„Wegsehen ist unangebracht – Schweigen ist unangebracht“

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Einweihung Synagoge Dessau „Wegsehen ist unangebracht – Schweigen ist unangebracht“

Bundeskanzler Olaf Scholz hat am Sonntag an der feierlichen Eröffnung der Weill-Synagoge in Dessau teilgenommen. Der „Kampf gegen Antisemitismus ist immer zugleich der Kampf für eine bessere, menschlichere, aufgeklärte Gesellschaft“, appellierte Scholz in seiner Rede.

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Synagoge

Kanzler Scholz in der Neuen Synagoge Dessau: „Unser Staat wird jüdisches Leben überall und zu jeder Zeit schützen und verteidigen.“

Foto: Bundesregierung/Henning Schacht

Anlässlich der Einweihung der Neuen Synagoge Dessau schilderte Bundeskanzler Olaf Scholz am Sonntag zunächst in leisen Worten seine Eindrücke von den Begegnungen mit den Menschen während seines Solidaritätsbesuches in Israel  am Dienstag. Umso deutlicher wurde der Kanzler zu den beschämenden Ereignissen in Deutschland: „Es empört mich zutiefst, wie antisemitischer Hass und menschenverachtende Hetze sich Bahn brechen. Ausgerechnet dort, von wo aus das Menschheitsverbrechen der Shoah begann.“

Bundeskanzler Scholz sieht in den Ereignissen in Israel seit dem 7. Oktober eine Zäsur für alle Menschen. Der Terror richte sich in seiner ganzen Brutalität und Abscheulichkeit gegen die Menschlichkeit selbst, Hass werde gesät. „Wir müssen alles daransetzen, dass diese Saat nicht aufgeht. Für Deutschland kann es in dieser Lage nur einen Platz geben: Den Platz fest an der Seite Israels“, so Scholz.

Jüdisches Leben gehört nach Deutschland

Jüdisches Leben hat in Dessau eine lange und vielfältige Geschichte. Berühmtester Sohn der dortigen Gemeinde ist der Philosoph Moses Mendelsohn, der 1729 in Dessau geboren wurde. Kanzler Scholz zitierte den großen Vordenker der Aufklärung im Sinne mahender Gleichberechtigung und Respekt in unserer Gesellschaft: „Betrachtet uns, wo nicht als Brüder und Mitbürger, doch wenigstens als Mitmenschen und Miteinwohner des Landes.“ Es sei ein trauriger Befund, wenn Jüdinnen und Juden auch heute immer noch und immer wieder zweifeln müssten, ob dieses Land auch ihr Land ist. Aber die Einweihung des Gotteshauses sendet ein starkes Signal: „Diese Synagoge mitten hier in Dessau sagt: Jüdisches Leben ist und bleibt ein Teil Deutschlands. Es gehört hierher“, versicherte der Bundeskanzler.

Synagoge

Bundeskanzler Scholz erinnerte an die lange Tradition der jüdischen Gemeinde Dessau und zitierte ihre berühmtesten Söhne Moses Mendelsohn und Kurt Weill.

Foto: Bundesregierung/Henning Schacht

Nie wieder!

Ein weiterer weltbekannter Vertreter der jüdischen Tradition Dessaus ist der Komponist Kurt Weill, der im Jahr 1900 hier zur Welt kam. Als Sohn des Kantors verbrachte Weill seine ersten Lebensjahre im Gemeindehaus der Stadt. Nach Machtübernahme der Nationalsozialisten musste Weill Deutschland ins Exil zuerst nach Frankreich und dann nach Amerika verlassen. Damals warnte Weill „Lethargie ist im jetzigen Moment völlig unangebracht“. Bundeskanzler Scholz nahm diese Mahnung auf und wurde noch dringlicher: „Lethargie ist unangebracht. Wegsehen ist unangebracht. Schweigen ist unangebracht – wenn Jüdinnen und Juden auf unseren Straßen nicht sicher sind. Jetzt muss sich zeigen, was ,Nie wieder‘ bedeutet! Jetzt müssen wir zeigen, was unser ,Nie wieder‘ bedeutet. Deshalb wird unser Staat jüdisches Leben überall und zu jeder Zeit schützen und verteidigen.“

Die Alte Synagoge Dessau wurde bei den Novemberpogromen im Jahr 1938 geplündert und niedergebrannt. Erst nach Ende der DDR gründete sich hier eine jüdische Gemeinde neu. Im Jahr 2015 wurde mit den Planungen zur Errichtung einer Neuen Synagoge begonnen, die nun am 22. Oktober feierlich eingeweiht wurde.

Keine Toleranz für das Gift

Dennoch sei es mehr als beschämend, Kanzler Scholz nannte es sogar „katastrophal“, wenn Synagogen und jüdische Einrichtungen in Deutschland Ziele von Angriffen würden. Neben exekutiver und judikativer Härte gegen diesen menschenverachtenden Hass dürfe es für Antisemitismus in Deutschland keinerlei Toleranz geben. Er ist ein „Gift, das unsere Gesellschaft zersetzt und unsere Demokratie gefährdet“, so Scholz in Dessau. Der Bundeskanzler ruft die ganze Gesellschaft zum Widerstand gegen das Gift auf: „Der Kampf gegen Antisemitismus ist immer zugleich der Kampf für eine bessere, menschlichere, aufgeklärte Gesellschaft. Und somit eine Aufgabe aller.“

Die Einweihnung der Neuen Synagoge in Dessau am 22. Oktober war ein Zusammenspiel zwischen weltlichen Worten – neben dem Bundeskanzler sprachen auch der Ministerpräsident von Sachsen-Anhalt, Reiner Haseloff, und der Botschafter Israels in der Bundesrepublik, Ron Prosor, Grußbotschaften – und sakralen Ritualen: Landesrabbiner Daniel Fabian hielt ein Gebet und der sogenannte Jad wurde feierlich überreicht. Der Jad ist ein meist silberner Zeigestab zum Deuten auf die jeweilige Textzeile in der Toralesung.