31. Oktober 1989 - Auf dem Weg zur Deutschen Einheit

Ministerium macht Rauswurf rückgängig

31. Oktober 1989: Katja, Schülerin der Berlin Ossietzky-Schule, darf wieder zur Schule gehen. Ein volles Schuljahr hat die Abiturientin seit ihrem "Relegation" aus der Schule verloren. Mit ihr dürfen drei weitere Schüler wieder am Unterricht teilnehmen.

Ende eines Skandals

Katja und ihre Mitschüler haben lange für ihr Abitur gekämpft, trotz Hausverbots an ihrer Schule. Sie waren rausgeworfen, "relegiert". Zu viert hatten sie im September 1988 vor der Pforte gestanden, gedemütigt und verwirrt. Ohne Perspektive. Sie würden nicht mehr lernen, nicht ihre Prüfung ablegen können. Nicht in der DDR.

Viel war nicht nötig gewesen, um so zu fallen. Die vier hatten ihre Meinung gesagt. Auf einer Kundgebung hatten Benjamin und Philipp Plakate hochgehalten. Mit Freunden hatten sie lästige Zettel ans Schwarze Brett ihrer Schule gepinnt. "Speakers Corner" heißt dieses Schwarze Brett der Ostberliner Ossietzky-Schule. So wie der berühmte Debatten-Platz in London soll auch ihre "Speakers Corner" keine gewöhnliche "Wandzeitung" sein. Sie dient als Bühne – für ein wenig Auseinandersetzung im sozialistischen Kollektiv. Rüstungskritik ist nicht vorgesehen. Doch genau das interessiert die Schüler: Sie würdigen die polnische Opposition, beanstanden Rüstung und waffenstarrende Aufmärsche. "Dem Ansehen der DDR würde ein Verzicht auf die Militärparade ... gut tun", äußert Kai. Unterschriften kursieren, auch Katja unterstützt diese Meinung. Sie steht weiter dazu, als Mitschüler ihre Namen aus der Liste streichen. Bald wird die "Speakers Corner" für die aufmüpfigen Schüler zum Pranger.

Auf die Straße gesetzt

Die "Erweiterte Oberschule Carl von Ossietzky" ist ein heikles Haus: Kinder von DDR-Kritikern lernen hier neben Söhnen und Töchtern der SED-Prominenz. Viele tragen ihre Meinung in die Schule – und stehen mitten im Zwist. Bereits mit zartester Kritik fordern die Jugendlichen einen vernichtenden Apparat heraus: Über Direktor und SED-Bezirksleitung gelangt der Vorgang "Speakers Corner" bis zur Volksbildungsministerin persönlich: Margot Honecker, Frau des SED-Generalsekretärs Erich Honecker.

Am 29. September 1988 folgt die Entlassung aus der "Freien Deutschen Jugend" (FDJ). Mitschüler stimmen über den Rauswurf ab – und über die eigene Zukunft. In Einzelgesprächen wurden sie "auf Kurs" gebracht. Lehrer und Funktionäre eifern, Staatssicherheit, Partei und FDJ, Elternaktiv und Patenbetrieb schalten sich ein. Trotzdem verweigert Benjamins Klasse die nötige Zwei-Drittel-Mehrheit für seinen Ausschluss.

Tags darauf wird ihnen der "Prozess" gemacht: Philipp. Benjamin. Katja. Kai. Sie müssen vor die versammelte Schule treten, doch die Zeremonie missrät: Mitschüler brechen in Tränen aus, setzen sich auf den Boden. Für einen Schulverweis hätte man nicht gestimmt! Beifall, ein Junge hebt die Stimme: Er schäme sich für diese Schule. Der Direktor erteilt Verweise, zwei Schüler werden strafversetzt.

Breiter Widerstand

Die Ossietzky-Affäre ist der Höhepunkt sozialistischer Bildungswillkür. Unzählige waren relegiert, Zehntausende gar nicht erst zum Abitur zugelassen worden, doch bisher scheiterten die Betroffenen im Stillen. Nun regt sich breiter Widerstand. Kirchen halten Solidaritätsandachten. West-Medien berichten. Eine Welle von Protestbriefen erreicht SED, Ministerrat, Volkskammer. Anfang November 1989 tilgt das Volksbildungsministerium die Schulstrafen. Die Jugendlichen dürfen wieder lernen.

Im Oktober 1989 wäre Carl von Ossietzky, der Namensgeber der Schule, 100 Jahre alt geworden. Der Journalist und Friedensnobelpreisträger war Herausgeber der Zeitschrift "Die Weltbühne", hat gegen Aufrüstung und Krieg geschrieben. Die relegierten Ossietzky-Schülerinnen und -Schüler hatten nichts anderes getan, als sich in seinem Sinne zu engagieren.