"Das Schönste ist, wenn man ein Lächeln entdeckt - und Zuversicht"

Berliner Stadtmission "Das Schönste ist, wenn man ein Lächeln entdeckt - und Zuversicht"

Zwölf Männer und eine Frau stehen in dem kleinen Raum, der zur Stadtmission Berlin gehört. Ein Bundesfreiwilligenleistender stutzt einem Mann, der im Rollstuhl sitzt, den Bart mit einem elektrischen Rasierapparat. Sie alle warten auf die Sprechstunde. Sie alle sind obdachlos. Die Internistin Dr. Jutta Herbst-Oehme arbeitet seit 15 Jahren ehrenamtlich in der Ambulanz und erzählt, was sie nur schwer ertragen kann.

Die Ärztin Jutta Herbst-Oehme versorgt einen Patienten.

Zweimal die Woche hat die Ambulanz für Obdachlose geöffnet, in der Jutta Herbst-Oehme und fünf weitere Ärzte ehrenamtlich arbeiten.

Foto: Bundesregierung/Schultz

Ein weißer Tisch mit einem Computer, auf jeder Seite ein Stuhl, ein kleines Regal, ein Hocker - viel mehr steht nicht in dem Sprechzimmer. Dr. Jutta Herbst-Oehme sitzt auf der einen Seite des Tisches, Michi auf der anderen. Michi ist obdachlos. Er ist heute in die Sprechstunde der Ambulanz der Berliner Stadtmission gekommen, weil er sich schlapp fühlt und weil er Schmerzen hat. "Was ist denn los?", fragt Jutta Herbst-Oehme. Sie spricht sehr deutlich und beugt sich nach vorn, schaut Michi dabei tief in die Augen. Die Hände hat sie vor sich auf dem Tisch gefaltet.

Die Räume für die Ambulanz der Stadtmission an der Lehrter Straße in Berlin stehen den Mitarbeitern seit Dezember 2013 zur Verfügung. Neben dem Sprechzimmer und dem Versorgungsraum gibt es ein Krankenzimmer mit Platz für acht Patienten, in denen sich diese bei schwereren Erkrankungen und Verletzungen ausruhen können. Diese Räumlichkeiten sind an die Notunterkunft der Stadtmission angegliedert.

Michi ist 36, lebt auf der Straße und spricht nur gebrochen Deutsch. Er leidet unter einer chronischen Krankheit. "Wir müssen das regelmäßig kontrollieren, damit das nicht aus dem Ruder läuft", sagt Jutta Herbst-Oehme und schaut den Patienten dabei an. Heute ist Michi wegen einer starken Erkältung da, zudem hat er eine Verletzung an der Hand. Herbst-Oehme schaut sich die Wunde zwischen Daumen und Zeigefinger genauer an. Zur Kontrolle nimmt sie Michi Blut ab und erhorcht seine Atmung mittels Stethoskop. Danach versorgt sie die Wunde. Mit einem Holzstäbchen trägt sie behutsam etwas Salbe auf. "Die musst du zweimal täglich auftragen. Das darfst du wirklich nicht vergessen!", betont die Ärztin. Im Anschluss verbindet sie die verwundete Stelle. Der Umgang wirkt etwa so wie mit einem Kind. Ansonsten scheint alles fast genauso wie in einer herkömmlichen Praxis - zumindest auf den ersten Blick.

"Nicht empfindlich und keine Berührungsängste"

"Man sieht hier Dinge, die man sonst eher nicht zu sehen bekommt", erzählt Herbst-Oehme. Häufig seien es besonders schwere Wunden und Infektionen, die der Ärztin in der Obdachlosen-Ambulanz begegnen. Dies hänge vor allem mit den mangelhaften hygienischen Zuständen zusammen. Die Patienten sind überwiegend wohnungslos, viele alkohol- oder auch drogenabhängig. Verbreitet seien unter den bedürftigen Patienten zudem Stoffwechselerkrankungen, Diabetes und Lungenerkrankungen. Auch schlecht versorgte Unfälle, die dann in der Folge zu schweren Entzündungen oder dauerhaften Einschränkung in der Bewegung führen, kämen vor. "Ich denke ein Vorteil ist, dass ich nicht empfindlich bin und keine Berührungsängste habe", so die Ärztin.

