"Kein anderes Thema, das so gut verdrängt werden kann!"

Unabhängiger Beauftragter für Fragen sexuellen Kindesmissbrauchs "Kein anderes Thema, das so gut verdrängt werden kann!"

Johannes-Wilhelm Rörig ist Unabhängiger Beauftragter für Fragen des sexuellen Kindesmissbrauchs. Seit fast neun Jahren beschäftigen er und sein Team sich mit sexueller Gewalt gegen Kinder und Jugendliche. Warum braucht es einen Missbrauchsbeauftragten der Bundesregierung und was treibt ihn persönlich an?

Johannes-Wilhelm Rörig legt nachdenklich eine Hand an das Kinn und blickt nach schräg vorne.

Johannes-Wilhelm Rörig möchte Mädchen und Jungen besser vor sexueller Gewalt schützen.

Foto: Burkhard Peter

Johannes-Wilhelm Rörig kämpft gegen sexuelle Gewalt gegen Kinder und Jugendliche. Seine Energie schöpft er aus dem Wissen, was den Mädchen und Jungen angetan wird. "Wir reden über tausende Kinder, die in Deutschland sexueller Gewalt ausgesetzt sind. Wir reden dabei auch über schwerste Gewalttaten, über Penetration, über Vergewaltigung von Kleinstkindern und Kindern, die absolut hilflos sind. Die zum Teil gefoltert werden. Und dass es Menschen gibt, die sich daran sexuell erfreuen."

Der Auslöser

Als im Jahr 2010 der systematische Missbrauch am Berliner Canisius-Kolleg bekannt wurde, richtete die Bundesregierung den Runden Tisch "Sexueller Kindesmissbrauch" ein und berief die ehemalige Bundesfamilienministerin Christine Bergmann zur ersten Unabhängigen Beauftragten zur Aufarbeitung des sexuellen Kindesmissbrauchs (UBSKM). Das Ziel: Den Betroffenen eine staatliche Anlaufstelle außerhalb eines Strafverfahrens bieten. 

Am 14. Januar 2010 wendeten sich drei ehemalige Schüler des Berliner Canisius-Kollegs an den damaligen Direktor der Schule, Klaus Mertes. Patres, die an der Jesuitenschule unterrichtet hatten, hatten die Schüler in den 1970er-Jahren missbraucht. Mertes machte die Taten öffentlich und löste damit eine bundesweite Debatte über sexuellen Missbrauch in kirchlichen Einrichtungen aus. In der Folge wurden weitere Fälle bekannt, darunter am Benediktinerkloster Ettal in Südbayern und an der Odenwaldschule in Südhessen.

Im Dezember 2011 folgte Rörig als Missbrauchsbeauftragter. Seinen Kindern zu erklären, was er macht, "das war eine gewisse Herausforderung". Seine Tochter war damals 13, sein Sohn zehn. "Ich hatte Glück, dass es in der Schule, in der meine Kinder waren, Präventions-Workshops gab. Da kam dann schnell die Reaktion von meinem Sohn: 'Ach, das haben wir schon mal besprochen.'" 

Die Aufgabe

Eine zentrale Aufgabe des Amtes ist neben der Funktion als Ombudsstelle für die Interessen Betroffener die Öffentlichkeitsarbeit. Viele Menschen wüssten gar nicht, was sexueller Missbrauch ist, wo dieser anfängt und wo man Hilfe finden kann. "Es gibt kein Thema, das so gut verdrängt werden kann wie der sexuelle Kindesmissbrauch", sagt Rörig.

Durch die Corona-bedingte häusliche Isolation im Frühjahr dieses Jahres fehlte der Kontakt zu Erziehern, Lehrern und anderen entscheidenden Hinweis- und Unterstützungsgebern im sozialen Umfeld der Kinder. Viele Kinder waren noch größeren Gefahren familiärer Gewalt ausgesetzt. Rörig hat darauf reagiert und die Initiative "Kein Kind alleine lassen" gestartet: Auf www.kein-kind-alleine-lassen.de finden Kinder und Jugendliche direkten Kontakt zu Beratungsstellen, für Erwachsene gibt es Informationen, was sie bei familiärer Gewalt tun können sowie Materialien zum Teilen im Netz. Die Initiative ist ein großer Erfolg, so Rörig. Die Materialien wurden in großer Zahl heruntergeladen und verteilt, bundesweit haben sich Bürgerinnen und Bürger, Organisationen und Unternehmen beteiligt. "Wir hoffen jetzt sehr, dass Schulen und Institutionen weiterhin geöffnet bleiben, damit die soziale Kontrolle nicht erneut wegbricht."

