„Freiheit ist nicht umsonst zu haben“

Was denken unsere Nachbarn? „Freiheit ist nicht umsonst zu haben“

Was denken unsere Nachbarn über den Krieg, die Ukraine und die EU? Wir blicken auf Litauen, ein Land mit bewegter Geschichte. Von der ehemaligen Sowjetunion besetzt, ist Litauen seit 1990 wieder ein unabhängiger Staat. Im Zuge der EU-Erweiterung wurde Litauen Mitgliedstaat der Europäischen Union und der Nato. Ein Gespräch mit Ruta Prusevičienė, der Intendantin der Nationalen Philharmonie Litauens, über die Stimmung in der litauischen Bevölkerung, über die EU und was wir von der Ukraine und der Menschen lernen können.

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„Freedom is not free“, sagt Rūta Prusevičienė, Intendantin der Nationalen Philharmonie Litauens. In der Hauptstadt und größten Stadt des Landes, Vilnius, ist die Litauische Nationalphilharmonie zu Hause.

Foto: Ramūnas Danisevičius

Frau Prusevičienė, welche Auswirkungen des Krieges spüren Sie vor Ort in Litauen?

Ruta Prusevičienė: Wir befinden uns in einer sehr schwierigen geografischen Situation. Im Osten, gut 30 Kilometer von unserer Hauptstadt Vilnius entfernt, liegt Belarus. Im Westen grenzt Litauen an die russische Exklave Kaliningrad. Kaliningrad hat eine große militärstrategische Bedeutung für Russland. Wir wissen nicht, wie viele Waffen und Munition dort stationiert sind. Zudem ist Kaliningrad nur über Litauen auf dem Landweg zu erreichen. Jeden Tag steigen tausende russische Bürgerinnen und Bürger in Züge. Alles in allem ist es eine sehr gefährliche Situation. Mit Blick auf den russischen Überfall auf die Ukraine hat sich die Unsicherheit erhöht: Alles kann passieren.

Welche Stimmung nehmen Sie in der litauischen Bevölkerung wahr?

Prusevičienė: Ich würde sagen, dass rund 80 Prozent der Bevölkerung hinter der Ukraine stehen. Allerdings gibt es auch vor allem ältere Menschen, die schon immer das russische und belarussisches Staatsfernsehen, das wir Zombie-TV nennen, gesehen haben. Das ist reinste Propaganda. Für einige dieser Menschen ist das die einzige Informationsquelle. Sie erfahren nicht, dass Russland Krieg gegen die Ukraine führt.

Auf der anderen Seite leben in Litauen etwa 60.000 junge Menschen aus der Ukraine und etwa 30.000 aus Belarus und Russland. Unter ihnen sind viele Dissidenten, die in ihren Heimatländern geschlagen wurden, in Gefängnissen saßen und nach Vilnius fliehen konnten.

Wenn wir uns fragen, warum es in Russland nur wenig Reaktion und Protest gegen den Krieg in der Ukraine gibt, dann liegt das daran, dass die Bevölkerung 20 Jahre lang unterdrückt wurde. Kritiker des Regimes wurden und werden getötet, geschlagen und aus dem Land verbannt. Daher haben nur wenige Menschen den Mut zu protestieren.

Wie denken die Litauerinnen und Litauer über die Sanktionen gegen Russland?

Prusevičienė: Die Mehrheit der Bevölkerung ist für Sanktionen gegen Russland. Wir Litauer haben bereits vor 30 Jahren eigene Erfahrungen mit Sanktionen gemacht: Unsere Wirtschaft wurde von Russland vollständig blockiert. Wir hatten kein Gas, wir konnten nicht heizen. Viele Produkte gab es nicht zu kaufen. Wir mussten auf sehr primitive Weise leben und das dulden. Als wir kein Benzin hatten, sind wir auf den Pferdewagen umgestiegen. So weit wird es heute sicherlich nicht kommen. Aber wir können etwas aus der jetzigen Situation lernen: Wir müssen durchhalten. Wir dürfen nicht nachgeben. Nur so können wir alle frei sein. Denn: Freiheit ist nicht umsonst zu haben. („Freedom is not free.“)

Was können wir von der Ukraine und der Bevölkerung lernen?

