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Reportage

So viel Europa steckt in unserem Obst

Gesundes Obst zu vernünftigen Preisen: Ein Besuch bei der Apfelernte an der deutsch-französischen Grenze zeigt, wie die Europäische Union die Landwirtschaft prägt – und was das konkret für die Menschen bedeutet.

In einer Obstkiste aus hellem Holz liegen viele rote Äpfel.

Die Ernte ist dieses Jahr sehr reichhaltig: Mehr als 20.000 Tonnen erwartet die OGM.

Foto: Ramesh Amruth

Langsam schieben die Edelstahlarme die große Apfelkiste ins Wasserbad. 300 kg Äpfel der Sorte Jonagold schwimmen auf, folgen der Strömung, werden mehr als 40-mal gescannt und anschließend rein maschinell nach Farbe, Größe und Rötung sortiert. Wendelin Obrecht, Obstbauer und Vorstandsvorsitzender der OGM Obstgroßmarkt Mittelbaden eG fischt ein Exemplar heraus und begutachtet es: Das ist die perfekte Frucht, nicht zu groß, das gibt einen guten Preis.

Hier, in der Sortieranlage, bereitet die OGM die Äpfel der etwa 1.800 Genossenschaftsmitglieder für den Verkauf an den Lebensmittelhandel vor. Mitte September ist die Ernte in vollem Gange. Im Anlieferbereich stehen hunderte Kisten, gefüllt mit verschiedenen Apfelsorten, und verströmen ihr süßliches Aroma.

Europa fest im Blick

Die Genossenschaft, etwa vier Fußballfelder groß, liegt am Rande von Oberkirch, im idyllischen Renchtal in der Ortenau. Im Osten steigt der Schwarzwald auf, es herrscht ein mildes Klima, ideal für Beeren, Pflaumen und Äpfel. Mitten im deutsch-französischen Eurodistrikt ist Europa schon immer gelebte Realität gewesen. Das Straßburger Münster ist in Sichtweite, nur 25 km entfernt. Von den umliegenden Bergen ist es bei klarem Wetter deutlich zu sehen.

Deutschland profitiert nicht nur im Agrarbereich von EU-Förderungen. Für Forschung, wirtschaftliche Entwicklung und die Angleichung von Lebensverhältnissen erhielt Deutschland im Jahr 2017 mehr als 4,4 Milliarden Euro von der EU.

Die OGM profitiert von der Nähe zur französischen Grenze: Sie beschäftigt nicht nur Arbeitskräfte aus dem Nachbarland, Betriebe aus dem Elsass sind auch Mitglieder der Genossenschaft, berichtet Marcelino Expósito, Geschäftsführender Vorstand der OGM. Der grenzüberschreitende Warenverkehr in der EU macht alles ganz einfach: Äpfel in Frankreich anbauen und ernten, in Oberkirch sortieren, in Frankreich im Supermarkt verkaufen.

Die OGM liefert auch nach Österreich, in die Schweiz und in skandinavische Länder. Obrecht baut seine Äpfel auf fünf Hektar an. Daneben wachsen Erdbeeren, Johannisbeeren und auch Weintrauben, für die örtliche Winzergenossenschaft. Er hat den Hof früh von seinem Vater übernommen. Jetzt betreibt er ihn gemeinsam mit seiner Frau, auch seine Mutter hilft.

EU-Gelder helfen den Betrieben

In Oberkirch wird auf kleinen Parzellen gewirtschaftet. Denn die jahrhundertelange Realteilung, durch die in der Erbfolge das Land immer wieder geteilt wurde, hat ihre Spuren hinterlassen. Landwirtschaft ist für Obrecht, wie für seine Kollegen in ganz Europa, nicht ohne europäische Hilfen denkbar. Jeder Betrieb bekommt EU-Direktzahlungen, im Durchschnitt etwa 285 Euro pro Hektar im Jahr. Neben den Direktzahlungen fördert die EU auch Investitionen in die Infrastruktur. Für Obrecht eine wichtige Ergänzung: Die Hilfen an sich sind sehr wertvoll für die Entwicklung, sowohl bei der OGM als auch bei den Erzeugerbetrieben. Im Durchschnitt der letzten Jahre unterstützte die EU in Oberkirch Investitionen mit etwa einer Million Euro.

Auch Obrecht muss viel Geld in die Hand nehmen, um erfolgreich zu bleiben. Etwa für den Hagelschutz. Äpfel sind sehr empfindliche Früchte, und der Lebensmitteleinzelhandel ist sehr anspruchsvoll. Seit 2008 zog Hagelschlag fast jährlich die Apfelernte in Mitleidenschaft. So hat Obrecht über seinen Parzellen dünne schwarze Netze an Holzkonstruktionen gespannt. Die schützen nicht nur vor den kleinen Eiskugeln, sondern auch vor zu viel Sonneneinstrahlung.

