Ein Dorf, gemacht zum Älterwerden

Gesellschaftlicher Zusammenhalt Ein Dorf, gemacht zum Älterwerden

Rot verklinkerte Häuser, schmucke Vorgärten, eingebettet zwischen Feldern und geschützter Moorlandschaft: Das ist das Dorf Vrees in Niedersachsen. Wer hier im Alter Hilfe oder Pflege braucht, soll weiterhin im Ort leben können. Dafür sorgen die Vreeser mit Seniorenwohnungen, einem Pflegehaus - und einer lebendigen Gemeinschaft. 

Der Bürgermeister von Vrees, Heribert Kleene, steht vor dem Bürgerhaus seines Ortes.

Heribert Kleene ist Bürgermeister von Vrees: "Die älteren Leute werden schnell an den Rand gedrängt, aber das soll bei uns nicht passieren."

Foto: Andreas Burmann

Es war Mitte der 2000er. Bei einem Kongress im Emsland diskutierten Kommunalpolitiker und Experten über den demografischen Wandel. Und in Vrees, einer Gemeinde ganz im Nordosten des Landkreises, musste der erste Nachbar überhaupt in ein Pflegeheim umziehen - zehn Kilometer weg von zu Hause, weil es im Dorf keine Betreuungsmöglichkeiten gab. Das gab den Menschen zu denken und es stieß etwas an, das bis heute wirkt - und von dem Senioren wie das Ehepaar Sickert profitieren.

Karin Sickert empfängt auf ihrer Terrasse. Frisch bepflanzte Hochbeete, eine Gartenbank mit Blümchenkissen. In die seniorengerecht gestaltete Wohnung geht es durch einen Vorhang aus Stoffstreifen. Vor einigen Monaten sind die Sickerts eingezogen - Karin (70) und Horst (82). Sie seien erst skeptisch gewesen, vor allem ihr Mann, erzählt Karin Sickert. "Aber nach der Besichtigung haben wir schnell ja gesagt." Vom Umzug aus ihrem 180-Quadratmeter-Haus mit Garten in die Wohnung mit Betreuungsmöglichkeit überzeugte Karin Sickert die Aussicht, nicht mehr Hecke schneiden oder Rasen mähen zu müssen. Für ihren Mann war die kleine Werkstatt im angebauten Schuppen ein Pluspunkt.

Die Senioren leben mitten im Dorf

Das neue Domizil des Ehepaars - das sind 70 Quadratmeter Wohnfläche, offene Küche, Wohnzimmer, Schlafzimmer und Bad. Praktische Schiebetüren trennen die Räume, breit genug für einen Rollstuhl. "Besonders schön ist, dass unter dem Dach noch ein separates Zimmer mit Bad ist, in dem eine Pflegekraft wohnen kann oder unsere Kinder, wenn sie zu Besuch kommen", sagt Karin Sickert.

Fünf seniorengerechte Wohnungen im Ortskern hat die Gemeinde gebaut. Sie sind ein wichtiger Baustein dafür, dass Menschen in Vrees auch im hohen Alter in ihrem gewohnten Umfeld leben und vertraute Kontakte aufrechterhalten können.

"Mensch, Paul, komm doch mal mit"

Dienstagnachmittag, 14 Uhr, nebenan im Bürgerhaus. Ein Dutzend Senioren sitzen zusammen und spielen Doppelkopf und Rummikub. Die Tagesbetreuung, zweimal pro Woche im Angebot, ist ein weiterer Pfeiler für ein selbstbestimmtes Älterwerden in Vress - und der zentrale Anlaufpunkt für viele Senioren im Dorf. Auch für Paul Wessels, den 86-jährigen ehemaligen Viehhändler und Taxiunternehmer. Er hörte auf Freunde, als die ihm rieten: "Mensch, Paul, komm doch mal mit." Jetzt ist er regelmäßig Gast in der Tagesbetreuung und genießt die Nachmittage. "Hier lachen wir viel miteinander", sagt Wessels. "Solange ich es gesundheitlich kann, werde ich auch herkommen."

So wie heute schaut auch Heribert Kleene regelmäßig vorbei und klönt mit den Senioren. Der Bürgermeister hat sein Büro ebenfalls im Bürgerhaus, das die Gemeinde im Jahr 2014 als Mehrfunktionenhaus baute. Bei ihm und dem Verein "Wir für Euch - Altwerden in Vrees" laufen alle Fäden zusammen. Kleene ist ein Mann mit vielen Ideen und, seit er als Schulleiter in Pension ging, fast rund um die Uhr für sein Ehrenamt da: "Die älteren Leute werden schnell an den Rand gedrängt, aber das soll bei uns nicht passieren." Das hat man in Vrees schon vor mehr als zehn Jahren entschieden.

Ein Pflegehaus entsteht

Die Vreeser haben für ihr Engagement zahlreiche Auszeichnungen gewonnen, Projekte werden vom Bund und dem Land Niedersachsen gefördert. So profitiert Vrees etwa vom Programm "Demografiewerkstatt Kommunen" des Bundesfamilienministeriums. Ziel des fünfjährigen Programms ist es, Kommunen für den Demografiewandel fit zu machen. Die Erfahrungen der Vreeser werden auch anderen Gemeinden zugutekommen.

Auf der Wiese zwischen dem Bürgerhaus und den Seniorenwohnungen entsteht gerade ein Pflegehaus, in das Bewohner ab Pflegestufe 1 einziehen können. Zwölf Zimmer mit kleiner Terrasse werden gebaut, dazu ein Behandlungszimmer für die ortsansässige Ärztin. Wieder steht das Miteinander im Vordergrund: Im Zentrum zwischen den zwei Gebäudeflügeln haben die Architekten eine Gemeinschaftsküche geplant - einen Treffpunkt, wie es ihn auch in vielen Bauernhäusern in der Region gibt.

Mit Notrufsystem und Werkstatt

Die Wohnung von Karin und Horst Sickert ist noch nicht ganz fertig. Für die Haustür gibt es aber statt eines Schlüssels schon einen Chip. Weitere digitale Funktionen sollen dazukommen. Heizung, Licht und Jalousien werden bequem vom Tablet aus steuerbar sein. Eine Kommunikationsplattform soll auch ein Notrufsystem beinhalten und Kontakte zu anderen Vreesern leichter machen.

In seiner kleinen Werkstatt baut Horst Sickert gerade ein Vogelhaus. Seine Frau plant, sich im Heimatverein anzumelden. Für beide steht fest: "Wir gehen entspannt ins Älterwerden."

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