Bürokratieabbau

Leben auf dem Land

Ein Dorf wird digital

Betzdorf-Gebhardshain geht es wie vielen anderen ländlichen Regionen. Die Bevölkerung altert, viele junge Leute ziehen in die Städte. Aber die Gemeinde steuert gegen – mithilfe der Digitalisierung. Ein Ortsbesuch in Rheinland-Pfalz.

Projektleiterin Sarah Brühl in Betzdorf-Gebhardshain

Projektleiterin Sarah Brühl: "Dorfgemeinschaft - auf eine neue Art."

Foto: Jennifer Braun

Auf der Fensterbank läuft sich der 3D-Drucker warm. Eine Riege kleiner orangener Roboter-Schlüsselanhänger steht daneben, vor Kurzem erst ausgedruckt. In der Couchecke liegt einsatzbereit eine VR-Brille, mit der man in virtuelle Welten eintauchen kann. Sarah Brühl schaltet ihr Tablet an und startet die App "Dorffunk". Sie wischt ein paar Mal über den Bildschirm, dann hat sie den Überblick über die letzten Neuigkeiten: "Eine Frau hat einen Schlüsselbund gefunden und ein Foto davon hochgeladen." Mit ein bisschen Glück wird die App dabei helfen, den Besitzer zu finden. Es ist die Summe vieler kleiner Anwendungen und Initiativen, die mithilfe der Digitalisierung in Betzdorf-Gebhardshain für ein neues Wir-Gefühl sorgt.

Die Gemeinde liegt im Westerwald. Durchs Tal schlängelt sich der Fluss Sieg, an die Hänge schmiegen sich zwei- oder dreistöckigen Häuser. Einmal pro Stunde kommt der Zug nach Köln durch. Sarah Brühl, Anfang 30 und hier geboren, findet: Es ist ein schöner Ort zum Leben. Und doch wollte sie wie viele nach dem Schulabschluss erst einmal weg. In einer Großstadt studieren, eine Weile im Ausland leben. Was nicht typisch ist: Sie ist schließlich zurückgekehrt.

Attraktiv durch digitale Angebote

Sarah Brühl hilft als Projektleiterin mit, ihre Heimat attraktiver zu machen, auch damit junge Leute wie sie wiederkommen oder gar nicht erst weggehen. Ein Schlüssel zum Erfolg ist die Digitalisierung. Die Verbandsgemeinde nimmt seit 2015 als eine Testregion am Projekt "Digitale Dörfer" teil, das vom Land Rheinland-Pfalz und dem Fraunhofer-Institut für Experimentelles Software Engineering (IESE) initiiert wurde. Im Mittelpunkt steht dabei aktuell das Thema Kommunikation. Zwei digitale Anwendungen werden im Dorf erprobt.

Suchen, bieten, tauschen - der "Dorffunk"

So gibt es die App "Dorffunk", die schon 700 Bürgerinnen und Bürger nutzen. Dort bieten sie Nachbarschaftshilfe an, stellen Gesuche ein, plaudern im Chat miteinander und können einen Veranstaltungskalender nutzen. Auch ermöglicht die App den direkten Draht zum Rathaus. Ist etwa eine Straßenlaterne kaputt, können Nutzerinnen und Nutzer dies mitteilen. Die Mitarbeiter suchen den richtigen Ansprechpartner in der Verwaltung heraus, geben innerhalb kurzer Zeit Rückmeldung. Auf Sprechtage warten, muss so niemand mehr.

Auch lokale Nachrichten der Internetseite "bg-aktuell" fließen in den "Dorffunk" ein. Hier kommt das Neueste aus dem Dorf schnell zu den Bürgerinnen und Bürgern – von Vereinen, öffentlichen Institutionen, Schulen. Das Besondere daran: Jeder kann mitschreiben. "Das Ziel ist, mein 'Dorf in der Tasche' immer griffbereit zu haben", sagt Sarah Brühl.

Die Idee: Lebenswerte Regionen gestalten

Gerald Swarat vom Fraunhofer-Institut IESE erklärt die Idee, die hinter den nützlichen Anwendungen steht: "Lebenswerte Regionen zu gestalten, in denen Jung und Alt vielleicht sogar lieber - aber zumindest genauso gut - leben können wie in den Städten." Bei den "Digitalen Dörfern" gehe es darum, Lösungen zu entwickeln und zu testen, die auf andere Gemeinden übertragbar sind.

Auch die Bundesregierung fördert Digitalisierungsstrategien in ländlichen Regionen. Ein Beispiel: das Modellprojekt "Smarte Landregionen" des Bundeslandwirtschaftsministeriums. In sieben Landkreisen werden "Digitale Ökosysteme" erprobt - die Ergebnisse sollen der Dorfentwicklung deutschlandweit zugute kommen. 60 Millionen Euro nimmt das Ministerium insgesamt für die digitale Entwicklung der ländlichen Räume in die Hand.

Bürgernetz in Eigenregie

Die technischen Grundlagen für digitale Projekte legte Betzdorf-Gebhardshain schon seit 2012 mit dem Aufbau eines eigenen Breitbandnetzes. "Es ist ein echtes Bürgernetz", sagt Verwaltungsmitarbeiter Sascha Hensel. Sein Blick schweift von einem der Verteilerkästen über Wiesen und Felder. Die ländliche Region und die Digitalisierung - für Hensel passt beides gut zusammen. Durch den Breitbandausbau habe die Gemeinde Firmen halten können, die ansonsten abgewandert wären, sagt er. Das sei besonders wichtig gewesen, denn in den vergangenen 15 Jahren seien durch den wirtschaftlichen Strukturwandel in der Region 2.000 Arbeitsplätze verlorengegangen.

Living Lab macht Bürger fit fürs digitale Zeitalter

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Sarah Brühl erklärt das Living Lab

Selbst wenn in Betzdorf-Gebhardshain schon vieles digital läuft – es gibt auch einen Treffpunkt in der echten Welt, das Living Lab. Höchstens die vielen Spiegel an den Wänden erinnern daran, dass hier früher ein Bekleidungsgeschäft war. Heute arbeiten Sarah Brühl und viele ehrenamtlich Engagierte in den Räumen an digitalen Zukunftsprojekten. Das Wichtigste sei, dass sich viele Akteure vernetzt haben, sagt die Projektleiterin. Auch die Jugendpflege ist mit eingezogen und hat tolle Ideen mitgebracht. So entwarfen Jugendliche mit dem Computerspiel Minecraft ihr Betzdorf im Jahr 2030. Es gibt eine enge Kooperation mit Schulen und Kitas, Informationsveranstaltungen etwa zu Datenschutz, Smarthome oder eHealth. Die Volkshochschule ist mit Tablet-Kursen für Senioren eingebunden.

Die Digitalisierung trage dazu bei, dass auf eine neue Art eine Dorfgemeinschaft entsteht, meint Sarah Brühl. Deshalb sei es wichtig, die Bürgerinnen und Bürger fit zu machen für die digitalen Techniken: "Denn das alles lebt ja von den Leuten, die mitmachen."

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