Experten im Gespräch

So gelingt Integration

Integration, die allen hilft. Deutschland kann das. - Aber wie kann das gelingen? Antworten gaben die Experten in den Talkrunden im Studio des Bundespresseamtes am Tag der offenen Tür.

Ralf Kleindiek, Staatssekretär im Bundesministerium für Familie, Senioren, Frauen und Jugend, im Talk am Tag der offenen Tür.

"Integration muss bei den Kinder beginnen und in den Familien stattfinden", sagt Staatssekretär Kleindiek.

Foto: Bundesregierung/Bilan

Das wichtigste Thema bei der Integration von Flüchtlingen sei "Sprache, Sprache, Sprache", unterstrich Kornelia Haugg, Abteilungsleiterin im Bundesbildungsministerium. Deshalb habe das Ministerium auch zwei Angebote entwickelt, mit der Flüchtlinge bereits in den Erstaufnahmeeinrichtungen erreicht werden können. Dazu wurden ein Lesebuch für Kinder und deren Familien und ein Computer-Sprachlernangebot für Erwachsene entwickelt. Auffällig sei der unglaubliche Lernwillen der Kinder und Jugendlichen, sagte Haugg.

Sprache als Grundlage für Integration

Dass das Erlernen der deutschen Sprache sehr wichtig ist, weiß auch der junge Syrer Abdul Amir. Er ist einer der Protagonisten in einem Video des Bundespresseamtes zum Thema Integration und jetzt mit seinen THW-Kollegen Gast beim Tag der offenen Tür. Als das Video mit ihm aufgezeichnet wurde, war sein Deutsch noch nicht so gut und er sprach Englisch. Jetzt, einige Wochen später klappt es auch in Deutsch. Er verstehe schon sehr gut, sagte Abdul. Ein bisschen schwierig sei es noch mit dem Sprechen in Deutsch. Aber das lerne er immer besser beim THW in Viernheim, wo er zum Katastrophenhelfer ausgebildet werde. Jetzt suche er nach einem Studienplatz, verrät er noch.

"Bildsprache ist die verständlichste Sprache der Welt“, betonte Gosia Warrink. Die Designerin hat das Bildwörterbuch "Icoon for refugees" entwickelt, das sie über Spenden finanzierte. Während der Flucht und kurz nach Ankunft, wenn die Sprachkenntnisse noch nicht vorhanden seien, müsse es für Flüchtlinge die Möglichkeit geben, komplexe Sachverhalte - wie beispielsweise Krankheitssymptome - ansprechen zu können. Aus Gesprächen mit Ehrenamtlichen und Hilfsorganisationen entstand so eine Sammlung von Symbolen aus zwölf verschiedenen Kategorien, die alltagstauglich seien, so Warrink. Bisher wurden knapp 60.000 kostenlose Exemplare an Helfer und Organisationen verteilt.

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Integrationshelfer beim THW

Flüchtlinge in Arbeit bringen

Nach der Sprache folge natürlich die berufliche Integration. Gemeinsam mit der Bundesagentur für Arbeit und dem Deutschen Handwerk habe das Bildungsministerium eine spezielle Maßnahme entwickelt, damit die Flüchtlinge nach Neigungen und Fähigkeiten in den Arbeitsmarkt integriert werden können. Zudem gebe es eine 13-wöchige Berufsorientierung mit einer sehr intensiven Begleitung durch erfahrene Ausbilder. Das Integrationsgesetz unter anderem auch die berufliche Integration erleichtert. So haben Geduldete und Betriebe jetzt die Sicherheit, dass eine einmal begonnene berufliche Ausbildung auf alle Fälle in Deutschland abgeschlossen werden kann. Beschäftigt das Unternehmen den Asylbewerber weiter kann er weitere zwei Jahre in Deutschland bleiben. Für die Zeit der Arbeitssuche nach der Ausbildung steht ein halbes Jahr zur Verfügung.

Die Integration in den Arbeitsmarkt stellt die Wirtschaft vor Herausforderungen. Das "NETZWERK Unternehmen integrieren Flüchtlinge" unterstützt Betriebe, die geflüchtete Menschen beschäftigen oder sich ehrenamtlich engagieren wollen. Sie erhalten Informationen, was sie konkret tun und wo sie dabei Hilfe bekommen können.

"Es gibt bei uns eine Vielzahl kleiner und mittelständischer Unternehmen, dort kann das Netzwerk hilfreich sein, wenn es um Weitervermittlung von Praktika oder Ausbildungsstellen geht“, betonte die Projektleiterin Christina Mersch im Gespräch. Zwar würden Flüchtlinge bei ihren Qualifikationen oft auf eine andere Wirklichkeit treffen als in ihren Heimatländern. Mit Unterstützung sei das jedoch zu bewältigen. Besonders, wenn es um den Fachkräfte- und Nachwuchsmangel ginge, sei dies eine Chance, pflichtete Alexandra Meier, die Koordinatorin "Flüchtlinge in Ausbildung und Arbeit" der Hamburger Schulz-Gruppe bei. "Das Handwerk kann das stemmen und anpacken", so Meier.

