"Die Nachhaltigkeitsziele sind ein völliger Paradigmenwechsel"

Porträt Botschafter Csaba Körösi

Botschafter Csaba Körösi

Foto: UN Photo/Mark Garten

Am 29. September hat Botschafter Körösi an der Sitzung des Staatssekretärsausschusses für nachhaltige Entwicklung teilgenommen. Vor der Sitzung sprach ein Mitarbeiter des Bundespresseamts mit ihm.

Herr Botschafter, seit 2013 sind Sie in der Offenen Arbeitsgruppe für Ziele für Nachhaltige Entwicklung. Wie ist es möglich, sich in einem Kreis unterschiedlicher Länder und angesichts verschiedenster Probleme auf der Welt auf eine Anzahl begrenzter Ziele zu einigen?

In der Tat herrschte zu Beginn unserer Arbeit kein Mangel an skeptischen Stimmen sowohl seitens der Medien als auch der Mitgliedstaaten. Die Skepsis bezog sich zunächst darauf, dass wir in den Verhandlungen über die SDG (Sustainability development goals , auf deutsch: Ziele für nachhaltige Entwicklung) über einen völligen Paradigmenwechsel sprechen, der unser gesamtes zukünftiges Leben erfasst. Deshalb war uns von Anfang an klar, dass eine schnelle Übereinkunft unmöglich war.

Wir mussten unsere Arbeit von unterschiedlichen Blickwinkel aus angehen. Daher haben wir beinahe zwei Drittel der verfügbaren Zeit damit verbracht, eine feste, objektive Arbeitsgrundlage zu schaffen, die auf Wissenschaft und gemeinsamen Kenntnissen basierte. So konnten wir sicherstellen, dass wir alle auch über die gleiche Sache sprachen. Wenn wir nun Referenzen oder Prognosen machten, verstand jeder was gemeint war. Das schuf Vertrauen und löste einige der Spannungen, die es zu Beginn unter den Mitgliedstaaten gab.

Erst im Übergang von der Input-Phase zur Output-Phase näherten wir uns mehr und mehr dem traditionellen Typ von Verhandlungen. Diese Etappe schuf nicht mehr so viel Mehrwert wie die erste Phase. Das Endergebnis unserer Arbeitsgruppe gliedert sich somit in zwei Abschnitte: Einer beruht auf empirischen Belegen, der auf der politischen Kompromisse.

Vielleicht ist es zu optimistisch zu meinen, Sie hätten die Hälfte des Weges zur Post-2015-Agenda bereits geschafft. In ziemlich genau einem Jahr soll die Post-2015-Agenda durch die Generalversammlung der VN verabschiedet werden.

Meiner Ansicht nach wird dieser Weg noch viel länger sein. Der Vorschlag für die SDG ist fertig und wurde von der Generalversammlung der VN angenommen. Einen weiteren Bericht hat die internationale Expertenkommission für die Finanzierung nachhaltiger Entwicklung vorbereitet. Er wird derzeit von der Generalversammlung geprüft. Beide Berichte werden später vom Generalsekretär der VN geprüft, der wiederum einen sogenannten Synthesebericht erarbeiten wird. Die Endfassung dieses Berichts wird hoffentlich bis Dezember veröffentlicht.

Im Januar 2015 werden die Mitgliedstaaten eine neue Verhandlungsrunde auf Regierungsebene beginnen. Dann müssen die SDG mit Aspekten der Finanzierung, technologischen Kooperationen, Austauschplattformen verbunden werden. Wir müssen ferner ein belastbares Prozessmanagement schaffen, denn wir sprechen hier von einem Prozess, der mindestens 15 Jahre dauern wird.

Bevor wir das Abschlussdokument auf dem Gipfeltreffen im September 2015 verabschiedet wird, müssen wir noch eine andere Hürde nehmen: Im Juli 2015 wird eine Konferenz stattfinden, die sich mit der Finanzierung von nachhaltiger Entwicklung beschäftigt.

Ist das die entscheidende Hürde in dem Gesamtprozess?

Natürlich ist die Finanzierung nachhaltiger Entwicklung in diesem Prozess sehr wichtig. In solchen Verhandlungen sind finanzielle Themen immer die schwierigsten. Die wichtigste Frage, die wir uns stellen müssen, lautet aber: Worin besteht dieser völlige Paradigmenwechsel zwischen traditioneller und nachhaltiger Entwicklung? Die Antwort auf diese Frage ist nicht Geld. Es ist nicht so, dass wir die gleiche Entwicklung zuzüglich etwas mehr Geld anstreben. Wir benötigen stattdessen ein fundamentales Umdenken in der Gesellschaft über unseren derzeitigen Lebensstil, den wir innerhalb unserer Gesellschaft und darüber hinaus pflegen.

