„Medaillen sind nicht alles”

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SPIEGEL: Frau Schenderlein, Ihre Ernennung zur Staatsministerin für Sport und Ehrenamt hat viele überrascht. Sie waren bislang vor allem als Kulturpolitikerin bekannt.

Schenderlein: Es stimmt, dass ich mich in viele Themen einarbeiten muss. Das gilt aber für viele Menschen in neuen Aufgaben. Ich habe als Kultur- und Medienpolitikerin viel Erfahrung gesammelt, wenn es darum geht, verschiedene Akteure und vor allem verschiedene politische Ebenen zusammenzubringen. Das braucht es in meinem neuen Job auch.

SPIEGEL: Das Echo auf ihre Nominierung war geteilt. Kritiker monieren, dass sie keine Fachpolitikerin sind und schließen daraus, die neue Regierung nehme das Thema »Sport und Ehrenamt« nicht so ernst.

Schenderlein: Ich habe die Kritik natürlich wahrgenommen. Aber ich traue mir die Aufgabe zu – und andere offenbar auch. Es geht darum, mit Leidenschaft für die Themen zu kämpfen, sich einzubringen und gemeinsam mit den Fachleuten Lösungen zu erarbeiten. Ich lerne gerade viel dazu und habe ja auch ein starkes und erfahrenes Team mit rund 60 Leuten.

SPIEGEL: Was ist Ihnen persönlich näher: Theater oder Bolzplatz?

Schenderlein: Sowohl als auch. Ich liebe beides, beides ist wichtig für den gesellschaftlichen Zusammenhalt. Es gibt viele Überschneidungen – bei Volksfesten etwa, wo Sportveranstaltungen und Kultur zusammentreffen. Und ich habe durchaus einen engen Bezug zum Sport: Ich bin regelmäßig im Stadion, war in meiner Kindheit regelmäßig beim Tanzen, meine Mutter war begeisterte Leichtathletin. Ich sehe viele Parallelen zwischen Kultur und Sport.

SPIEGEL: Die ersten Tage haben Sie hinter sich. Haben Sie viel mit Verbandspräsidenten und Sportfunktionären telefoniert?

Schenderlein: Im Sport gibt es viele Akteure, die sofort das Gespräch suchten. Die Liste ist lang, wir arbeiten das Stück für Stück ab. Gleichzeitig lerne ich gerade die Referate innerhalb des Ministeriums kennen und befasse mich vertieft mit den Inhalten. Es ist ein großes Netzwerken und Lernen.

SPIEGEL: Sie sind die erste Staatsministerin für Sport und Ehrenamt. Ein neu geschaffener Posten bedeutet auch Risiko, es gibt noch keine eingespielten Abläufe.

Schenderlein: Ich sehe es in erster Linie als große Chance. Früher war der Sport im Bundesinnenministerium nur ein Bereich unter vielen. Jetzt steht eine Staatsministerin dezidiert für Sport und Ehrenamt – das gibt dem Thema mehr Gewicht. Und die Wege sind kurz, man trifft Friedrich Merz hier auf dem Flur und kann seine Anliegen vorbringen.

SPIEGEL: Sportlerinnen und Sportler beklagten in den vergangenen Jahren oft, dass ihnen ein direkter Ansprechpartner fehlt.

Schenderlein: Es ist auf jeden Fall mein Ziel, mit den Sportlern selbst in Kontakt zu kommen. Ich war direkt nach meiner Ernennung schon auf der Sportministerkonferenz in Chemnitz, habe mit aktiven und ehemaligen Athletinnen und Athleten gesprochen, etwa mit Kanu-Olympiasieger Tom Liebscher-Lutz und Katarina Witt. Der Austausch mir sehr wichtig, um ihre Anliegen direkt aufzunehmen.

SPIEGEL: Was haben Ihnen die Sportlerinnen und Sportler als dringlichste Themen genannt?

Schenderlein: Olympia steht ganz oben auf der Agenda. Viele Athleten wünschen sich Spiele in Deutschland.