Seit 15 Jahren arbeitet die 64-jährige Internistin ehrenamtlich in der Ambulanz für Wohnungslose und Bedürftige - nebenbei. Hauptberuflich führt sie mit einem weiteren Arzt eine hausärztliche Gemeinschaftspraxis. Die ärztliche Versorgung für Obdachlose hat sie damals gemeinsam mit einer weiteren Medizinerin aufgebaut. "Es war für mich damals eine sehr spontane Entscheidung, mit diesem Ehrenamt anzufangen und dann habe ich einfach nie wieder aufgehört", sagt Herbst-Oehme. "Ich wollte helfen und außerdem mein Spektrum erweitern - persönlich und medizinisch."

Natürlich unterscheidet sich das Erscheinungsbild der Patienten in der Ambulanz für Wohnungslose zu denen, die in die eigene Praxis kommen, sagt Herbst-Oehme. Man kann in dem Praxisraum einen starken Körpergeruch wahrnehmen. Auffälliger sei jedoch der Unterschied im Umgang mit sich selbst. "Die Patienten sind oft viel tapferer, unempfindlicher und überlebensfähiger." Jedoch gebe es auch Patienten, die alkoholisiert und aggressiv seien. Vor allem viel Geduld sei im Umgang mit den bedürftigen Patienten notwendig, erklärt Herbst-Oehme, "weil man Dinge dauernd sagt und viele es dennoch nicht umsetzen". Als besonders frustrierend empfinde sie, wenn der Mensch dann Monate später in einem viel schlechteren Zustand wiederkäme. "Das ist ganz schwer zu ertragen", sagt sie mit ernster Mine. Jedoch gebe es auch unglaublich schöne Momente, in denen sie die Dankbarkeit besonders spüre. "Das schönste ist, wenn man ein Lächeln entdeckt - und Zuversicht."

"Wichtig, dass es nicht zu viel wird"

Im Vergleich zu den Anfangszeiten der Ambulanz für Wohnungslose kommen laut Herbst-Oehme mittlerweile mehr Osteuropäer. Dadurch haben sich auch größere Schwierigkeiten bezüglich der Sprachbarriere aufgebaut. Bei der Übersetzung ins Russische hilft Svetlana Krasovski-Nikiforovs. Sie arbeitet hauptberuflich als Managerin in der Obdachlosen-Ambulanz der Stadtmission. Auch heute hilft sie bei der Verständigung zwischen Herbst-Oehme und Michi. Neben Russisch und Polnisch seien Rumänisch und Bulgarisch sehr wichtig. Dafür greifen die Ärzte auch auf eine gemeinnützige Dolmetscherhilfe zurück. Eine ebenfalls dramatische Entwicklung zeige die zunehmende Anzahl von Pflegedürftigen, von Menschen mit Behinderungen. Das stelle die Mitarbeiter vor immer größere Herausforderungen, berichtet die Ärztin.

Neben Jutta Herbst-Oehme arbeiten regelmäßig fünf weitere Ärzte ehrenamtlich in der Ambulanz. Zweimal die Woche - dienstags (16.00 bis 20.00 Uhr) und freitags (von 11.00 bis 15.00 Uhr) - ist Sprechstunde, das ganze Jahr über. Herbst-Oehme kommt mittlerweile noch alle zwei Wochen, um dort ehrenamtlich zu arbeiten. "Man muss darauf achten, dass es nicht zu viel wird. Wichtig ist, dass es Spaß macht", betont sie. Ein Ende? - das ist für Herbst-Oehme noch nicht in Sicht: "Aufhören will ich gar nicht. Da hängt mein Herz dran."

Finanziert wird die Ambulanz der Stadtmission unter anderem durch die Deutsche Bahn-Siftung sowie durch Spenden. Auch die Bahnhofsmission ist Teil der Stadtmission. Das Bundesfamilienministerium (BMFSFJ) - unterstützt den Verband der Deutschen Evangelischen Bahnhofsmission e.V. seit über zehn Jahren mit Zuwendungen in unterschiedlicher Höhe. Bezuschusst werden die bundeszentralen Fortbildungen der Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter sowie verschiedene Projekte. Seit 2015 erhält die Bahnhofsmission eine jährliche Förderung in Höhe von 60.000 Euro.