#ZUKUNST! im Schauspielhaus Dortmund

Analoge Kulturorte im virtuellen Raum

In der Reihe #ZUKUNST! haben Expertinnen und Experten in Dortmund über Herausforderungen der Digitalisierung für Kultur und Medien diskutiert. Kulturstaatsministerin Grütters sieht darin vor allem die Chance, über digitale Zugänge eine breitere kulturelle Teilhabe zu ermöglichen.

Kulturstaatsministerin Grütters bei ihrer Eingangsrede.

Die Staatsministerin unterstützt Kultureinrichtungen bei der Erweiterung ihres digitalen Zugangs.

Foto: BKM/Birgit Hupfeld

Auch im Kulturbetrieb hat die Digitalisierung als allgegenwärtiges Phänomen die Spielregeln verändert. Ein Thema also für die zweite Veranstaltung in der Reihe #ZUKUNST!, mit der die Beauftragte der Bundesregierung für Kultur und Medien (BKM) Antworten auf große Zukunftsfragen sucht.

Die Teilnehmerinnen und Teilnehmer der Gesprächsrunde zum Thema "Kultur und Digitalisierung" waren Prof. Bernhard Pörksen, Medienwissenschaftler an der Universität Tübingen, Kay Voges, Intendant Schauspiel Dortmund, Dr. Inke Arns, Künstlerische Leiterin Hartware MedienKunstVerein, Prof. Monika Hagedorn-Saupe, Gesamtleiterin des Verbundprojekts museum4punkt0 und Nikola Richter, Autorin und Verlagsleiterin mikrotext.

Neue Wege kultureller Teilhabe

Weil die Digitalisierung als größte kulturelle Revolution seit dem Buchdruck ganz neue Formen der Kommunikation geschaffen hat, entstehen auch vollkommen neue Zugänge zur Wissens- und Kulturproduktion. Dies habe "eine Demokratisierung der Kultur ermöglicht, die lange als utopisch galt", sagte Kulturstaatsministerin Monika Grütters im Schauspielhaus Dortmund. Mit der Öffnung digitaler Zugänge zur Kultur ergeben sich vor allem barrierefreie und niedrigschwellige Wege kultureller Teilhabe "für all jene, die den Tempeln der Hochkultur bisher - aus welchen Gründen auch immer - fern bleiben", so Grütters.

Zukunftsweisende Modellprojekte für einladendere Zugänge beschrieb Monika Hagedorn-Saupe, die darüber berichtete, wie im BKM-geförderten Projekt museum4punkt0 Virtual und Augmented Reality-Technologien die Besucher in ihren Bann ziehen. Sie zeigen beispielsweise verborgene Malschichten eines Gemäldes oder lenken den Blick auf leicht zu übersehende Details.

Monika Hagedorn-Saupe am Rednerpult.

Monika Hagedorn-Saupe stellt Modellvorhaben des Verbundprojektes museum4punkt0 vor.

Foto: BKM/Birgit Hupfeld

Im Spannungsfeld zwischen Geschwindigkeit und Genauigkeit

Medienwissenschaftler Bernhard Pörksen erklärte, was für ihn die "tektonische Verschiebung der Informationsarchitektur" ausmacht. Da durch die schnelle digitale Kommunikation alles sofort sichtbar werde, entstehe ein Grundkonflikt zwischen Geschwindigkeit und Genauigkeit. Klassische Mittler und "Gatekeeper" wie die Medien hätten an Bedeutung verloren. Von ihnen als relevant eingestufte Nachrichten träten in scharfe Konkurrenz zu Informationen, die das Publikum interessant und unterhaltsam findet.

Statt realer Kollektive bildeten sich virtuelle "Konnektive" - Netzgemeinschaften, die über große räumliche Entfernung in Kontakt treten und sich verbinden. Nicht selten entsteht dabei innerhalb dieser Gemeinschaften der Eindruck, ihre Meinung bilde die der Mehrheit ab.

Von Parallelwelten und Schimmelgedichten

"Technologien sind mächtigere Ideologien als politische Ideologien", sagte die Direktorin des Dortmunder Hartware MedienKunstVereins Inke Arns und warf einen Blick auf die bildende Kunst. Als Beispiel zeigte sie Pinar Yoldas Film "Kitty AI", in dem eine durch künstliche Intelligenz gesteuerte Comic-Katze die Weltherrschaft übernimmt.

Wie sich digitale und reale Welt positiv miteinander verknüpfen lassen, erzählte dagegen Kay Voges. Mit seinem gleichzeitig in Dortmund und Berlin gespielten Stück "Parallelwelten" hatte er Schauspieler und Techniker an zwei unterschiedlichen Orten in einen Austausch auf Augenhöhe gebracht.

Von einer kulturellen Neuschöpfung der besonderen Art berichtete auch die Leiterin des mikrotext-Verlags, Nikola Richter: Ein merkwürdiger Satz in einem Wikipedia-Beitrag über Joseph Brodsky hatte zu einem kreativen Projekt inspiriert. Der Fund von 32 Arten von Schimmel in Brodskys ehemaligen Wohnhaus führte via facebook zu einem Band mit Joseph-Brodsky-Schimmelgedichten, der im mikrotext-Verlag erschienen ist.

Kontroverse zum Urheberrecht

In der anschließenden Diskussion sorgte die vom Europäischen Parlament verabschiedete Urheberrechts-Richtlinie für einigen Gesprächsstoff - eine Kontroverse, die Kreativ- und Digitalszene weiter beschäftigen wird. Für Kulturstaatsministerin Grütters ist hier nicht zuletzt die Frage verhandelt worden, "ob und wie professionelles kreatives Schaffen auch im digitalen Zeitalter angemessen vergütet wird - und damit auch die Frage, ob künstlerische und mediale Vielfalt und die Vielstimmigkeit des öffentlichen Diskurses erhalten bleiben."

Einigkeit bestand in der Gesprächsrunde darüber, dass authentische Kulturorte auch in Zeiten der Digitalisierung nicht obsolet werden - im Gegenteil: "Ich glaube hundertprozentig an das Konzept des Theaters in der Mitte der Stadt", erklärte Gastgeber Kay Voges, Intendant des Schauspiels Dortmund. Monika Hagedorn-Saupe sekundierte: Museen sind und bleiben für sie "soziale Begegnungsstätten".

Aus der Digitalisierung etwas Gutes machen

Das Publikum diskutierte meinungsstark mit, auch unter dem Twitter-Hashtag #ZUKUNST. Viel Aufmerksamkeit fand dabei Bernhard Pörksens kategorischer Imperativ für das digitale Zeitalter: "Handle stets so, dass Dir die öffentlichen Effekte Deines Handelns langfristig vertretbar erscheinen." Als Schlüssel dafür, aus der Digitalisierung etwas Gutes zu machen, sieht Pörksen die Medienmündigkeit. Sie solle an Schulen gelehrt, von Journalisten vermittelt und im öffentlichen Raum diskutiert werden. An diesem Abend war das Schauspielhaus Dortmund einer dieser analogen Orte, die auch der virtuelle Raum dringend braucht.

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