Deutsche Einheit

Interview

Klier: Natürlich habe ich gegen das SED-System gearbeitet

Sie habe gegen das SED-System gearbeitet, weil es "menschenverachtend war, Menschen eingeschnürt hat – in Korsette der Verlogenheit", sagt die Bürgerrechtlerin Freya Klier. Gemeinsam mit Liedermacher Stephan Krawczyk trat sie in Kirchen auf und entlarvte mit klaren Worten die Machenschaften der DDR-Führung.

Freya Klier, Schriftstellerin, Autorin, Berlin 2010Bürgerrechtlerin

Freya Klier

Foto: Nadja Klier

Im Januar 1988 beschließen Menschen, die aus der DDR ausreisen wollen, die Luxemburg-Liebknecht-Demonstration für eine eigene Kundgebung zu nutzen. Die Stasi verhaftet diese Menschen. Sie, Frau Klier, sind nicht mit marschiert, weil Sie nicht ausreisen wollten. Aber Sie haben sich mit den Inhaftierten solidarisiert und sind so selbst ins Visier der Stasi geraten. Was passierte dann?

Ich habe das Anliegen dieser Gruppe schon sehr ernstgenommen, habe auch den Spruch von Rosa Luxemburg für sie rausgesucht. Aber ich wollte nicht mit marschieren, denn es haben diejenigen dominiert, die meinten: Je stärker wir auftreten, desto größer ist die Chance, schnell rausgeschmissen zu werden. Und ich wollte ja nun das Gegenteil.

Warum wollten Sie nicht raus aus der DDR?

Ich wollte eigentlich nie raus. Stephan Krawczyk und ich haben eine sehr wichtige Arbeit gemacht. Bei unseren Auftritten in Kirchen haben wir Dinge zur Sprache gebracht, die tabuisiert waren. Die Leute sind aus dem ganzen Land dorthin geströmt. Außerdem schrieb ich an einem Buch über die Jugendsituation in der DDR. Ich hatte die erste geheime Jugendbefragung gemacht. Viele junge Leute haben sich an uns geklammert und gesagt: Bleibt hier! Sonst sagt hier bald niemand mehr, was er denkt!

Aber Sie wussten, dass Sie ständig unter Beobachtung der Stasi standen, oder?

Ja, das nahm vor allen Dingen sehr zu. Am Anfang haben sie gedacht, dass sie uns abwürgen können, indem sie Kirchen unter Druck setzen. Sie haben zum Beispiel Gemeindekirchenräten gedroht: Wenn Krawczyk und Klier auftreten, bekommt euer Kind nicht die Lehrstelle, die es haben will. Aber ich selbst kam ja aus der Kirche, war auch Mitbegründerin der Solidarischen Kirche. Daraus entstand ein Netzwerk von rund 300 Kirchenmitarbeitern in der ganzen DDR, und dieses Netzwerk hat gehalten.

Wovon haben Sie in dieser Zeit gelebt?

Von der Kollekte. Als wir das erste Mal auf Kollekte-Basis gespielt haben, habe ich gesagt: Das mache ich nie wieder. Ich war ja Regisseurin, mit 900 Mark brutto. Das war viel für DDR-Verhältnisse. Stephan hatte als Liedermacher noch mehr. Und plötzlich stand man wie ein Bettler da. Und dann haben wir in der Samariter-Kirche gespielt, und der Pfarrer sagte: Denkt mal bei der Kollekte dran, dass die Künstler auch leben müssen. Die Leute haben dann verstanden, dass sie auch etwas beitragen können, obwohl sie anonym bleiben. Davon haben wir erst einmal leben können. Aber der Staat reagierte daraufhin mit extrem hohen Ordnungstrafen. Wenn Stephan Krawczyk und ich zusammen aufgetreten sind, mussten wir 2.000 Mark zahlen. Also begannen Leute für uns zu sammeln. Jede Maßnahme gegen uns führte zu noch mehr Widerstand.

Für Stasi-Chef Erich Mielke waren Sie eine „Initiatorin politischer Untergrundtätigkeit“…

Ja, natürlich habe ich gegen das SED-System gearbeitet. Weil es menschenverachtend war, Menschen eingeschnürt hat – in Korsette der Verlogenheit. Die Erziehung war den Eltern komplett aus der Hand genommen. Die staatliche Zwangserziehung, der sich Eltern unterordnen mussten, hat mich immer sehr gestört. Denken wurde bestraft – es sei denn, es passte mal. In der Wissenschaft zum Beispiel. Gefördert wurde nach Anpassung statt nach Leistung. Es wurde zu Denunziationen aufgerufen. Schon in den Schulen ging das los. Ich muss ganz ehrlich sagen: Es gab fast keinen Bereich, der nicht furchtbar war. Das Gesundheitswesen war eine Katastrophe.

Zurück zum Ausgangspunkt. Nach den Verhaftungen am Rande der Liebknecht-Luxemburg-Demonstration haben Sie sich mit den Inhaftierten solidarisiert und einen Aufruf verfasst. Wie haben sie den verbreitet?

