Eine fliegende Wetterstation und Moos in rauen Mengen

Siegerehrung im Wettbewerb „Jugend forscht“ Eine fliegende Wetterstation und Moos in rauen Mengen

Sie hatten kluge Ideen, ließen sich auch von Widrigkeiten nicht entmutigen und erhielten jetzt eine besondere Auszeichnung: In Lübeck wurden die Siegerinnen und Sieger von „Jugend forscht“ geehrt. Bundesbildungsministerin Stark-Watzinger lobte ihre Kreativität und ihr Durchhaltevermögen. Die Sieger-Projekte im Überblick.

Foto zeigt Cornelius-Ägidian Quint mit seinem Forschungsprojekt

Für seine Idee, wie sich Moose auf ehemaligen Moorflächen schneller wieder ansiedeln lassen, wurde Cornelius-Ägidian Quint ausgezeichnet.

Foto: Stiftung Jugend Forscht e V. / Max Lautenschläger

Der 18-jährige Schüler Cornelius-Ägidian Quint aus Schleswig-Holstein hatte in diesem Jahr bei „Jugend forscht“ eine besonders ausgefallene Idee im Fachgebiet Biologie. Er entwickelte eine eine kreative Idee, wie sich Moose auf ehemaligen Moorflächen schneller wieder ansiedeln lassen, um diese zu renaturieren. Intakte Moore speichern große Mengen des Treibhausgases Kohlendioxid. Allerdings wurden hierzulande viele Moore entwässert. Die Renaturierung ist langwierig.

Um diesen Prozess beschleunigen, vermehrte Cornelius-Ägidian Quint Sprossen der Moosart „Sphagum fallax“ in gefiltertem Moorwasser und umhüllte sie mit Alginat, einem Kohlenhydrat aus Algen. In einer mit feuchtem Torf befüllten Wanne wuchsen aus den Alginatkügelchen kleine Moospflanzen. Die vermehrungsfähigen Pflanzenzellen verpackte der Schüler so, dass sie sich wie Samenkörner großflächig ausstreuen lasse. Für diese Idee erhielt der 18-Jährige den Sonderpreis des Bundeskanzlers für die originellste Arbeit.

Seine Arbeit wird Cornelius-Ägidian Quint Bundeskanzler Olaf Scholz persönlich vorstellen: Für Dienstag, 6. September 2022, ist ein Empfang für ihn und alle Prämierten in Berlin im Bundeskanzleramt geplant. Die Einladung aller Bundessieger und Platzierten zu einem Empfang im Bundeskanzleramt gehört seit 1981 zur Tradition des Wettbewerbs.

Der Sonderpreis des Bundeskanzlers wurde 1971 erstmals ausgelobt. Er unterstreicht die große Bedeutung der Förderung des Forschungsnachwuchses und die Wertschätzung, die diesem bundesweiten Wettbewerb zukommt.

Publikumsveranstaltung nach Corona-Pause

Nachdem 2020 pandemiebedingt die Wettbewerbsrunde ausfallen musste und der Wettbewerb im vergangenen Jahr nur in digitaler Form stattfand, präsentierten in diesem Jahr 168 Jugendliche insgesamt 108 Projekte und stellten sich einer ausgewählten Fachjury. Die Projekte teilen sich in sieben Fachgebiete auf: Arbeitswelt, Biologie, Chemie, Geo- und Raumwissenschaften, Mathematik/Informatik, Physik und Technik. Die jeweils besten fünf Projekte pro Fachgebiet werden mit Geld- und Sachpreisen ausgezeichnet.

Der Bundeswettbewerb ist Höhepunkt und zugleich Finale der aktuellen 57. Wettbewerbsrunde. Hier treten die Erstplatzierten der Landeswettbewerbe gegeneinander an. Das Finale fand in diesem Jahr vom 26. bis 29. Mai in Lübeck statt. Bundespatenunternehmen war das Forschungsforum Schleswig-Holstein.

Deutschlands beste MINT-Talente 2022

Bundessieger im Fachgebiet Arbeitswelt wurde Vincent Nack (15 Jahre) aus Bayern. Er konzipierte ein autonomes Notbrems-Assistenzsystem für Fahrräder, das Zusammenstöße verhindern kann. Dazu nutzte er Ultraschall- und Lagesensoren sowie eine elektromechanische Ansteuerung der Hinterradbremse.

Bundessieger im Fachgebiet Biologie wurde David Sauer (18 Jahre) aus Rheinland-Pfalz. Am Beispiel der Acker-Schmalwand, einem Kreuzblütler, untersuchte er den Einfluss von Dihydroxybenzene auf Pflanzen. Dihydroxybenzene kommen als toxische Abbauprodukte bestimmter organischer Stoffe in der Umwelt vor. Über deren Wirkungsmechanismen war bislang wenig bekannt.

Bundessiegerinnen im Fachgebiet Chemie wurden Hannah Amrhein (17 Jahre) und Lena und Hanna Fries (beide 16 Jahre) aus Bayern. Die drei Schülerinnen fanden einen neuen Ansatz, um den Pflanzennährstoff Phosphor aus Abwasser zu recyceln. Sie nutzten die sogenannte Elektroflotation, bei der winzige Flocken Phosphate binden.

