Urban Farming trifft Aquaponik

Nachhaltige Aquawirtschaft Urban Farming trifft Aquaponik

Urban Farming liegt im Trend. Immer mehr Betriebe kombinieren umweltfreundlich in einem Kreislauf Fischzucht mit Gemüseanbau. Zwei Berliner Unternehmen zeigen, wie das geht: Die ECF Farm Berlin und die StadtFarm betreiben Aquaponik-Anlagen, mit denen sie Fisch, Gemüse und auch Tropenfrüchte im städtischen Raum produzieren.

Basilikum in 0 % Plastiktüten

Frisches Basilikum – gewonnen durch Aquaponik-Verfahren – sind aus vielen Berliner Lebensmittelgeschäften nicht mehr wegzudenken.

Foto: ECF Farmsystems

Die ECF Farm liegt auf dem Gelände einer ehemaligen Malzfabrik, mitten in Berlin-Schöneberg. Dort produziert ECF Hauptstadtbarsch und frisches Basilikum. Und das ganz ohne Medikamente. Die Farm erzeugt jährlich etwa 500.000 Kräutertöpfe, dazu kommen rund zehn Tonnen Fisch.

Die Produkte werden – neben dem Hofverkauf – an den Lebensmitteleinzelhandel sowie an Gastronomie- und Catering-Unternehmen in Berlin vertrieben. Der Vorteil: kurze Transportwege. Deshalb kann auch auf sonst übliche Plastikschalen verzichtet werden. Nach eigenen Angaben sparen die Hersteller auf diese Weise pro Jahr etwa sechs Tonnen Plastikmüll.

„Wir hatten Spaß an guten Lebensmitteln, interessierten uns für die Erzeugung und merkten, dass es gar nicht so einfach ist, an nachhaltige Produkte zu kommen“, erzählt Nicolas Leschke, zusammen mit Christian Echternacht Gründer von ECF. 2015 machten sie sich daher auf und begannen mit dem Stadtfarming – mit Erfolg. Inzwischen haben sie neben der eigenen ECF Farm sieben weitere Farmen gebaut.

ECF ist im Bereich Unternehmen „Gesellschaft & Fairness“ einer der Gewinner des 13. Deutschen Nachhaltigkeitspreises 2021, der in Zusammenarbeit mit der Bundesregierung vergeben wird.

Nach einem ähnlichen Prinzip arbeitet unter dem Namen StadtFarm seit 2017 die Topfarmers GmbH. Jährlich werden dort 50 Tonnen Afrikanischer Wels – oder African Catfish – und 30 Tonnen Salat, Kräuter, Tomaten und Gurken, aber auch Exotisches wie Bananen oder Maracuja erzeugt. Abnehmer sind auch hier Berliner Privatkunden, Einzelhandel und Gastronomie.

Ressourcenschonende Kreislaufsysteme

Aquaponik heißt das ressourcenschonende Verfahren, das die Aufzucht von Fischen mit der Kultivierung von Nutzpflanzen kombiniert: Eine direkte Kombination aus Aquakultur und dem Anbau von Pflanzen in Hydrokultur, die so genannte Hydroponik. Das spart Wasser, Dünger und CO2.

Das System funktioniert über ein einfaches Verfahren: Fischzucht und Gewächshaus sind durch einen Wasserkreislauf miteinander verbunden. Die Dächer der Anlage fangen Regenwasser auf, das dann in die Fischbecken geleitet wird. Die Fische reichern das Wasser durch ihre Ausscheidungen mit Ammonium an. Bakterien wandeln es in Nitrat um – ein natürliches Düngemittel. Mit dem Fischwasser werden die Pflanzen gewässert. Sie verbrauchen die Nährstoffe und reinigen dadurch das Wasser. Das wird als Dunstwasser im Gewächshaus wieder eingefangen und geht dann zusammen mit frischem Regenwasser zurück in die Fischbecken. Der Kreislauf beginnt von vorn. Das ist ein natürlicher Prozess, der so in jedem See passiert“, erklärt Leschke. Kompliziert sei das nicht.

