6. Oktober 1989 - Auf dem Weg zur Deutschen Einheit

Abstruses Schauspiel zum DDR-Geburtstag

6. Oktober 1989: Am Vorabend des 40. Jahrestages der DDR huldigen 100.000 Mitglieder der "Freien Deutschen Jugend" mit einem Fackelzug in Berlin der Staats- und Parteiführung. SED-Chef Erich Honecker würdigt auf einer Festveranstaltung die "Errungenschaften" der DDR.

An historischer Stätte gratulieren Mitglieder des DDR-Jugendverbandes Freie Deutsche Jugend (FDJ) am 6.10.1989 mit einem Fackelzug in Berlin der deutschen Demokratischen Republik zum 40. Jahrestag ihrer Gründung

Abstruses Schauspiel zum Republikgeburtstag

Foto: picture-alliance/dpa

Gorbatschow mahnt

Aus allen Teilen der Republik sind die FDJ-ler zusammengekarrt. Denn die SED-Führung will demonstrieren, dass die Lage im Land "normal" ist, wie Staats- und Parteichef Honecker behauptet.

Unter den Ehrengästen ist der sowjetische Präsident Michail Gorbatschow, der durch seine Reformpolitik für viele Menschen in der DDR zum Hoffnungsträger geworden ist. Bei einer Festveranstaltung im Berliner "Palast der Republik" mahnt Gorbatschow die SED, die "Entwicklungsprobleme" der DDR zu durchdenken und zu lösen, in der Gesellschaft gebe es ein "inneres Bedürfnis" zur "ständigen Weiterentwicklung".

Honecker bleibt stur

Honecker geht in seiner Ansprache mit keiner Silbe auf die anhaltende Ausreisewelle und die zunehmenden Proteste gegen das sozialistische Regime ein. Stattdessen spricht er von einer "zügellosen Verleumdungskampagne" gegen die DDR, die darauf abziele, "die Menschen zu verwirren und Zweifel in die Kraft und die Vorzüge des Sozialismus zu säen". Und er kündigt an, die Republik "auch künftig in den Farben der DDR" zu verändern; die Ziele seien im SED-Programm niedergelegt.

Damit unterstreicht Honecker, dass er stur an seiner Linie festhalten will – einer Linie, die Kurt Hager, Sekretär des SED-Zentralkomitees, zwei Jahre zuvor griffig formuliert hat: "Würden Sie, wenn Ihr Nachbar eine Wohnung neu tapeziert, sich verpflichtet fühlen, Ihre Wohnung ebenfalls neu zu tapezieren?" Eine klare Absage an Gorbatschows Reformen in der Sowjetunion.

Honecker und Gorbatschow führen am Rande der Feierlichkeiten ein langes Vier-Augen-Gespräch. Der sowjetische Staatschef sagt später darüber: "Ich war entsetzt. Drei Stunden unterhielt ich mich mit ihm... Und er fuhr fort, mich von den mächtigen Errungenschaften der DDR überzeugen zu wollen."

Opposition fragt "Wohin DDR?"

Am Abend berichtet das DDR-Fernsehen in epischer Breite über die FDJ mit ihren Fackeln und Fähnchen. Andersdenkende kommen nur in den ARD-Tagesthemen vor. Das "Westfernsehen" zeigt auch Bilder von einer Veranstaltung in der Berliner Erlöserkirche. Rund 2.000 Menschen diskutieren mit Oppositionellen über die Frage "Wohin DDR?". Eingeladen zu dieser "Zukunftswerkstatt" hat der Ostberliner Stadtjugendpfarrer.

In Dresden können Stasi und Polizei auch am Vorabend des "Republikgeburtstags" nicht verhindern, dass es zu einer weiteren Demonstration kommt. 10.000 Dresdner rufen nach Gorbatschow. Erneut gibt es Festnahmen. Doch alle Versuche des SED-Regimes, der Lage Herr zu werden, scheitern.

Am 6. Oktober 1989 finden erstmals auch Friedensgebete in Görlitz, Lugau und Coswig statt. Der Protest gegen das Regime weitet sich immer mehr aus.

Beitrag teilen
Schlagwörter