Ein kleines blondes Mädchen stützt den Kopf auf die Knie und schaut weg. Daneben steht: Gemeinsam gegen Missbrauch. Über ihr steht: kein-kind-alleine-lassen.de. Am rechten oberen Rand erscheint das Logo des Unabhängigen Missbrauchsbeauftragten.

Jede und jeder muss auf Kinder im Umfeld achten - darum geht es bei der Aktion "Kein Kind alleine lassen".

Foto: www.kein-kind-alleine-lassen.de

Zu den Aufgaben des Unabhängigen Missbrauchsbeauftragten gehören die Information, Sensibilisierung und Aufklärung zu Themen der sexualisierten Gewalt gegen Kinder und Jugendliche sowie die Unterstützung bei Präventions- und Hilfemaßnahmen in Einrichtungen. Um die Gesellschaft weiter für das Thema zu sensibilisieren, hat der Beauftragte beispielsweise den Spot "Anrufen hilft!" produzieren lassen, der bis Sommer 2020 bundesweit in Fernsehen, Kino und Internet ausgestrahlt wurde. Darüber hinaus fallen konkrete Hilfsangebote wie das Hilfeportal und das Hilfetelefon sowie die Sicherstellung einer   systematischen Aufarbeitung sexuellen Kindesmissbrauchs in die Zuständigkeit des UBSKM. Weitere Informationen finden Sie auf der Website.

Das Ziel

Zum 1. April 2019 wurde Rörig in seinem Amt für weitere fünf Jahre bestätigt. Er hat noch viel vor: Hilfsangebote für Betroffene sollen besser, Präventionsmaßnahmen in Schulen, Kitas und anderen Institutionen verstärkt werden. Wer im Kinderschutz arbeitet, soll hinreichend qualifiziert werden. Sogenannte Landesmissbrauchsbeauftragte sollen die verschiedenen Akteure auf Landesebene unterstützen. Auch auf höchster politischer Ebene soll eine kontinuierliche Auseinandersetzung mit dem Thema sexuelle Gewalt gegen Kinder und Jugendliche stattfinden, findet der Beauftragte.

Im Dezember 2019 hat er gemeinsam mit Bundesfamilienministerin Franziska Giffey den Nationalen Rat eingerichtet. Dieser soll bis Sommer 2021 Ziele und konkrete Umsetzungsschritte erarbeiten, um die Prävention, Intervention und Hilfen sowie die Forschung zu sexueller Gewalt und Ausbeutung gegen Kinder und Jugendliche zu stärken.

Der Antrieb

Rörig trifft es, von den Menschen zu hören, die ohne familiäre Stabilität aufgewachsen sind. "Mich berühren die Gespräche mit Betroffenen", sagt er. "Zum Beispiel, wenn mir eine heute erwachsene Frau davon berichtet, wie es sich anfühlt, als Sechs- oder Achtjährige nachts vom Vater vergewaltigt zu werden. Und der Vater Druck ausübt, dass man morgens mit dem 'lieben Papi' frühstücken muss, bevor es in die Schule geht." Für diese Menschen kämpft er.

Johannes-Wilhelm Rörig sitzt gestikulierend an einem Tisch.

Es sind vor allem die Gespräche mit Betroffenen, die den Juristen tief berühren.

Foto: Burkhard Peter

Den sexuellen Missbrauch von Kindern und Jugendlichen einzudämmen, das ist eine Herausforderung, die nicht von heute auf morgen zu meistern ist. Es geht nur in kleinen Schritten voran. Für Rörig steht fest: "Um Erfolge im Kinderschutz zu erreichen, muss man bereit sein, einen Langstreckenlauf zu absolvieren." Und der 61-jährige Marathonläufer hat einen sehr langen Atem. 

Etwa 12.000 Fälle des Kindesmissbrauchs kommen jährlich zur Anzeige. Die Dunkelziffer ist weitaus höher: "Wir gehen von ein bis zwei Kindern pro Schulklasse aus", erläutert Rörig. Nicht berücksichtigt ist hierbei die sexuelle Gewalt, die Kinder im digitalen Raum oder durch Gleichaltrige erleiden.