Ein Mann mit grauer Halbglatze stecht lächelnd in einer Apfelplantage. Hinter ihm hängen rote Äpfel an grünen Bäumen.

Wendelin Obrecht: "Die EU-Hilfen sind sehr wertvoll für die Entwicklung."

Foto: Ramesh Amruth


Keine Ernte ohne EU-Saisonarbeiter

In einer Region, in der nahezu Vollbeschäftigung herrscht, sind Höfe abhängig von Hilfe aus dem Ausland. Viele helfende Hände kommen aus Polen und Rumänien. Sie stellen in der Saison die Ernte sicher. Ohne die Saisonarbeiter aus Osteuropa wären die Obstregale in Deutschland nahezu leer, ist Obrecht überzeugt.

Selbst in den kleinsten Betrieben arbeiten ein oder zwei Beschäftigte aus Osteuropa, meist kurzfristig bis zu zwei Monate. Natürlich zum deutschen Mindestlohn von zurzeit 8,84 Euro pro Stunde (Stand 2018). Für Obrecht steht fest: Der Hauptprofiteur ist der deutsche Verbraucher, er bekommt beste Qualitäten zu erschwinglichen reisen.

Europa - Herausforderung und Chance

Vom breiten Angebot an Obst aus ganz Europa profitieren die Verbraucherinnen und Verbraucher: von spanischen Erdbeeren, Pfirsichen aus Frankreich und Südtiroler Äpfeln. Für Oberkirch bedeutet das allerdings: Gemeinsam mit allen anderen deutschen Obstregionen konkurriert die OGM mit den europäischen Miterzeugern. Deutschland ist für diese als kaufkraft- und bevölkerungsstarkes europäisches Land ein sehr interessanter Markt.

Was für die Verbraucherinnen und Verbraucher Vorteile bringt, ist für die Herstellern eine Herausforderung. Vor allem dann, wenn sie die hohen deutschen Standards einhalten müssen: beim Pflanzen- und Gewässerschutz oder bei der Arbeitssicherheit. Auch der europäisch uneinheitliche Mindestlohn mache den Produzenten das Leben schwer, sagt Obrecht. Insgesamt jedoch nehmen Obrecht und Expósito die europäische Konkurrenz sportlich und setzen darauf, dass Handel sowie Verbraucherinnen und Verbraucher ihr Obst zu schätzen wissen.

Im April kommen viele, um die Kirschblüte zu sehen

In Reih und Glied stehen die Apfelbäume auf der Parzelle. Die Sonne flirrt, es ist spätsommerlich warm, fast heiß. Rumänische Erntehelfer arbeiten in den Parzellen, legen vorsichtig die empfindlichen Äpfel in die Kisten. Die Ernte ist dieses Jahr sehr reichhaltig. Mehr als 20.000 Tonnen erwartet die OGM. Nur perfekte Äpfel werden den Weg in den Verkauf schaffen.

Alle EU-Bürger haben durch die EU-Verträge das Recht, in einem anderen Mitgliedstaat Arbeit zu suchen. Mehr als eine halbe Million Deutsche im erwerbsfähigen Alter leben in anderen europäischen Ländern.

Schauen Sie sich diese tolle Kulturlandschaft an, schwärmt Obrecht. Die kleinen Parzellen erschweren zwar den Anbau, machen die Gegend aber auch für den Tourismus sehr attraktiv. Direkt neben den Apfelbäumen stehen Zwetschgen, daneben Kirschen, dahinter Johannisbeeren. Einige Meter weiter lässt ein Erzeuger eine Blumenwiese stehen. Wanderwege schlängeln sich durch die Felder.

Obrecht und die vielen anderen Haupt- und Nebenerwerbserzeuger sind stolz auf ihre Heimat, stolz auf ihre Arbeit. Nicht alle finden Nachfolger, wenn sie selber in Rente gehen, manche müssen den Betrieb aufgeben. Bei Obrecht ist die Nachfolge gesichert, sein Sohn studiert Gartenbau und will bald selbst einsteigen. Äpfel, Beeren und Zwetschgen aus Oberkirch – schmackhaftes Obst, das auch in Zukunft deutschen wie europäischen Verbraucherinnen und Verbrauchern das Leben versüßt.

Diese Reportage stammt aus der ersten Ausgabe des neuen Magazins der Bundesregierung "schwarzrotgold" - dieses Mal mit dem Thema "Europa". Es liegt seit dem 17. Dezember in Eisenbahn-Zügen und an Flughäfen aus und wird bis Mitte Januar Zeitschriften und Tageszeitungen beiliegen. Hier auf der Webseite der Bundesregierung steht außerdem eine PDF-Datei zum Download bereit (siehe gelber Kasten unten).