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Gesellschaftlicher Zusammenhalt

Für eine selbstbestimmte politische Teilhabe aller Menschen

Für seinen Beitrag zur Demokratieförderung hat das Bundesfamilienministerium das Chemnitzer Projekt "Comparti" jüngst mit dem Preis "Politische Bildung 2019" ausgezeichnet. Im Interview berichtet Projektleiterin Jeanette Hilger von Selfies, Gemeinschaftsgeist und Schreibtischarbeit. 

Jeanette Hilger, eine junge Frau mit rundem Gesicht und dunklen Locken, lehnt gegen ein buntes Poster.

Hat ihr Ehrenamt zum Beruf gemacht: Jeanette Hilger, Leiterin des Projekts "Comparti".

Foto: privat

Jeanette Hilger ist seit August 2017 hauptberuflich für den Verein AGIUA in Chemnitz tätig und leitet dort das Projekt " Comparti". Unterstützt wird sie von einem Mitarbeiter, der ihr fünf Stunden die Woche zur Seite steht, und vielen ehrenamtlichen Helfern. 

Was ist das Ziel von "Comparti"?

Jeanette Hilger: Das Projekt stärkt die selbstbestimmte politische Teilhabe von Menschen mit und ohne Migrationsgeschichte in Chemnitz. Das geschieht durch politische Bildung. Dabei unterstützen wir Menschen, ihre eigenen Interessen zu formulieren und zu vertreten sowie sich in Organisationen aktiv einzubringen. Außerdem bietet unser Projekt Angebote für Organisationen, die sich interkulturell öffnen wollen.

Warum braucht es ein solches Projekt?

Jeanette Hilger: Wenn die ersten großen Fragen des Ankommens und Bleibens geklärt sind, dann haben die Menschen großes Interesse daran, die Gesellschaft mitzugestalten und ihr auch etwas zurückzugeben. Das gelingt aber nur, wenn man auf Fragen wie 'Wie funktioniert das politische System in Deutschland?', 'Wie tickt dieses Land?' und 'Wie kann ich ein Teil davon werden?' antworten kann. Und genau dort setzt unser Projekt an.

Wie werden die Menschen in Chemnitz auf Sie aufmerksam?

Jeanette Hilger: Wir kommunizieren unsere Angebote mithilfe von Flyern in der ganzen Stadt und nutzen die Sozialen Medien - hier können wir besonders viele Menschen erreichen. Außerdem hat der Verein ein großes Netzwerk an Kooperationspartnern, die Informationen weitertragen und selbst auch Angebote nutzen.

Wie sieht Ihr Arbeitsalltag aus?

Jeanette Hilger: Viel Bürokratie – Abrechnungen, Berichte schreiben, viele E-Mails beantworten, aber vor allem auch die Veranstaltungen und Unterstützungsangebote vorbereiten. Veranstaltungen werden bei uns generell mit Kooperationspartnern durchgeführt. Das heißt auch, dass das Netzwerken ein großer Teil meiner Arbeit ist. Zudem bieten wir Interessierten Beratungen an, die entweder im Büro oder direkt auf Informationsveranstaltungen stattfinden. Ich verbringe also viel Zeit am Schreibtisch, bin aber auch viel in der Stadt unterwegs.

Wie gehen Sie mit Sprachbarrieren um?

Jeanette Hilger: Das ist ganz unterschiedlich. Die meisten, die auf unsere Veranstaltungen und Angebote aufmerksam werden, sprechen deutsch, sodass sie Informationen verstehen können. Wir bieten aber auch immer an, Sprachmittler mitzubringen. Diese haben wir auch schon auf mehreren Veranstaltungen eingesetzt – da gibt es dann immer eine Flüsterübersetzung, sodass andere Personen nicht gestört werden.

Woran erinnern Sie sich besonders gerne?

Jeanette Hilger: Das sind zwei Dinge, die mir ganz besonders im Kopf geblieben sind.

Zum einen ein junger Mann, der auf einer Veranstaltung dabei war, als wir den Jugendhilfeausschuss besucht haben. Der junge Mann wollte unbedingt ein Foto mit der Oberbürgermeisterin haben. Das konnten wir dann in die Wege leiten  – sodass er am Ende des Tages stolz sein Foto in den Händen hielt.

Zum anderen sind es die vielen unterschiedlichen Menschen, die ich kennenlernen durfte. Jene, die sich aktiv in unsere Gesellschaft einbringen möchten. Besonders beeindruckt mich immer ihr Gemeinschaftsgeist. Die Dinge, die sie organisieren, machen sie nie für sich, sondern immer für andere und lassen alle an ihrer Religion und ihren Werten teilhaben.

Welche Erfolge konnten Sie bisher erzielen?

Jeanette Hilger: Es haben sich neue Vereine gegründet, etliche Beratungsgespräche stattgefunden und viele Gruppen formiert, die unsere Unterstützung tagtäglich in Anspruch nehmen. Aber auch die zwei Preise, die unser Projekt bereits gewinnen konnte, sind eine große Anerkennung und Wertschätzung unserer Arbeit. Die sächsische Jugendstiftung hat unser Jugendgeschichtsprojekt ausgezeichnet -  eine Broschüre, die eine Tour der verschiedenen Stolpersteine in Chemnitz beschreibt. Und das Familienministerium verlieh uns jüngst den Preis für "Politische Bildung 2019".

Mit dem bap-Preis Politische Bildung würdigt der Bundesausschuss Politische Bildung alle zwei Jahre besondere Projekte, die einen Beitrag zur Demokratieförderung leisten. Unterstützt wird der Preis von Bundesfamilienministerium und der Bundeszentrale für politische Bildung. Zu den Preisträgern 2019 geht es hier.

Was macht Ihre Arbeit so wichtig für die Gesellschaft?

Jeanette Hilger: Nur wenn alle Menschen in Deutschland die Möglichkeit haben, Politik und Gesellschaft mitzugestalten, dann kann aus meiner Sicht eine Demokratie an gemeinsamen Perspektiven gewinnen.

Die demokratische Teilhabe und den gesellschaftlichen Zusammenhalt zu fördern ist auch der Bundesregierung ein wichtiges Anliegen. Deshalb hat das Bundesinnenministerium 2010 das  Bundesprogramm "Zusammenarbeit durch Teilhabe" auf den Weg gebracht. Im Mittelpunkt des Programms steht die Förderung von Projekten zur Stärkung demokratischer Teilhabe und gegen Extremismus in ländlichen und strukturschwachen Regionen. Dafür stellt das Ministerium zwölf Millionen Euro zur Verfügung.