Bundessiegerin im Fachgebiet Geo- und Raumwissenschaften wurde Vanessa Guthier (18 Jahre) aus Sachsen-Anhalt. Die Schülerin schrieb ein Computerprogramm, mit dem sie die spezifischen Bedingungen identifizieren konnte, die erfüllt sein müssen, damit Gammastrahlung entstehen kann.

Bundessieger im Fachgebiet Mathematik/Informatik wurde Elian Terelle (18 Jahre) aus Rheinland-Pfalz. Der Schüler entwickelte ein eigenes, kostengünstiges System für Video-Liveübertragungen im Sportbereich. Mit diesem lassen sich spannende Spielszenen zurückspulen und wiederholen, sowohl in Originalgeschwindigkeit als auch in Zeitlupe.

Bundessieger im Fachgebiet Physik wurde Carlos Steiner Navarro (18 Jahre) aus Nordrhein-Westfalen. Der Schüler der deutschen Schule „Albrecht Dürer“ in Sevilla/Spanien befasste sich mit dem Effekt des magnetischen Schwebens. In Experimenten gelang es ihm, einen kleinen Magneten beständig zum Schweben zu bringen, die Schwebeposition zu berechnen und das Phänomen theoretisch zu erklären.

Bundessieger im Fachgebiet Technik wurden Johann Elias Stoetzer (17 Jahre) und Steven Gurgel (17 Jahre) aus Mecklenburg-Vorpommern. Die beiden Schüler entwickelten ein Verfahren, um selbst hergestellte 3-D-Sensoren auf Textilien aufzudrucken. Ihr Ansatz ermöglicht künftig eine Reihe neuer Anwendungen, so etwa zur Ausstattung von Schutzkleidung.

Preis des Bundespräsidenten für „eine außergewöhnliche Arbeit“

Als Schirmherr von Jugend forscht stiftet Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier jedes Jahr den „Preis für eine außergewöhnliche Arbeit“. Er ging in diesem Jahr an Hendrik Ridder aus Bremen. Der 16-jährige Schüler baute eine 2,5 Meter lange Wasserrakete, die bis in eine Höhe von 270 Metern fliegen kann. Der Flugkörper startet von einer selbst konstruierten Startrampe, wird vollautomatisch gesteuert und dient als fliegende Wetterstation.

„Schön, dass es den Wettbewerb gibt“

Bundesforschungsministerin Bettina Stark-Watzinger, zugleich Kuratoriumsvorsitzende der Stiftung Jugend forscht e.V., zeigte sich bereits im Vorfeld der Preisverleihung beeindruckt: „Gegen alle Widrigkeiten und mit viel Durchhaltevermögen haben Sie selbst ein Forschungsprojekt erarbeitet und dabei dem einen oder anderen Zufall auf die Sprünge geholfen“. Mit Entdeckergeist, Neugier, Kreativität, aber auch mit Hartnäckigkeit und Beharrlichkeit hätten die jungen Forscherinnen und Forscher viel erreicht. „Sie sind am Ball geblieben, wenn nicht gleich alles glatt läuft, um vor allem Unerwartetes als Chance wahrzunehmen“, so die Ministerin in ihrem Grußwort zur diesjährigen Wettbewerbsrunde.

Sie freue sich darüber, dass Jugend forscht längst fester Bestandteil der deutschen Kultur sei. „Fast alle haben schon einmal davon gehört. Viele haben mitgemacht oder kennen Menschen, die dabei waren. Der Wettbewerb passt zu unserem Land, weil wir eine Bastler-, Tüftler- und Erfindernation sind“. Jugend forscht helfe mit, dass das auch so bleibt und wir unserem Ruf weiter alle Ehre machen. „Schön, dass es den Wettbewerb gibt“, bekräftigt die Bundesforschungsministerin.

Die Ministerin gratulierte allen Finalistinnen und Finalisten herzlich zu ihrem Erfolg und wünschte ihnen, „dass die Erfahrung mit Jugend forscht Sie stolz macht und auf Ihrem weiteren Weg eine Inspirationsquelle bleibt, Sie womöglich zu neuen Zielen führt“.

Preis der Bundesforschungsministerin für die „beste interdisziplinäre Arbeit“

Auch die Bundesforschungsministerin ehrt die Jungforscherinnen und Jungforscher mit einem Preis für die „beste interdisziplinäre Arbeit“: Maximilian Pfannkuch, Jaro Filip und Dominik Hein (alle 19 Jahre) aus Hessen konstruierten ein neuartiges, per App gesteuertes Reinigungssystem, das Raumluft mit dem Licht von LEDs wirkungsvoll desinfiziert.

Unter dem Motto „Zufällig genial?“ hatten sich für die 57. Wettbewerbsrunde rund 8.527 Jungforscherinnen und -forscher angemeldet und an den Regional- und Landesausscheidungen beteiligt. Zugleich erreicht der Mädchenanteil bei den Anmeldungen mit 40,5 Prozent den höchsten Wert in der „Jugend forscht“-Geschichte. Für die Wettbewerbsrunde 2022 meldeten sich insgesamt 3.456 Jungforscherinnen an. Im vergangenen Jahr betrug Anteil der Jungforscherinnen 39,6 Prozent.

Der Startschuss für die 58. Wettbewerbsrunde erfolgt am 1. Juli 2022. Bis zum 30. November 2022 können sich junge Menschen mit ihren Projekten bewerben.

Schlagwörter