Prusevičienė: Wir können alle von den Ukrainerinnen und Ukrainern lernen. Wir können von ihrer Stärke lernen. Sie lieben ihr Land und setzen sich für es ein. Nach Litauen sind viele, viele ukrainische Flüchtlinge gekommen. Mehr als die Hälfte derer, die Zuflucht gesucht haben, arbeiten hier. Der Großteil der Männer ist in der ukrainischen Armee. Also müssen sich die Frauen um die Kinderbetreuung kümmern und gleichzeitig arbeiten gehen. Von einer Frau aus Mariupol weiß ich, dass sie aus den Trümmern der Stadt geflohen ist, nach Litauen kam und am nächsten Tag gleich begann zu arbeiten. Die Menschen lassen sich nicht brechen, sie sind stark und tapfer.

Was können wir in Europa gemeinsam tun?

Prusevičienė: Die Europäerinnen und Europäer haben viel geschaffen und erreicht. Wir schätzen unsere Werte, unsere Freiheit. Doch wir sollten ein bisschen mehr über die Verantwortung gegenüber den anderen nachdenken – nicht nur über Rechte, sondern auch über die Verpflichtungen. Um also auf die menschlichen Werte zurückzukommen: Ich denke, dass wir uns in Europa noch mehr darauf besinnen sollten. Wir brauchen einander und insgesamt braucht es eine große gemeinsame Kraft.

Die Grundidee Europas, der europäische Geist ist das Zusammenhalten und Zusammenstehen. Ist dieser Geist gerade jetzt in diesen besorgniserregenden Zeiten besonders gefragt?

Prusevičienė: Absolut. Wir haben das Glück, Kreativität, Innovationen und eine sehr alte tausendjährige Kultur miteinander teilen zu können. Es ist ein europäisches Phänomen, dass wir gerne etwas zusammen erschaffen und dann teilen, um das Leben zu verbessern. Das ist der große Fortschritt von Europa.

Nehmen wir zum Beispiel die Orchester. Orchester sind europäischen Ursprungs. Jetzt gibt es sie in Asien, in Neuseeland, in Mexiko überall auf der Welt. Denken Sie auch an die Chöre. Auch die haben in Europa ihren Ursprung und sich nach und nach überall in der Welt ausgebreitet. Was wir jetzt brauchen, können wir aus der Philanthropie lernen: menschenfreundliches Denken und Verhalten. Wir brauchen Menschen, die Gutes für andere Menschen tun. Wir sollten den Menschen in der Ukraine zuallererst helfen und dann erst den Blick auf uns selbst richten.

Man sagt, Musik verbindet und schafft ein Gemeinschaftsgefühl. Musik verbinde Menschen über unterschiedliche soziale, politische, kulturelle Erfahrungen und sprachliche Barrieren hinweg miteinander. Was können wir von der Musik lernen?

Prusevičienė: Von der Musik können wir lernen, dass sie wirklich und wahrhaftig verbindet. Sie heilt. Musik braucht keine Sprache oder Worte. Selbst wenn ich zum Beispiel die Matthäuspassion höre, verstehe ich vielleicht kein Deutsch, aber es heilt. Man kann über einige höhere Dimensionen nachdenken, über die menschliche Dimension hinaus.

Ganz gleich welche Stücke, welches Orchester oder welcher Chor mit welcher Sprache spielt und singt: Im Moment der Interpretation spürt man die Mentalität der Menschen. Das was Musik dann macht, ist vereinen. Ob Bach oder litauische Musik: Musiker sind diejenigen, die die Menschen und die Welt sofort wieder miteinander verbinden können.

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