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30 Jahre Mauerfall

Gedenken als Anerkennung von Lebensleistungen

Am 9. November feierte Deutschland den 30. Jahrestag der Öffnung der innerdeutschen Grenze. Daran erinnerte die Gedenkstätte Marienborn mit dem "Festival Grenzenlos", bei dem Kulturstaatsministerin Grütters eine Festrede gehalten hat. Zuvor hatte sie bei einer Podiumsdiskussion im Tränenpalast in Berlin dazu aufgerufen, die Brüche in den Lebensgeschichten der Menschen in Ostdeutschland stärker anzuerkennen.

Autofahrer reichen sich durch die Fenster die Hand.

Einreisende DDR-Bürger werden am Grenzübergang Helmstedt/Marienborn begrüßt.

Foto: Bundesregierung/Heiko Specht

Der Fall der Mauer am 9. November 1989 hat den Weg zur deutschen Wiedervereinigung bereitet - und ist damit eines der bedeutendsten Ereignisses in der Geschichte der Bundesrepublik. Das 30. Jubiläum wurde deshalb in ganz Deutschland mit zahlreichen Veranstaltungen gefeiert, so auch an der größten ehemaligen Grenzübergangstelle außerhalb Berlins in Marienborn.

Dort erinnerte die Gedenkstätte Deutsche Teilung Marienborn mit dem zentralen Festakt der Landesregierungen Sachsen-Anhalt und Niedersachsen an das, was Kulturstaatsministerin Monika Grütters als die "glücklichsten Stunden unserer Demokratiegeschichte" würdigte. Sie hat am Samstag eine Festrede gehalten und im Anschluss das neu gestaltete Besucherleit- und Informationssystem für den Publikumsverkehr der Gedenkstätte übergeben.

Rund 1.000 Bedienstete versahen auf dem insgesamt 35 Hektar großen Areal der Grenzübergangsstelle Marienborn zu DDR-Zeiten ihren Dienst. Ab 1996 entstand hier die Gedenkstätte Deutsche Teilung Marienborn. Sie wird anteilig aus dem Haushalt der Kulturstaatsministerin gefördert, 2019 mit rund 170.000 Euro.

Podiumsdiskussion im Tränenpalast Berlin

Wie wichtig die Arbeit der Gedenkstätten für die Aufarbeitung der SED-Diktatur ist, hatte die Staatsministerin bereits am gestrigen Abend bei einer Podiumsdiskussion im Tränenpalast Berlin unterstrichen. Rund 160 Gäste aus Politik, Wissenschaft, Museen, Gedenkeinrichtungen sowie Alumni der RIAS-Stiftung waren dort zum historisch-politischen Abend anlässlich des 30. Jubiläums des Mauerfalls zusammengekommen.

Nach Ansicht der Kulturstaatsministerin ist das Gedenken an die Friedliche Revolution "gleichermaßen mahnende und motivierende Erinnerung, dass Demokratie kein Geschenk ist, sondern eine Errungenschaft." Die Erinnerung an das geschehene Unrecht des SED-Regimes sei auch als Appell zu verstehen, "der Saat populistischer Demokratieverachtung keinen Boden zu bieten", so Grütters.

Weitere Teilnehmerinnen und Teilnehmer der Diskussionsrunde waren der Journalist Georg Mascolo, der polnische Historiker Prof. Dr. Wlodzimierz Borodziej und die Bürgerrechtlerin Katrin Hattenhauer.

Heimat und Identität verloren

In diesem Zusammenhang machte Grütters deutlich, dass sich nicht jeder Traum des Jahres 1989 erfüllt hat und manche Hoffnung auch bitter enttäuscht wurde. Die Routinen des Alltags, das soziale Gefüge, die Anerkennung beruflicher Qualifikationen, der bis dato sichere Arbeitsplatz und viele zuvor geltende Werte und Gewissheiten, all das sei im Leben vieler Menschen weggebrochen. "Kurz gesagt: Ihnen sind Heimat und Identität verloren gegangen. Darüber müssen wir reden, daraus müssen wir lernen," mahnte Grütters.

Dabei hoffe sie auch auf die Kraft und die Handlungsbereitschaft all jener Menschen, die nach der politischen und gesellschaftlichen Revolution "auf bewundernswerte Weise" ihre eigene, biographische Revolution gestemmt haben. An den Mut der DDR-Bürgerinnen und -Bürger zu erinnern, die dem SED-Regimes die Stirn boten, bleibe auch über den 30. Jahrestag der Friedlichen Revolution hinaus wichtig "zur Aufarbeitung erschütternden Unrechts und als Anerkennung beeindruckender Lebensleistungen."

Bittere Ironie der Geschichte

Zugleich wies die Staatsministerin darauf hin, dass die Anstrengungen der Wiedervereinigung Deutschland nicht nur politisch und ökonomisch an die Grenze des Leistbaren brachten. "Sie verlangten Veränderungsbereitschaft weit über das in einem durchschnittlichen Menschenleben übliche Maß hinaus und konfrontierten manche Bürgerinnen und Bürgern Ostdeutschlands auch mit den Grenzen des persönlich Verkraftbaren."

Vor diesem Hintergrund sei es "eine bittere Ironie der Geschichte", dass sich ausgerechnet Rechtspopulisten aus dem Westen Deutschlands erfolgreich als einzige Stimme der Ostdeutschen inszenierten, sagte Grütters. Sie hätten keine Scheu davor, sich Leitsätze der Friedlichen Revolution von 1989 anzueignen, um Stimmung gegen demokratische Institutionen und Grundprinzipien zu machen.

Tränenpalast zeigt Schabowski-Zettel

Besondere Gäste im Tränenpalast waren US-amerikanische Rundfunkjournalisten, die als Teilnehmerinnen und Teilnehmer des diesjährigen RIAS Alumni Programms "30th Anniversary of the Fall of the Wall" für ihre Heimatsender über die Feierlichkeiten rund um das Mauerfall-Jubiläum berichten.

Zum 30. Jahrestag des Mauerfalls wird im Tränenpalast erstmals der sogenannte "Schabowski-Zettel" ausgestellt. Günther Schabowski, Mitglied des Zentralkomitees der SED, hatte auf Grundlage dieser Notizen am 9. November 1989 in einer Pressekonferenz irrtümlich die sofortige Reisefreiheit für DDR-Bürgerinnen und Bürger verkündet.