"Stromautobahnen"

Herzstück einer neuen Energieinfrastruktur

Deutschland braucht leistungsfähigere Stromnetze: Nur so können die vielen Hundert Windräder an Land und auf dem Meer und Tausende von Solaranlagen ihren Strom landesweit zur Verfügung stellen.

Windkraftanlagen in Brunsbüttel

Verantwortlich für Anträge, Bau und Betrieb der Leitungen sind die vier deutschen Übertragungsnetzbetreiber.

Foto: Sebastian Bolesch

Der Windstrom aus dem Norden Deutschlands soll zukünftig bis in die industriestarken Verbrauchszentren im Süden und Westen fließen. Gleichzeitig schwankt aber die Stromerzeugung aus erneuerbaren Energien stark: Strom fließt nur, solange der Wind weht oder die Sonne scheint.

Früher waren "Einbahnstraßen" – Übertragungs- und Verteilnetze – ausreichend, die den Strom von zentralen Kraftwerken zum Verbraucher brachten. Heute geht eine Vielzahl an kleinen Erzeugungsanlagen zusätzlich ans Netz, wie zum Beispiel Photovoltaik-Anlagen auf Dächern. Das sorgt für "Gegenverkehr" beim Stromtransport.

Neue Netze für die Energiewende

Deutschland stellt sich diesen Herausforderungen: Ausbau und Modernisierung großer Überlandleitungen mit Höchstspannung, der so genannten Übertragungsnetze, stehen dabei im Mittelpunkt.

Das deutsche Stromnetz wird unterteilt in Verteilnetze (Hochspannung, Mittelspannung und Niederspannung) und Übertragungsnetze (Höchstspannung). Diese Übertragungsnetze mit Höchstspannung von 220 oder 380 Kilovolt haben in Deutschland insgesamt eine Länge von circa 35.000 Kilometern. Das Höchstspannungsnetz dient dem landesweiten Transport von Strom zu Verbrauchsschwerpunkten. Es ist mit so genannten Kuppelleitungen auch an das europäische Verbundnetz angeschlossen.

Anreize schaffen

Netzbetrieb und Netzausbau sind in Deutschland privatwirtschaftlich organisiert. Aufgabe der Politik ist es, die Rahmenbedingungen für langfristige Investitionen der Netzbetreiber zu verbessern. Die Bundesregierung hat deshalb das Energiewirtschaftsgesetz (EnWG) vollständig überarbeitet. Es gewährleistet eine transparente und koordinierte jährliche Netzausbauplanung für das gesamte deutsche Höchstspannungsnetz. Das Netzausbaubeschleunigungsgesetz (NABEG) führt ein bundeseinheitliches Planungs- und Genehmigungsverfahren für den Bau neuer Höchstspannungsleitungen ein. Das gilt für alle Leitungen über Ländergrenzen hinweg.  

Zahlen & Fakten
Bis zum Jahre 2020 erzeugt Windkraft fast doppelt so viel Strom wie heute.
Deutschland benötigt bis dahin 4.500 Kilometer zusätzliche Höchstspannungsleitungen, um die Energie auch landesweit verfügbar zu machen.
Das Energieleitungsausbaugesetz (EnLAG) beschleunigt dringliche Leitungsbauprojekte mit einer Gesamtlänge von circa 1.900 Kilometern.
Quelle: Deutsche Energie-Agentur (dena)

Bundesnetz- und Bundesfachplanung

Einen ersten Entwurf für einen so genannten Netzentwicklungsplan (NEP) haben die Übertragungsnetzbetreiber Ende Mai 2012 vorgestellt. Aus dem NEP erarbeitete die Bundesnetzagentur den sogenannten Bundesbedarfsplan. Die entsprechende gesetzliche Regelung dazu, das Bundesbedarfsplangesetz, trat erstmals im Juli 2013 in Kraft. Das aktuelle Bundesbedarfsplangesetz beruht auf der dritten Bedarfsermittlung und trat Ende Dezember 2015 in Kraft.

Mehr Erdkabel

Seitdem gibt es neue Regelungen für den Einsatz von Erdkabeln. Sie sollen bei Leitungen in Gleichstrom-Technik vorrangig zum Einsatz kommen. Das heißt, es wird weniger Strommasten geben. Der Bundesbedarfsplan legt die Trassenkorridore für wichtige Leitungen des Übertragungsnetzes fest. Die Zulassung der einzelnen Leistungsabschnitte und die Festlegung des genauen Trassenverlaufs geschieht wie in der Vergangenheit durch Planfeststellung – eine Aufgabe, die in der Verantwortung der Länder liegt. Für besonders wichtige, landes- und grenzüberschreitende Leitungen wird künftig die Bundesnetzagentur das Planfeststellungsverfahren durchführen. 

Netzentwicklungspläne

Um Veränderungen auf dem Strommarkt Rechnung zu tragen, wird mittlerweile jedes zweite Jahr ein neuer Netzentwicklungsplan mit Umweltbericht erarbeitet. Ergänzend gibt es den Netzentwicklungsplan Offshore, der die Netzentwicklung für die Windenergieanlagen im Meer prognostiziert. Bürger und Verbände können für beide Pläne Stellungnahmen abgeben und sich so an dem Verfahren beteiligen.

Energiewende ja – aber nicht in meinem Hinterhof

Ganz ohne Belastungen – auch das gehört zur Wahrheit – lassen sich solche Großprojekte nicht verwirklichen. Auf der Suche nach Kompromissen bleibt die Bundesregierung deshalb im Gespräch mit Verwaltung, Energiewirtschaft, Umweltorganisationen – und den Verbrauchern.

Ein wichtiger Baustein ist dabei die Plattform Energienetze. Hier sitzen nun regelmäßig alle wichtigen Akteure an einem Tisch. Vertreter aus Bund und Ländern genauso wie Netzbetreiber, Wirtschafts-, Verbraucher- und Umweltorganisationen. In acht Gruppen erarbeiten sie Empfehlungen zum Netzausbau und zur Netzmodernisierung.

Die Offshore-Anbindung von Windkraftanlagen kommt dabei genauso zur Sprache wie Fragen zur Regulierung und Systemsicherheit. Die Energiewende kann nur gelingen, wenn sich alle Beteiligten, auch vor Ort in den vom Stromleitungsbau betroffenen Regionen, darauf einlassen.

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