Kinder sollen von Möglichkeiten des Internets profitieren

Interview mit jugenschutz.net Kinder sollen von Möglichkeiten des Internets profitieren

Gewaltdarstellungen und Cybermobbing - im Internet lauern für Kinder und Jugendliche einige Gefahren. Christiane Yavuz arbeitet bei jugendschutz.net, dem gemeinsamen Kompetenzzentrum von Bund und Ländern. Im Interview berichtet sie von der Arbeit und gibt Tipps, wie Eltern ihre Kinder beim richtigen Umgang mit Social Media unterstützen können.

Zwei Jungs schauen auf ein Tablet.

Kinder müssen den sicheren Umgang mit Online-Diensten erst erlernen.

Foto: Victoria Borodinova / Pixabay

jugenschutz.net ist das gemeinsame Kompetenzzentrum von Bund und Ländern für den Schutz von Kindern und Jugendlichen im Internet. Die Stelle ist seit 2003 an die Kommission für Jugendmedienschutz (KJM) angebunden. Finanziert wird jugendschutz.net von den Obersten Landesjugendbehörden, den Landesmedienanstalten und dem Bundesfamilienministerium.

Frau Yavuz, was macht das Kompetenzzentrum jugendschutz.net? 

Christiane Yavuz: Die Teams von jugendschutz.net recherchieren Gefahren und Risiken in jugendaffinen Internet-Diensten, wie beispielsweise riskante Kontakte, Selbstgefährdungen, politischen Extremismus, Gewalt sowie die sexuelle Ausbeutung von Kindern. Das kontinuierliche Risikomonitoring ermöglicht uns, Gefährdungen für Kinder und Jugendliche frühzeitig zu erkennen und Handlungsbedarfe zu identifizieren. Dabei gehen wir stets vom Medienverhalten junger Userinnen und User aus.

Ein zentraler Bestandteil unserer Arbeit ist die Recherche vorbeugender Schutzmaßnahmen von Dienstbetreibern: Sie stellen eine wichtige Grundlage dar, damit Kinder und Jugendliche Angebote unbeschwert nutzen können. Unsere Erkenntnisse fließen ein in jugendpolitische Entwicklungen, zeigen Betreibern auf, wie sie ihre Angebote verbessern können und unterstützen Jugendliche und Erziehungsverantwortliche bei der sicheren Nutzung beziehungsweise der Medienerziehung.

Welche Themen werden besonders oft gemeldet und wie gehen Sie damit um?

Yavuz: Schon seit Jahren ist das Hinweisaufkommen im Bereich der sexualisierten Gewalt gegen Kinder und Jugendliche, also Missbrauchsdarstellungen, besonders hoch. Im Jahr 2019 betraf dies mehr als die Hälfte (54 Prozent) der über unsere Meldestelle eingegangenen Hinweise. Daneben gehen vor allem Hinweise im Bereich Extremismus und Pornografie sowie Gewalt, Selbstgefährdung und Mobbing ein.

Ist eine verantwortliche Person eines Blogs, eines Beitrags auf einer Website oder im Social Web bekannt, nimmt jugendschutz.net Kontakt auf und fordert zur Beseitigung des Verstoßes auf. Ausnahme: Bei Gefahr im Verzug oder bei Darstellungen des sexuellen Missbrauchs wird die Strafverfolgung eingeschaltet. Reagiert ein Verantwortlicher nicht, wird der Fall an die KJM abgegeben. Diese leitet als zentrale Aufsichtsstelle medienrechtliche Verfahren ein.

Die Bearbeitung von Hinweisen macht aber nur einen Teil unserer Arbeit aus. Vervollständigt werden unsere Analysen durch das kontinuierliche Monitoring sowie eigenständige Recherchen der unterschiedlichen Phänomene. Da werden im Jahresverlauf dann insgesamt schon an die 100.000 Angebote gesichtet.

Porträt Christiane Yavuz.

Kinder und Jugendliche haben ein Recht auf Teilhabe an der digitalen Welt, sagt Christiane Yavuz von jugendschutz.net.

Foto: Christiane Yavuz

Welche Tendenzen und Entwicklungen gibt es derzeit?