Als die Millenniumziele (MDGs) der VN in den späten 1980er Jahren entwickelt wurden, herrschte weitverbreitete Skepsis. Die MDGs erwiesen sich jedoch weitaus erfolgreicher als viele erwartet hatten. Welche Lehren kann man aus diesem Prozess ziehen? Welche Erfolgsgeschichten können auf die Post-2015-Ära übertragen werden?

Zum einen waren die MDGs in ihrer Sprache sehr einfach und insofern leicht zu kommunizieren. Sie erfassten ganz bestimmte, konkrete Zielvorgaben - was Kooperationen, Investitionen und die Arbeit von Institutionen erleichterte. Seit Verabschiedung der MDGs vor 15 Jahren haben wir allerdings auch folgendes verstanden: Wenn wir die zieltragenden Systeme vernachlässigen, kann der bisherige Erfolg der Ziele untergraben werden. Wenn wir es also nicht schaffen, systematische Ansätze anstelle losgelöster Zielen zu entwickeln, werden unsere Bemühungen irgendwann wirkungslos. Unsere Fortschritte würden zunichte gemacht.

Darüber hinaus besteht ein zentraler Unterschied zwischen MDGs und SDGs: MDGs wurden vorrangig von Mitgliedstaaten der Nordhalbkugel entworfen, um die Entwicklung der Länder der Südhalbkugel zu fördern. In den letzten 15 Jahren haben wir jedoch verstanden, dass die tiefgreifenden Herausforderungen an die Menschheit nicht nur den Süden der Welt, sondern auch den Norden dieser Erde unmittelbar betreffen. Eine wichtige Lehre aus den MDG besteht somit darin, dass wir Ziele brauchen, die jeden Menschen weltweit ansprechen.

Zweitens müssen diese Ziele so umgesetzt werden, dass sie untereinander vollkommen integriert sind. Zum Beispiel streben wir den Zugang zu sauberem Wasser für alle Menschen an. Wir dürfen hier nicht bei dem alleinstehenden Ziel stehen bleiben, sondern müssen uns Gedanken über den gesamten Wasserkreislauf auf der Erde machen.

In ähnlicher Form ist diese Grundeinstellung auch bei gesundheitlichen, wirtschaftlichen, sozialen und weiteren ökologischen Zielen sehr wichtig. Wir müssen verstehen, dass jedes einzelne Ziel dreidimensional ist. Jedes einzelne Ziel für nachhaltige Entwicklung muss nicht nur jeden Menschen dieser Welt ansprechen können, sondern muss auch die Gesellschaft, die Wirtschaft und die lebensnotwendigen Ökosysteme betreffen. Darüber hinaus benötigen wir Zielvorgaben, die in ihrer Umsetzung einen exponentiellen Effekt auf die SDG haben. Wenn man eine Vorgabe der SDG umsetzt, hat dies nicht nur einen Effekt auf ein Ziel, sondern möglicherweise auf zwei, drei oder vier Ziele gleichzeitig.

Im Zusammenhang mit der Post-2015-Agenda wird oft von einer transformativen Agenda gesprochen. Was ist darunter zu verstehen?

Die Art und Weise der Entwicklung, für die wir Menschen verantwortlich sind, verursacht gegenwärtig mehr Probleme als dass sie diese löst. Deswegen brauchen wir einen Wandel. Dabei sind zwei Dinge zu ändern: der Verlauf der Entwicklung und unsere Werte. Wir versuchen intensiv, entsprechende Änderungen in die gemeinsame Arbeit der Mitgliedstaaten zu integrieren.

Der Wertewandel ist dabei sicher die schwierigere Aufgabe …

Auf jeden Fall. Wir verstehen zwar etwas von den wirtschaftlichen Vorgängen und können einige wirtschaftliche Prozesse zumindest kurzfristig sogar ganz gut steuern. Werte zu verändern ist dagegen das Schwierigste überhaupt. Aber die Auswirkungen dessen, was wir geschaffen haben – sei es der Klimawandel oder soziale Explosionen – erinnern uns daran und lassen uns begreifen, dass wir nicht darum herum kommen.