SPIEGEL: Laut Koalitionsvertrag unterstützt die Bundesregierung nachdrücklich eine deutsche Bewerbung um Olympische und Paralympische Spiele. Vier Ausrichterorte kommen infrage. München hat schon angekündigt, im Oktober die Bürger über eine Bewerbung entscheiden zu lassen. Zuletzt stimmten die Bürger immer dagegen, warum soll das nun anders sein?

Schenderlein: Das ist ein Prozess, den die Städte gehen müssen. Entscheidend ist, mit den Menschen im Austausch zu sein und Begeisterung zu wecken. Olympia ist mehr als ein 14-Tage-Ereignis. Wir müssen zeigen, dass wir für den Nachwuchs und die Infrastruktur etwas tun, dass es sich lohnt. Dann kann ich mir vorstellen, dass die Bürger mitziehen.

SPIEGEL: In einem nationalen Wettstreit treten München, Hamburg, Berlin und die Rhein-Ruhr-Region gegeneinander an. Haben Sie einen Favoriten?

Schenderlein: Da bleibe ich neutral. Der Deutsche Olympische Sportbund (DOSB) führt die Gespräche mit dem Internationalen Olympischen Komitee, und die Städte arbeiten aktuell an ihren Konzepten.

SPIEGEL: Am Ende trifft ein »Gremium aus Sport, Politik, Wirtschaft und Gesellschaft zur Diskussion/Entscheidung« wohl eine Vorauswahl. Dieses neu geschaffene Gremium soll im Dezember 2025 vorgestellt werden. Welche Rolle spielen Sie da?

Schenderlein: Dieses Gremium wird erst noch gebildet, da laufen die Diskussionen. Ich bin da mit unterschiedlichen Akteuren im Austausch, welche Rolle der Bund am Ende spielt, werden wir uns anschauen.

SPIEGEL: Haben Ministerpräsidenten wie Markus Söder oder Hendrik Wüst schon angerufen, um Sie von ihren Ausrichterorten zu überzeugen?

Schenderlein: (lacht) Bayern, Nordrhein-Westfalen und Berlin sind mir als Union-regierte Länder natürlich nahe. Aber auch Hamburg finde ich spannend. Ich bin sicher, dass jede Bewerbung ihre Stärken haben wird.

SPIEGEL: Zuletzt begeisterten die Olympischen Spiele in Paris viele Menschen. Das deutsche Abschneiden im Medaillenspiegel war aber enttäuschend. Andere Länder konzentrieren sich bei der Förderung auf wenige Sportarten, Deutschland setzt auf Breite. Muss sich das ändern?

Schenderlein: Wir haben Programme, die Stärken und Talente identifizieren. Aber natürlich stellt sich die Frage, ob man wirklich alles bedienen kann oder ob man Schwerpunkte setzen muss, um ganz oben mitzuspielen. Das will ich aber nicht allein entscheiden – dafür gibt es die Autonomie des Sports. 

SPIEGEL: Wie soll das gelingen?

Schenderlein: Es gibt ja das Potenzialanalysesystem POTAS …

SPIEGEL: … das System bewertet Sportarten nach festen Kriterien – etwa nach sportlichem Erfolg, Potenzial für künftige Medaillen und der Qualität der Verbandsstrukturen. Davon hängt auch ab, wie viel Fördergeld fließt.

Schenderlein: Das finde ich grundsätzlich gut, aber es besteht noch Verbesserungspotenzial. 

SPIEGEL: 2021 etwa schnitt Basketball bei POTAS am schlechtesten ab, zwei Jahre später wurden die Männer Weltmeister und vor einem Jahr die 3x3-Frauen Olympiasiegerinnen.

Schenderlein: Das System ist bei Weitem nicht perfekt, aber es bietet eine gute Grundlage.

SPIEGEL: Die Ampelregierung einigte sich im Vorjahr nach langen Diskussionen auf ein neues Sportfördergesetz. Wegen des Bruchs der Regierung wurde es aber nie beschlossen. Werden Sie davon einiges übernehmen?

