1. Dezember 1989 - Auf dem Weg zur Deutschen Einheit

„Staatsfeind“ Jürgen Fuchs in Leipzig

1. Dezember 1989: In der Leipziger Messehalle tritt Wolf Biermann auf – vor 8.000 Menschen. Die erste Reise Biermanns in die DDR seit seiner Ausbürgerung 1976. Zu Beginn des Konzerts spricht ein Schriftsteller, den das SED-Regime abgrundtief hasst: Jürgen Fuchs.

Jürgen Fuchs, der seit 1977 in Berlin (West) lebt, während einer Lesung im überfüllten Literaturraum der Konrad-Blenkle-Schule.

Jürgen Fuchs

Foto: Bundesrachiv/ADN/ZB/Uhlemann - Ausschnitt Bild 183-1990-0217-005

„Wir finden Sie überall!“

Biermann? Ja. Fuchs? Nein. Nicht einmal jetzt, nach dem Mauerfall, will die DDR Jürgen Fuchs die Einreise genehmigen. Weil er gegen Wolf Biermanns Ausbürgerung protestiert hatte, verhaftete ihn die Stasi und hielt ihn 281 Tage im Untersuchungsgefängnis Hohenschönhausen gefangen. Begründung: „Staatsfeindliche Hetze“. 1977 zwang das SED-Regime Fuchs zur Ausreise.

„Legen Sie sich später nicht mit uns an. Wir finden Sie überall. Auch im Westen. Autounfälle gibt es überall“, rief ihm sein Stasi-Vernehmer nach. Trotz dieser Drohung unterstützte Fuchs seine Freunde in der DDR, wie er nur konnte. Er schuf ein ganzes Netzwerk und gewann Diplomaten und Journalisten dafür, verbotene Literatur über die Grenze zu schmuggeln. Sogar technische Geräte gelangten so – in Einzelteile zerlegt – zu Bürgerrechtlern in der DDR. Auf dem Rückweg brachten Fuchs’ Vertraute Informationen von Friedens-, Umwelt- und anderen Oppositionsgruppen zu ihm nach West-Berlin.

Die Stasi wollte Fuchs „vernichten“

„ICH SCHWEIGE NICHT“ – so die Überschrift eines Gedichts, das Jürgen Fuchs 1978 schrieb. Er sorgte dafür, dass der Westen von Menschenrechtsverletzungen in der DDR erfuhr – und machte sich dadurch auch in der Bundesrepublik nicht nur Freunde. Vom Unrecht im SED-Staat wollte beispielsweise die westdeutsche „Friedensbewegung“ nichts hören, nichts wissen; hier zogen Moskau- und Ostberlin-treue Funktionäre die Fäden.

Erst recht aber provozierte Fuchs mit seinem Engagement die SED selbst. Für sie war er einer der größten „Staatsfeinde“. Jahre später werden 25 Ordner voller Stasi-Akten belegen: Jürgen Fuchs blieb auch in West-Berlin unter ständiger Beobachtung, bis 1989. Der ostdeutsche Geheimdienst startete immer wieder „Zersetzungsmaßnahmen“ mit dem Ziel der „Vernichtung“. Die Stasi-Aktionen gingen so weit, dass vor dem Haus, in dem er wohnte, sogar ein Auto explodierte – genau an der Stelle, an der er kurz zuvor noch mit seinen Kindern gestanden hatte.

„Der Bann ist gebrochen.“

Am 1. Dezember 1989 gelingt es Fuchs dann doch noch, Biermann zum Konzert in Leipzig zu begleiten. Fuchs eröffnet den Abend mit den Worten: „Ich bin sehr bewegt, hier zu stehen. … Wolf Biermann singt in Leipzig! Wie lange haben wir auf diesen Tag gewartet. … Der Bann ist gebrochen. Der Stalinismus hat nicht gewonnen.“ Weiter sagt er: „Über vieles müssen wir lange diskutieren, über Täter und Opfer, über Schuld und Teilung. Jetzt können wir es. Wir sind wieder da. Die Grenze ist auf.“

Auch in den folgenden Monaten und Jahren wird Jürgen Fuchs nicht schweigen. Er wird sich ruhig und bedacht, wie es seine Art ist, an der Aufarbeitung des SED-Unrechts beteiligen. Fuchs wird weiter Klartext reden. Bis zu seinem Tod am 9. Mai 1999. Im Alter von 48 Jahren stirbt er an einer seltenen Art von Blutkrebs. „Vielleicht“, wird der Pfarrer bei der Beerdigung sagen, „war seine tödliche Krankheit nicht gottgewollt, sondern menschengemacht.“ Es gibt Gründe für diese Vermutung: Fuchs selbst greift in „Magdalena“, seinem letzten Roman, eine Stasi-Studie auf. Ein Kapitel darin widmet sich der „Schädigung durch Beibringung radioaktiver Stoffe“.

Jürgen Fuchs stammte aus Reichenbach im Vogtland. In Jena hatte er Psychologie studiert, bis er – kurz vor dem Diplom – die Uni verlassen musste. Heute trägt die Stadtbücherei von Reichenbach seinen Namen, der Thüringer Landtag hat die offizielle Adresse „Jürgen-Fuchs-Straße“, in Berlin-Dahlem ist ihm ein Platz gewidmet.

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