Die Millenniumziele haben auch in Industrienationen Denkprozesse ausgelöst. Ähnliches gilt für den Klimawandel, Naturkatastrophen oder die Nuklearkatastrophe von Fukushima. Haben diese Vorgänge dazu geführt, dass das Denken auch in der industrialisierten Welt flexibler geworden ist?

Wir sind schlechte Schüler – wir lernen aus schlechten Noten und negativen Erfahrungen. Seit vielen, vielen Jahren warnen uns Wissenschaftler davor, dass einige Aktivitäten der Menschheit schwerwiegende Konsequenzen haben. Im Grunde wollen wir Menschen uns nicht mit den Konsequenzen beschäftigen, bis wir dafür bestraft werden. Die erste Warnung über die Erderwärmung kam von einem schwedischen Wissenschaftler in den 90er Jahren des 19. Jahrhunderts, also vor 120 Jahren. Es hat etwa 60 Jahre gedauert, bis das Thema zumindest auf dem Papier überhaupt ernst genommen wurde. Weitere 30 Jahre hat es gedauert, bis die erste internationale Konvention über den Klimawandel vereinbart wurde. Und trotz alledem nehmen die Emissionen von Treibhausgasen stetig zu.

Betrachten wir die Herausforderungen aus Sicht von Deutschland und von den EU-Mitgliedstaaten. In welchen Bereichen müssen Deutschland und die EU-Mitgliedstaaten lernen?

Deutschland ist in der schlechten Schulklasse ein Vorkämpfer. Ich bin der Meinung, jedes Land muss zunächst seine Hausaufgaben machen. Es geht dabei um einen langfristigen nationalen Plan, wie der Übergang zu nachhaltiger Entwicklung innerhalb der eigenen Grenzen umgesetzt werden kann.

Deutschland und viele andere Länder haben schon identifiziert, wo nachhaltige Entwicklung im eigenen Land ansetzen kann. Und Deutschland wird sicher auch identifizieren, wo die schwierigen Fragen liegen, die sich mit den neuen Zielen für Gesellschaft und Wirtschaft ergeben. Ein Beispiel: Ziel 12 der SDGs erfasst nachhaltiges Konsumverhalten und nachhaltige Produktion. Es ist eines der vielen schwierigen, vor allem aber das tiefgreifendste der SDGs. Es setzt ein komplettes Umdenken hinsichtlich unseres Lebensstils, unseres Produktionssystems, unseres Recyclingsystems entlang der gesamten Wertschöpfungskette voraus. Einige deutsche Unternehmen sind hinsichtlich dessen bereits sehr weit fortgeschritten. Andere dagegen haben ihre Hausaufgaben noch nicht erledigt.

Einige Länder könnten von Akteuren wie Deutschland zunächst Hilfe gebrauchen bei der Frage, wie nachhaltige Entwicklung im eigenen Land aussehen könnte. Nicht alle Länder haben die nötigen institutionellen oder auch wissenschaftlichen Kapazitäten, um sich den Herausforderungen nachhaltiger Entwicklung stellen zu können. Sie brauchen Hilfe dabei, einen langfristigen Plan aufzustellen, wie SDGs zugeschnitten auf die jeweiligen Länder national umgesetzt werden können. Darauf folgt der nächste Schritt, bei dem Deutschland ebenfalls fortgeschrittener als viele andere Länder ist.

Der von mir angesprochene Paradigmenwechsel erfolgt unter anderem durch Technologie und Wissen. Nationen mit einer technologieintensiven Wirtschaft kommt dabei eine besondere Verantwortung zu – bei sich zu Hause und weltweit.

Schließlich hat Deutschland meiner Ansicht nach einen wichtigen Aspekt bereits verstanden: wenn wir die Paradigmen der Entwicklung ändern, ändern wir auch Märkte. Wenn wir die Spielregeln verändern, ändern wir auch die Regeln und Positionen des Marktes. Diejenigen Akteure, die bereits auf dem Markt sind – inklusive Deutschland -, werden sich umso mehr um eine bessere Position auf dem Markt bemühen. Die deutschen Bemühungen auf dem Markt der erneuerbaren Energien sind ein typisches Beispiel dafür. Wenn man die Gelegenheit hat, groß angelegte Investitionen vorzunehmen und dabei möglichst viel technologische Innovationen zu integrieren, gestaltet man die Märkte der Zukunft entscheidend mit. Hier leistet Deutschland meiner Meinung nach bereits hervorragende Arbeit.

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