Yavuz: Glücklicherweise hat sich über die letzten Jahre der Blickwinkel vom reinen Schutzgedanken hin zu einem stärkeren Einfordern des Rechts von Kindern und Jugendlichen auf Teilhabe an der digitalen Welt gewandelt. Auch Kinder sollten von den Möglichkeiten zur Selbstentfaltung und zum kreativen Schaffen, die das Internet bietet, profitieren können. Gleichzeitig sind Kinder aufgrund ihrer Unerfahrenheit besonders schutzbedürftig. Ziel ist, in diesem Spannungsfeld kontinuierlich Rahmenbedingungen herzustellen, die eine gesunde Balance erlauben.

Verstöße gegen den Jugendmedienschutz können Eltern, Kinder und Jugendliche bei der Online-Beschwerdestelle von jugendschutz.net melden.

Was die Risiken angeht, denen Kinder und Jugendliche online begegnen, sind zu den klassischen Konfrontationsrisiken, wie beispielsweise die Gewaltdarstellungen, längst auch Kontaktrisiken hinzugekommen - also Gefährdungen, die sich aus der Interaktion ergeben, wie Belästigung oder Cybermobbing.

Aus Studien geht hervor, dass der Medienkonsum während der Corona-Pandemie stark zugenommen hat. Inwiefern hat das Auswirkungen auf Ihre Arbeit?

Yavuz: Seit den weitreichenden Maßnahmen während der Corona-Pandemie verbringen Kinder und Jugendliche mehr Zeit online. Kontakte zu Freunden und Familie, Lernen sowie Freizeitaktivitäten finden oft verstärkt im Internet statt. Laut JIMplus-Studie hat der Freizeit-Medienkonsum, insbesondere der von Streamingdiensten, nach Angabe der Jugendlichen während der Schulschließung teils stark zugenommen. Laut Bundeskriminalamt gibt es mehr Hinweise auf Gewalt und Missbrauch in der Familie. Problematisch sind aber auch Falschmeldungen, extremistische Propaganda, gefährliche Challenges oder Cybermobbing. Das stellt Eltern, Lehrkräfte und pädagogische Fachkräfte vor neue Herausforderungen. Jugendschutz.net hat daher eine Übersicht von Angeboten und Beratungsstellen zusammengestellt, die helfen können, Probleme zu bewältigen und Risiken vorzubeugen.

Worauf sollten Eltern, Kinder und Jugendliche besonders achten?

Yavuz: Kinder sind von Smartphones und Tablets fasziniert. Schon jüngere Kinder haben die Bedienung mit einfachen Handbewegungen schnell raus. Doch den sicheren Umgang mit mobilen Geräten müssen sie erst erlernen. Das Wichtigste ist hier, Kinder bei der Nutzung zu begleiten, statt zu überwachen. Eltern sollten sich gemeinsam mit ihrem Kind seine Lieblingsangebote ansehen und über Faszination und Risiken sprechen. Auch gemeinsam vereinbarte Regeln, unter welchen Bedingungen eine aktive Teilnahme möglich ist, sind sinnvoll. Eltern sollten zudem ihrem Kind helfen, seinen Account sicher einzustellen und richtige Entscheidungen hinsichtlich der zu veröffentlichenden Inhalte zu treffen.

Durch die richtigen Einstellungen am Gerät lassen sich Risiken minimieren. Tipps zu Voreinstellungen finden Eltern auf unserer Internetseite "Klick-Tipps". Außerdem stellen wir dort empfehlenswerte Kinder-Apps vor. Gute Kinder-Apps verlangen nur die nötigsten Berechtigungen bei der Installation und schützen die Privatsphäre. Sie enthalten keine ängstigenden oder ungeeigneten Inhalte und verzichten auf ablenkende Werbung. Außerdem sollten dort auch keine In-App-Käufe, Verlinkungen zu Social Media-Plattformen, App-Shops, E-Mail-Konten oder ungeeigneten Webseiten möglich sein.

Wie sicher ist ein bestimmter Online-Dienst? Der Social Media-Kompass bietet einfache Orientierung: Mittels Ampelfarben wird das jeweilige Risiko angezeigt.

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