Mit einem Video, das ich mit Ralf Hirsch im Büro des Konsistorialpräsidenten der evangelischen Kirche, Manfred Stolpe, gemacht habe, als der gerade nicht da war. Ich habe meinen Appell stark auf Stephan Krawczyk zugeschnitten, denn der hatte in dem Moment die wenigsten Unterstützer, weil er keiner Gruppe angehörte. Ich habe die Künstler im Westen aufgefordert, solange die DDR zu boykottieren, wie Stephan und die anderen Oppositionellen im Gefängnis sitzen. Die Videokassette hat Ralf Hirsch zum Ostberliner ARD-Korrespondenten Hans-Jürgen Börner gebracht, und abends lief der Aufruf in den "Tagesthemen".

Das war der Anlass für Ihre Verhaftung?

Naja, das war der äußere Anlass.

Und dann kam der Rechtsanwalt Wolfgang Schnur zu Ihnen ins Stasi-Gefängnis Hohenschönhausen. Schnur, der später als Stasi-Spitzel enttarnt wurde…

Er war damals unser aller Vertrauter. Niemand hätte jemals an ihm gezweifelt. Er kam mit einem völlig hängenden Gesicht in meine Zelle und hat mir erst mal mitgeteilt, dass jetzt auch Bärbel Bohley verhaftet worden sei – dank meines Appells, weil ich viel zu weit gegangen sei. Das sind so die kleinen Stachel: Du bist daran schuld, dass auch noch andere… Bei Stephan Krawczyk hat er es ähnlich gemacht. Schnur hat uns so belogen! Er hat gesagt: Die sind alle sauer auf dich. Tag für Tag hat er mir Schuldgefühle eingeredet. Irgendwann hat er gesagt: Es wird einen Prozess wegen Landesverrats geben, und du musst jetzt den Knoten lösen, du bist hier mitverantwortlich. Ihr werdet ein Jahr sitzen und dann abgeschoben. Und die anderen werden in die DDR entlassen. Daraufhin habe ich meine Unterschrift unter meinen Ausreiseantrag gesetzt. Ich war in der Stasi-Haft isoliert und wusste nicht, dass es im Land kochte. Die Kirchen waren rappelvoll, und das SED-Regime wollte einfach Ruhe reinbringen. Als ich merkte, dass ich reingelegt worden war, wollte ich meine Unterschrift zurückziehen. Aber Schnur sagte: Das kannst du jetzt nicht mehr, ihr werdet morgen früh abgeholt.

Wohin wurden Sie gebracht?

Nach Bethel, in die "von Bodelschwinghschen Anstalten", wie sie damals noch hießen; die große diakonische Einrichtung in Bielefeld. Stephan Krawczyk und ich haben dort sofort eine Pressekonferenz vorbereitet. Roland Jahn kam aus Berlin, auch viele andere Journalisten kamen. Wir haben eine Presseerklärung verlesen: dass wir unsere sofortige Wiedereinreise in die DDR sowie die Freilassung der anderen Inhaftierten verlangen. Inzwischen passierte folgendes: Bärbel Bohley, Ralf Hirsch und Wolfgang Templin bekamen von ihren Anwälten zu hören, mit ihrer Entlassung werde es nichts, weil Klier und Krawczyk ausgereist seien; wir hätten es im Gefängnis nicht ausgehalten. Die Bürgerrechtsfreunde haben dann erst mal gar nicht mit uns geredet, als sie in den Westen kamen. Erst als Schnur enttarnt war, flogen die Hintergründe unseres Rausschmisses auf.

Hat sich die Lage nach Ihrer Ausreise beruhigt?

Nein. Der Widerstand in der DDR, in den Kirchen, hörte nicht mehr auf. Weitere Oppositionelle haben Ausreiseanträge gestellt und durften auch alle raus. Weil das Regime immer hoffte: Wenn die raus sind, dann ist Ruhe. Aber es war nie Ruhe, es wurde immer unruhiger, weil die Zeit einfach reif war. Von den Ereignissen im Januar 1988 an kam keine Ruhe mehr rein. Die Umweltbewegung wuchs. Und eigentlich überall in der DDR passierte immer mehr. Und dann kam die gefälschte Kommunalwahl am 7. Mai 1989, …

… der Beginn der Friedlichen Revolution.

Genau. Ich würde auch sagen, dass das mit diesen großen Solidaritätsbewegungen losging, als wir im Gefängnis saßen. Ich staune manchmal, wenn ich Staatssicherheitsakte lese: In Dresden haben Leute zum Beispiel Fußgängertunnel besprüht: Lasst Klier und Krawczyk raus! Wenn die geschnappt worden wären, hätten die auch ein paar Jahre gekriegt. Die Leute haben viele Ideen gehabt und viel gemacht. Das freut mich jetzt gar nicht nur für uns, sondern für die Leute selber.

Freya Klier war Schriftstellerin, Schauspielerin, Regisseurin und Mitbegründerin der DDR-Friedensbewegung. Sie stand unter ständiger Beobachtung durch die Stasi und als sie sich 1988 mit einem Video für inhaftierte Oppositionelle einsetzte, wurde auch sie verhaftet und in der Stasi-Haft isoliert.

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