitteln

Mustafa: Wir tracken unter anderem, welche finanzielle Unterstützung unsere Bewerberinnen und Bewerber durch Stipendien bekommen. Allerdings müssen wir differenzieren. Denn es gibt auch Stipendien, bei denen es keine finanzielle Förderung gibt. Das rechnen wir dann natürlich damit nicht ein. Bisher konnten wir unsere Mentees dabei unterstützen, Fördergelder im Wert von einer Million Euro zu erhalten. Dadurch können sie ohne finanzielle Sorgen studieren oder ins Ausland gehen.

Was verbindet ApplicAid mit Europa?

Mustafa: Was wir hier machen und wofür auch Stipendien wichtig sind, ist die Förderung der Auslandsmobilität. Es reicht nicht einfach nur zu sagen: Die EU ist ein geniales Konstrukt. Das gilt es eben auch hautnah zu erleben. Du kannst über Grenzen gehen, ohne den Reisepass zu zeigen oder während deines Auslandsaufenthaltes in einem anderen europäischen Land mit der gleichen Währung bezahlen.

Genau das wollen wir jungen Menschen – ganz gleich welcher Herkunft – mit einem Stipendium ermöglichen, damit auch sie Teil der europäischen Erfahrung sein können. Stipendien können es jungen Menschen, die nicht über die finanziellen Mittel verfügen, möglich machen, ins Ausland zu gehen und die Vorteile von Europa zu nutzen und zu erleben.

Der Europäische Bürgerpreis
Der Europäische Bürgerpreis zeichnet Initiativen aus, die zur europäischen Zusammenarbeit und zur Förderung gemeinsamer Werte beitragen. Im diesjährigen Europäischen Jahr der Jugend wurden Augenmerk auf Projekte für junge Menschen gelegt. Der Preis wird alljährlich vom Europäischen Parlament an Bürger oder Gruppen verliehen, die besondere Leistungen erbringen.