3. Dezember 1989

SED-Führung sucht Schuldige

3. Dezember 1989: Bei einem geheimen Treffen mit einigen Funktionären gibt DDR-Regierungschef Hans Modrow diese Devise aus: "Genossen, wenn wir die Partei retten wollen, brauchen wir Schuldige." Seine Idee: Die Stasi ist an allem schuld.

Alexander Schalck-Golodkowski (SED), Chef der Kommerziellen Koordinierung (KoKo) im Ministerium für Außenhandel im Gespräch.

1989-12-03 SED-Führung sucht Schuldige

Foto: ullstein bild

"Schild und Schwert der Partei"

Bekannt wird dieses Treffen im Umfeld der letzten Sitzung des SED-Zentralkomitees erst 18 Jahre später – durch ein Interview, das der Ex-Oberbürgermeister von Dresden, Wolfgang Berghofer, dem Wissenschaftler Manfred Wilke für das "Jahrbuch für Historische Kommunismusforschung" gibt. Berghofer ist dabei, als Modrow seine Idee vorträgt, wie die SED zu retten ist.

Der ehemalige Chef der Auslandsspionage, Markus "Mischa" Wolf, reagiert mit dem Einwand: "Hans, wir – Schild und Schwert der Partei – wir haben doch nie etwas ohne Befehle von Euch gemacht." Modrow darauf: "Ja, Mischa, bleib ruhig. Die Aufklärung des MfS halten wir selbstverständlich aus dieser Einschätzung heraus." Daraufhin erklärt sich Wolf mit Modrows Idee einverstanden.

Hauptschuldiger: Schalck-Golodkowski

Berghofer zufolge geht der Regierungschef noch einen Schritt weiter: "Wir brauchen natürlich auch eine hauptverantwortliche Person für die Misere. Das kann nicht Honecker sein, denn er steht für die Partei." Als Hauptverantwortlichen schlägt Modrow Alexander Schalck-Golodkowski vor, den Devisenbeschaffer der DDR, inzwischen Krenz' Beauftragter für die Beziehungen zur Bundesrepublik. Am selben Tag wird der ehemalige Stasi-Offizier "im besonderen Einsatz" aus der SED ausgeschlossen. Tags darauf flieht er nach West-Berlin.

Als das Interview erscheint, behauptet Modrow, seine Äußerungen seien "komplett frei erfunden". Er behalte sich rechtliche Schritte vor, sagt er. Bis heute hat der Verlag des "Jahrbuchs für Historische Kommunismusforschung 2007" allerdings keine Korrekturen an dem Berghofer-Interview vornehmen müssen.

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