Die StadtFarm nutzt das so genannte AquaTerraPonik-Verfahren. Damit werden die Nährstoffe der Fische durch verschiedene biochemische, organische und tierische Prozesse umgewandelt und dem Boden zur Verfügung gestellt – und nicht direkt der Pflanze. Er dient zum Halten der Pflanze, bietet Raum für viele Mikroorganismen und ermöglicht so eine optimale Nährstoffversorgung der Pflanze. „Das erlaubt uns maximalen Ertrag auf kleinstmöglicher Fläche und bei enorm hoher Ressourceneffizienz“, sagt Anne-Kathrin Kuhlemann, Geschäftsführerin von Topfarmers.

Tierwohl steht hoch im Kurs

„Unser geschlossener Wasserkreislauf erzeugt ein gesundes Ökosystem, gänzlich frei von Pestiziden, Hormonen und Antibiotika“, sagt Kuhlemann. Medikamente seien auch in der ECF Farm noch nie vonnöten gewesen, so Geschäftsführer Leschke. „Unsere Fische haben ein gutes Immunsystem.“ Er erklärt das mit Besatzdichten, der Wasserqualität, der Strömung und dem Futter.

Ein computergesteuertes System erzeugt die Strömung und kontrolliert die Temperatur des Wassers. Die Barsche schwimmen in ihren großen schwarzen Tanks immer gegen den Strom. Und auch der Afrikanischer Wels ist für die kontrollierte Aufzucht in einer Aquakultur besonders geeignet. Denn in seiner natürlichen Umgebung ist er es gewohnt, im Schwarm eng zusammenzustehen.

Optimierungs- und Ausbaupotenziale

Noch operiert man mit der Methode in einer Nische, doch die Berliner Anlagen fungieren auch als eine Art Testlabor, mit dem die Betreiber das Verfahren immer weiter verbessern und es bekannter machen.

Auf dem Weg zu einem noch geringeren CO2-Verbrauch durch kurze Wege plant ECF etwa, die „Fingerlinge“ genannten Baby-Barsche bald selbst zu züchten, statt sie wie bisher aus den Niederlanden anliefern zu lassen. Auch das zu 20 Prozent aus Fischmehl bestehende Fischfutter soll bald durch Algen und Wasserlinsen ersetzt werden, erklärt Nicolas Leschke. Denn bis zu einem Viertel allen weltweit gefangenen Fischs wird zu Fischmehl verarbeitet, um auf Aquakultur-Farmen an andere Fische verfüttert zu werden. Um Meeresfisch zu schützen, wird der Allesfresser Barsch zum Vegetarier gemacht.

In Wiesbaden haben Nicolas Leschke und Christian Echternacht Ende Mai ihre erste Farm auf dem Dach eines Supermarktes eröffnet. Sie züchten dort die erprobte Kombination von Barsch und Basilikum – die direkt im darunterliegenden Markt in den Verkauf geht. In den kommenden fünf Jahren sollen deutschlandweit weitere 20 solcher Dach-Farmen entstehen.

Stadt-Farmen seien eine wichtige Nische, sagt Nicolas Leschke. Nur so könnten die Menschen wieder verstehen, was es bedeutet, Nahrungsmittel zu produzieren. Viel sinnvoller für die Sicherstellung der Ernährung der Stadtbewohner jedoch seien Aquaponik-Anlagen an den Rändern von Ballungsgebieten. Sie böten genug ungenutzten Platz für größere Anbau- und Zuchtflächen.

Alternativen dringend gesucht
Der Hunger auf der Welt nach Fisch ist groß – der Fischfang aus dem Meer lässt sich jedoch kaum noch steigern. Deshalb hat sich die Aquakultur in den vergangenen 30 Jahren rasant ausgebreitet – mit hohen jährlichen Steigerungsraten. Große Teile der gegenwärtigen und auch der künftigen Aquakultur stützen sich auf Binnengewässer und künstliche Haltungsformen wie Teichwirtschaft und Kreislaufanlagen sowie Austern- und Muschelkulturen in Küstennähe. Aquakultur kann jedoch nur dann eine nachhaltige Ergänzung und gegebenenfalls Alternative zur Fangfischerei darstellen, wenn sie mit nachhaltigen Zuchtmethoden und -verfahren einhergeht.

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