Schenderlein: Ich habe mir die bisherigen Entwürfe und die erarbeiteten Inhalte intensiv angeschaut. Der Reformprozess läuft ja nun schon seit fast zehn Jahren, und ich halte es für wichtig, dass wir diesen Prozess endlich zu einem guten Abschluss bringen. Es geht darum, die Strukturen der Spitzensportförderung so aufzustellen, dass wir Talente gezielt fördern und die Athletinnen und Athleten bestmöglich unterstützen können.

SPIEGEL: Ein zentraler Bestandteil des Gesetzes war die Errichtung einer öffentlich-rechtlichen Stiftung, die die Fördergelder verteilen sollte.

Schenderlein: Ich finde, die Einrichtung einer externen Stelle ist ein kluger Gedanke, den ich weiterverfolgen möchte.. Unser Ziel bleibt: Wir wollen den Spitzensport in Deutschland stärken und die Rahmenbedingungen so verbessern, dass unsere Sportlerinnen und Sportler bei internationalen Großveranstaltungen wieder erfolgreicher abschneiden.

SPIEGEL: Zuletzt floss immer mehr Geld in die Sportförderung, die Medaillenausbeute aber wurde schlechter. Wenn es also nicht nur am Geld liegt: Woran hakt es dann?

Schenderlein: Das fragen sich viele. Wir müssen prüfen, was andere Länder besser machen. Im nicht-olympischen Bereich feiern wir große Erfolge, bei Olympia noch nicht so, wie wir es uns wünschen. Der Grundstein für zukünftigen Erfolg wird bereits im Kindes- und Nachwuchsalter gelegt, weshalb wir einen Fokus auf die Talentförderung setzen wollen. Ich habe zum Beispiel bei »Jugend trainiert« gesehen, wie viel Potenzial da ist. Mir ist nicht bange um die Zukunft, wenn wir die richtigen Weichen stellen.

SPIEGEL: Wo soll Deutschland im Medaillenspiegel langfristig hin?

Schenderlein: Weiter nach oben, natürlich..

SPIEGEL: Ist es wichtig, bei Olympischen Spielen möglichst viele Medaillen zu holen? Oder reicht es, dass Deutschland in Sportarten wie Fußball und neuerdings Basketball zur Weltspitze gehört?

Schenderlein: Medaillen sind nicht alles. Überhaupt an den Olympischen Spielen teilzunehmen, ist für die Sportlerinnen und Sportler etwas absolut Besonderes. Aber ich glaube, die Begeisterung für Olympia hängt am Ende auch am Ergebnis. Erfolge schaffen Identifikation, sie stiften Stolz und machen Sportlerinnen und Sportler zu Vorbildern. Denken Sie an Franziska van Almsick: Solche Persönlichkeiten haben eine enorme Strahlkraft und bringen viele Kinder und Jugendliche dazu, selbst aktiv zu werden. Medaillen geben dem Sport eine Bühne und motivieren die nächste Generation.

SPIEGEL: Die Frage ist aber, um welchen Preis. Bei vielen außergewöhnlichen sportlichen Leistungen schwingt heutzutage auch immer der Dopingverdacht mit.

Schenderlein: Fairness und Integrität sind für mich nicht verhandelbar. Es ist ärgerlich und nicht akzeptabel, wenn andere – egal wer –  sich nicht an die Regeln halten. Aber für uns gilt: Wir wollen auf ehrlichem Weg erfolgreich sein. Das ist die Grundlage für den gesellschaftlichen Wert des Sports – und trotzdem brauchen wir ambitionierte Ziele.

SPIEGEL: Ein großes Problem für den Sport ist die Infrastruktur. Viele deutsche Sportstätten sind marode. Die Verbände hatten lange gehofft, der Bund stelle eine Milliarde Euro pro Jahr zur Verfügung, nun kommt laut Koalitionsvertrag "mindestens" eine Milliarde Euro – für die gesamte Legislaturperiode. Verteilen Sie das Geld oder wird das im Bauministerium entschieden?

