"Generell denke ich, dass uns viel mehr verbindet als unterscheidet"

Beauftragter für die neuen Länder "Generell denke ich, dass uns viel mehr verbindet als unterscheidet"

Die Menschen in den neuen Ländern können stolz sein auf die selbsterkämpfte gesellschaftliche Freiheit und die Aufbauleistung: Im Interview wirbt Christian Hirte, der Beauftragte der Bundesregierung für die neuen Länder, für den persönlichen Austausch zwischen Ost und West - und er erklärt, was angesichts aktueller Herausforderungen wie dem Strukturwandel in den Kohleregionen jetzt nötig ist.

  • Interview mit Christian Hirte
Christian Hirte

Christian Hirte ist Beauftragter der Bundesregierung für die neuen Länder.

Foto: Büro Christian Hirte MdB

Wir feiern 30 Jahre Mauerfall in diesem Herbst. Nach Umfragen scheint es, als seien mehr als die Hälfte der Ostdeutschen mit den gesellschaftlichen Verhältnissen unzufrieden und fremdelten mit der Demokratie. Die persönliche Zufriedenheit mit ihrem Leben ist dagegen groß. Wie erklären Sie sich das?

Christian Hirte: Zwei Drittel der Bürgerinnen und Bürger sagen, dass es ihnen besser geht als 1990. Und sie schätzen ein, dass dies auch für die anderen Menschen im Osten gelte. Gleichwohl herrscht in den neuen Bundesländern eine stärkere Skepsis vor drohenden Veränderungen. Die Menschen hier haben in ihrem Leben einen großen politischen Umbruch erlebt, der kaum ein Leben unberührt gelassen hat. Viele Menschen haben zudem ihre Arbeit verloren oder sind aus ihrer Heimat weggezogen.

Jetzt ist die Lage gut, aber diese Erfahrungen sitzen tief. Hinzu kommt, dass die Menschen in den neuen Bundesländern ein anderes Verhältnis zum Staat haben als in den alten Bundesländern. In der DDR musste man sich über bestimmte Dinge keine Gedanken machen, so hatte praktisch jeder eine Arbeit. Auf der anderen Seite herrschte ein großes Misstrauen gegenüber diesem Staat, der sich viel zu sehr in das Privatleben der Menschen einmischte.

Sie haben in Interviews von einem falschen Image des Jammerossis gesprochen – gibt es überhaupt "Ossis" und "Wessis"? Oder sind wir, spätestens wenn wir im Ausland sind, einfach nur Deutsche?

Aus meiner Sicht ist die Unterscheidung in "Ossis" und "Wessis" überholt. Sicher gibt es Unterschiede zwischen einem Brandenburger und einem Baden-Württemberger. Die gibt es aber genauso zwischen einem Flensburger und einem Nürnberger.

Die stärkeren Unterschiede bestehen doch heute zwischen Stadt und Land, egal ob Ost oder West. Generell denke ich, dass uns viel mehr verbindet als unterscheidet und bin der Überzeugung, dass es spätestens im Ausland überhaupt keine Rolle mehr spielt, aus welcher Ecke Deutschlands man kommt.

Im Übrigen ist das Stereotyp des Jammerossis gerne gepflegt, während die erfolgreiche und mindestens zufriedene Mehrheit dies nicht vor sich herträgt und medial kaum vorkommt. Dabei können wir auf die selbsterkämpfte gesellschaftliche Freiheit genau so stolz sein wie auf die wirtschaftliche Aufbauleistung.

Strukturwandel, Digitalisierung, Demografie & Co. sind eine gesamtdeutsche Herausforderung – werden sie gerade im Osten oft als "Problem" wahrgenommen?

Die Bürger im Osten haben eine einschneidende Umbrucherfahrung hinter sich. Aktuell stehen wir wieder vor großen Herausforderungen. Der Strukturwandel in den Kohleregionen und Veränderungen in der Arbeitswelt durch die immer stärker voranschreitende Digitalisierung verursachen Unsicherheit.

Im Großen und Ganzen läuft es im Osten gut, was Unternehmensansiedelungen angeht, gerade bei kleinen und mittleren Unternehmen. Aber insgesamt sind die wirtschaftlichen Strukturen kleinteiliger als im Westen. Wo wir größere Fabriken haben, sind das in der Regel verlängerte Werkbänke. Das führt dazu, dass die hochinnovativen Jobs in Forschung und Management im Westen angesiedelt sind.

Deshalb ist es auch Aufgabe der Politik, diese Veränderungen zu begleiten, zum Beispiel durch das Strukturstärkungsgesetz, durch die Kommission "Gleichwertige Lebensverhältnisse" und eine Ansiedlung von Bundesbehörden in den neuen Ländern.

Zudem sollten wir uns mehr bewusst machen, dass der Osten besondere Leistungen erbracht hat. Zunächst hat der Osten die größere Last in Folge von Zweitem Weltkrieg und Teilung getragen. Ab 1989/1990 gab es im Osten einen gewaltigen Transformationsprozess, während im Westen im Wesentlichen alles beim Alten blieb.

Lassen Sie uns mal ins ehemalige Westdeutschland schauen. "Weißensee", "Der Turm", "Gundermann", "Als wir träumten" und nun "Adam und Evelyn" oder "Und der Zukunft zugewandt": Es hat lange gedauert, bis es Geschichten über Menschen und Leben in der DDR gab, die den Horizont der Westdeutschen nach Osten öffnete. Glauben Sie wir wissen heute mehr voneinander als noch vor zehn Jahren?

Wir wissen auf jeden Fall mehr über die Umstände, die die Menschen geprägt haben. Dazu haben die genannten Filme und Bücher vielleicht ein kleines Stück beigetragen können und ich wünsche mir, das weitere hinzukommen, denn dieser Abschnitt der Geschichte ist bei weitem noch nicht auserzählt.

Ich glaube, wir wissen aber auch deshalb mehr übereinander, weil viele Menschen aus dem Osten in den Westen gezogen sind und in letzter Zeit sogar wieder mehr Menschen aus dem Westen in den Osten. Dadurch ist es zu einem persönlichen Austausch gekommen, der noch viel wichtiger ist als ein Bild, das man durch einen Film vermittelt bekommt.

Diesen direkten und persönlichen Austausch fördern wir im Übrigen mit zahlreichen Veranstaltungen zu 30 Jahren Friedlicher Revolution und 30 Jahren Deutscher Einheit.

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