10. November 1989

Roland Jahn fährt in die Gegenrichtung

10. November 1989: Bei einer Veranstaltung des Neuen Forums in der Ostberliner Gethsemanekirche sichtet die Stasi einen Mann, den die DDR 1983 zwangsausgebürgert hat: Roland Jahn.

Screenshot Interview Jahn von youtube.com/bundesregierung

1989-11-10 Jahr fährt in die Gegenrichtung

Foto: Bundesregierung/YouTube

Sechs Jahre nach der Zwangsausbürgerung

Während Zehntausende die offene Grenze von Ost nach West überqueren, nutzt Roland Jahn die Gunst der Stunde und besucht seine Freunde in Ostberlin. Sechs Jahre zuvor hatte die DDR dem Bürgerrechtler die Staatsbürgerschaft entzogen und ihn mit Gewalt in die Bundesrepublik abgeschoben. Stasi-Chef Erich Mielke persönlich hat das entsprechende „Maßnahmenpaket“ abgesegnet.

Jahn war ins Visier der Stasi geraten, weil er gegen die Unterdrückung der Meinungsfreiheit demonstriert hatte – unter anderem, indem er bei der offiziellen Jenaer Maikundgebung 1977 ein weißes Plakat hochhielt. Als sein Freund Matthias Domaschk 1981 im Geraer Stasi-Gefängnis starb, schaltete Jahn in der Jenaer Lokalzeitung eine Traueranzeige und klebte sie an Wände und Lichtkästen.

Jahn bleibt unbeugsam

Auch sechs Monate Haft konnten Jahns Widerstand gegen das SED-Regime nicht brechen. 1983 gründete er mit seinen Freunden die Friedensgemeinschaft Jena und demonstrierte gegen die zunehmende Militarisierung der DDR. Im selben Jahr bürgerte die DDR ihn aus und belegte ihn mit einem Einreiseverbot.

Doch Jahn ließ sich dadurch nicht zum Schweigen bringen. Er hielt engen Kontakt zu Oppositionsgruppen in der DDR und unterstützte sie durch Fernsehberichte und indem er Druckmaschinen und Video-Kameras zu ihnen schmuggeln ließ.

Jetzt, wenige Stunden nach der Maueröffnung, herrscht an den Grenzübergangsstellen zwischen Ost- und West-Berlin so viel Konfusion, dass es Roland Jahn gelingt, in den Ostteil der Stadt zu fahren – trotz Einreiseverbot. Als er in der Gethsemanekirche am Prenzlauer Berg an einer Veranstaltung des Neuen Forums teilnimmt, entdeckt ihn zwar die Stasi, aber sie wagt es nicht mehr, ihn festzunehmen.

Im Video berichtet Jahn, wie er zum „Staatsfeind“ wurde, was ihn bewogen hat, nach seiner Zwangsausbürgerung den Kontakt zu den Bürgerrechtlern in der DDR aufrechtzuhalten, und welche Bedeutung die Westmedien für die DDR-Opposition hatten. Und er erklärt, warum Aufklärung kein Verfallsdatum hat.

Seit März 2011 ist Roland Jahn Bundesbeauftragter für die Unterlagen des Staatssicherheitsdienstes der ehemaligen DDR.


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