Schenderlein: Das wird gerade ausverhandelt. Das Bauministerium kümmert sich auch um die Sportinfrastruktur, aber ich habe als Staatsministerin für Ehrenamt ebenfalls die Breite im Blick. 

SPIEGEL: Stichwort Ehrenamt: Der aktuelle Sportentwicklungsbericht zeigt, dass fast ein Fünftel der Vereine seine Existenz durch fehlende Ehrenamtliche bedroht sieht. Wie wollen Sie das ändern?

Schenderlein: Das höre ich auch von vielen Ehrenamtlichen: Die Bürokratie ist zu viel, die Verpflichtungen sind hoch, und es fehlen Leute. Wir müssen das Ehrenamt entlasten – weniger Schreibtischarbeit, mehr Anerkennung. Es geht oft um Wertschätzung, aber auch um konkrete Erleichterungen.

SPIEGEL: Zum Beispiel?

Schenderlein: Zurzeit muss ein Übungsleiter alle zwei Jahre eine Fortbildung nachweisen. Wir prüfen, ob man das nicht verlängern könnte, etwa auf fünf Jahre. Das könnte wieder mehr Menschen davon überzeugen, ihr Wissen in ihrem Sport an Kinder weiterzugeben und würde auch die Vereine entlasten.

SPIEGEL: Vor allem bei den jungen Menschen ist die Bereitschaft geringer, ein Ehrenamt zu übernehmen, klagen die Vereine.

Schenderlein: Wir sollten die jungen Leute direkt fragen, was sie stört und was sie brauchen. Vielleicht braucht es mehr Digitalisierung im Vereinsleben oder eine Ansprache, die ihre Lebenswelt trifft. Da will ich auch selbst vorangehen.

SPIEGEL: Man sieht Sie also bald auf TikTok?

Schenderlein: Das ist der Plan. Noch kämpfe ich darum, bei Instagram den blauen Haken als offizieller Account der Regierung zu bekommen. Aber ja, wir werden auf TikTok gehen.

SPIEGEL: Experten beklagen auch, dass Menschen mit Migrationshintergrund oder körperlichen und geistigen Einschränkungen im Ehrenamt unterrepräsentiert sind – obwohl es auch unter ihnen eine Bereitschaft gebe, mitzuhelfen. Wie kann man das ändern?

Schenderlein: Die Angebote müssen niedrigschwelliger und inklusiver werden. Es geht auch um Vereinbarkeit mit der Familie, etwa für Frauen. Viele wachsen ins Ehrenamt hinein, wenn die Eltern schon engagiert sind. Und durch die Präsenz des Themas im Kanzleramt bekommt das Ehrenamt noch einmal mehr Sichtbarkeit.

SPIEGEL: Was halten Sie von Ehrenamtskarten oder anderen Formen der Anerkennung?

Schenderlein: Das ist eine schöne Geste, aber nicht alles. Es braucht vielfältige Formen der Wertschätzung – von Festen bis zu konkreten Fördermöglichkeiten. Das Ehrenamt in Deutschland ist etwas ganz Besonderes, das wir weiter stärken müssen.

SPIEGEL: Nächstes Jahr erwartet Sie ein Super-Sportjahr, unter anderem mit der Fußball-Weltmeisterschaft, die auch in den USA stattfinden. Überwiegt die Vorfreude oder die Sorge, dass die Trump-Regierung für Probleme sorgt, etwa bei der Einreise von Athleten?

Schenderlein: Erst einmal große Vorfreude! Man weiß ja nie, wie sich die Nachrichtenlage entwickelt, aber ich bin guter Dinge.

SPIEGEL: Werden Sie die Weltmeisterschaft oder auch die Olympischen Winterspiele in Italien besuchen?

Schenderlein: Als Sportministerin sollte man schon mal vor Ort sein, die Athletinnen und Athleten anfeuern und ihnen viel Glück wünschen. Das ist auch eine Form der Anerkennung und Wertschätzung.

 

Quelle: SPIEGEL Sport