Europa 

Europa und der Mauerfall: Freiheitsbewegung in Polen

Solidarność – Vorreiter des Umbruchs

Mit der Gründung der polnischen Gewerkschaft Solidarność 1980 begann eine Freiheitsbewegung, die ganz Mittel- und Osteuropa inspirierte - und entscheidend zum Fall der Berliner Mauer und der Wiedervereinigung Deutschlands beitrug. Ein Rückblick.

Eine riesige Menschenmasse mit polnischen Nationalflaggen hat sich vor einem Absperrgitter versammelt.

Wegbereiter für die politische Wende 1989: der Streik auf der Lenin-Werft in Danzig.

Foto: action press

14. August 1980: Streik auf der Danziger Lenin-Werft 

1980 steckt Polen in einer wirtschaftlichen Krise. Als zum 1. Juli die staatlich geregelten Preise für Fleisch erhöht werden, brechen im Land Streiks aus.

Auch unter den Belegschaften der Werften an der polnischen Ostseeküste gärt es. Am 14. August legen die Angestellten der Danziger Lenin-Werft ihre Arbeit nieder und gehen unter Führung des Elektrikers Lech Walesa auf die Straße, um zu protestieren. 

31. August 1980: Unterzeichnung des Danziger Abkommens

Zwei Wochen später findet der Streik der Werftarbeiter mit der Unterzeichnung des sogenannten "Danziger Abkommens" durch Vize-Premier Mieczyslaw Jagielski und Walesa ein Ende. Das Ergebnis ist wegweisend: Erstmals in einem Ostblock-Land werden unabhängige Gewerkschaften zugelassen.

In der Folge gründet sich die Gewerkschaft Solidarność. Innerhalb kurzer Zeit treten fast zehn Millionen Polen der Gewerkschaft bei. Als 1981 General Wojciech Jaruzelski das Amt des Ministerpräsidenten übernimmt, wird diese Entwicklung jäh unterbrochen.

13. Dezember 1981: Ausnahmezustand in Polen

Die sowjetische Führung übt Druck aus, die Solidarność-Bewegung niederzuschlagen. General Jaruzelski verhängt das Kriegsrecht. Mit enormen Auswirkungen auf das Leben in Polen: Es herrscht Ausgangssperre. Die Grundrechte sind eingeschränkt. Solidarność wird verboten, führende Köpfe der Gewerkschaft verhaftet. Sie kann fortan nur noch im Untergrund agieren.

5. Oktober 1983: Walesa erhält den Friedensnobelpreis

Der Ausnahmezustand dauert knapp zwei Jahre. In dieser Zeit bleibt Solidarność in den Köpfen und hat weiterhin Unterstützer – auch im Ausland. Erst 1983 hebt die Regierung das Kriegsrecht auf. Solidarność bleibt weiterhin verboten.

Im gleichen Jahr gibt das Osloer Komitee die Verleihung des Friedensnobelpreises an Walesa bekannt - für seinen Beitrag zur Gründung unabhängiger Gewerkschaften.

Sommer 1988: Eine neue Streikwelle beginnt

Das Kriegsrecht hat die Oppositionsbewegung nicht dauerhaft unterdrücken können. Im Sommer 1988 brechen erneut Streiks aus. Es kommt zu Gesprächen zwischen der kommunistischen Führung und der noch verbotenen Solidarność . Walesa erklärt sich bereit, zwischen den Streikenden und der Regierung zu vermitteln – unter einer Bedingung: der Einführung eines "Runden Tisches".

6. Februar 1989: Beginn der Gespräche am "Runden Tisch"

In Warschau sitzen Oppositionelle gleichberechtigt neben Vertretern der Regierung am "Runden Tisch". Nach zweimonatigen Verhandlungen dann das Ergebnis: In Polen soll es Wirtschaftsreformen geben, gewerkschaftlichen Pluralismus - und sogar teilweise freie Wahlen. Das Ergebnis ist beispiellos in den ehemaligen Ostblockstaaten.

4. Juni 1989: Erste teilweise freie Wahlen

Bei der Parlamentswahl am 4. Juni 1989 sind erstmals Sitze für freie Kandidatinnen und Kandidaten vorgesehen: 35 Prozent der Sitze sollen der Opposition zur Verfügung stehen, so der Kompromiss. Auch die inzwischen wieder zugelassene Gewerkschaft Solidarność tritt als Partei an. Solidarność gewinnt sämtliche zur freien Wahl stehenden Parlamentsmandate. Mit diesem Wahlerfolg kann die Opposition erreichen, dass Tadeusz Mazowiecki im August 1989 erster nichtkommunistischer Ministerpräsident des Ostblocks wird.

Der "Runde Tisch" und die Wahlen in Polen beschleunigten den Umbruch in anderen Ostblock-Staaten. In Leipzig beginnen im September 1989 die Montagsdemonstrationen. Ungarn öffnet seine Grenze zu Österreich für DDR-Flüchtlinge. Kurz darauf fällt die Mauer in Berlin.

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