Joachim Seybold, stellvertretender ärztlicher Direktor an der Charité Berlin, berichtete über die Initiative "Charité hilft", bei der rund 130 Ärzte bei der Versorgung der ankommenden Flüchtlinge helfen. "Es ist gut, wenn die Flüchtlinge auf Ärzte treffen, die die gleiche Sprache sprechen." Zudem bekomme er auch eine Vielzahl an Anfragen von Flüchtlingen mit medizinischer Vorbildung, die weitervermittelt werden könnten.

Integration beginnt bei den Kindern

Um unbegleitete minderjährige Flüchtlinge ging es im Gespräch mit Ralf Kleindiek, Staatssekretär im Bundesministerium für Familien, Senioren, Frauen und Jugend. Seit dem vergangenen Sommer ist die Zahl der unbegleiteten minderjährigen Flüchtlinge enorm gestiegen. "Da konnte es nicht bei dem Grundsatz bleiben: wo die Kinder in Deutschland ankommen, bleiben sie", sagt der Staatssekretär. Das hätte eine Überforderung einiger Städte gebracht. Heute gibt es eine gesetzliche Regelung, die dafür sorgt, dass die jungen Flüchtlinge dorthin kommen, wo sie gut versorgt werden können. Außerdem seien die Wartezeiten zur Einschulung junger Flüchtlinge verkürzt worden. Und für die Behandlung traumatisierter Frauen und Kinder gebe der Bund mehr Geld.

"Integration muss bei den Kinder beginnen und in den Familien stattfinden", so Kleindiek. Das sei in der Vergangenheit vernachlässigt worden und ein großer Fehler gewesen. Deshalb gebe es heute auch verpflichtende Sprachkurse für alle und damit auch Frauen, die nicht dem Arbeitsmarkt zur Verfügung stehen.

Außerdem fördert das Bundesfamilienministerium mit "KitaPlus" ein Sprachprogramm für Kitas. Es gibt ein "Brückenprogramm", um Flüchtlingskinder auf die Kita vorzubereiten. Reichen die Regelangebote nicht aus, soll es Geld für die Flüchtlingseinrichtungen geben, die eine Kinderbetreuung anbieten, wenn zum Beispiel die Frauen an Sprachkursen teilnehmen. Darauf hätten sich das Bundesinnenministerium und das Bundesfamilienministerium geeinigt, sagte der Staatssekretär.

Auch der Bundesfreiwilligendienst mit Flüchtlingsbezug habe viel zur Integration beigetragen, insbesondere dort, wo Einheimische und Flüchtlinge sich zusammen engagieren. "Ich bin zuversichtlich. Die Bundesregierung hat gemeinsam mit den Ländern und Kommunen, aber auch mit den Ehrenamtlichen viel erreicht. Auf diesem soliden Fundament können wir weiter aufbauen", so Kleindiek.

Integration ist Leistung der gesamten Gesellschaft

Europäischer wurde es im Gespräch mit Staatssekretärin Emily Haber vom Bundesinnenministerium. Es ging um die Verteilung der Flüchtlinge auf EU-Länder, die immer noch umstritten ist und das EU-Flüchtlingsabkommen mit der Türkei. Die Staatssekretärin zeigte auf, dass das Abkommen wirkt: die Schleuserkriminalität sei abgebaut, die Küstenwache funktioniere und Flüchtlinge, die über Griechenland in die Türkei gekommen seien, wurden aufgenommen. Seit April 2016 sei kein neuer Flüchtling über die Türkei nach Europa gekommen.

Das Abkommen mit der Türkei und viele nationale Maßnahmen funktionieren, so Haber. Vieles sei seit dem vergangenen Jahr geschehen, damit sich die Flüchtlinge besser integrieren könnten. Es gebe viele Anreize für die Integration, aber es gebe auch die Erwartung, dass die Flüchtlinge selbst daran beteiligen.

Nochmals rückblickend auf das zurückliegende Jahr, sagte die Staatssekretärin: "Wie wir diese Menschen im vergangen Jahr aufgenommen haben, war ein nicht nur eine Leistung der Bundesregierung, sondern der Gesamtgesellschaft. Das war ungeheuer wichtig und großartig."

Und so sieht ehrenamtliche Hilfe aus

Wie ehrenamtlich Hilfe ganz konkret wirkt, stellte Malte Bedürftig, Gründer des Vereins GoVolunteer, vor. Er und seine Mitstreiter haben sich im letzten Jahr Gedanken gemacht, wie sie helfen können. "Flüchtlingshilfe bedeutet nicht, nur in der Küche zu stehen und Suppe auszugeben", sagte Bedürftig. Es entstand die Idee einer Online-Plattform, die Projekte und Freiwilligenarbeit vorstellt und so Helfer und Hilfesuchende zusammenbringt.

Internetprotale könnten viel tun, um Menschen zu informieren, sie zusammenzubringen und zum Mitmachen anzuregen. "GoVolunteer soll auch Leute auf Ideen bringen", sagte der Gründer.

Doch zu Online gehöre auch Offline, deshalb habe der Verein ein Netzwerk aufgebaut, um die Leute vor Ort ganz konkret zu unterstützen. Insgesamt könne sein ehrenamtliches Projekt eine gute Bilanz aufweisen. Man habe es geschafft die Helfereuphorie des vergangenen Jahres auf ein Level zu bringen, was langfristig funktioniere. Es gehe nicht mehr um Notfallversorgung, sondern um wirkliche Integration. "Die Hilfebereitschaft der Helfer hat sich nicht geändert", resümierte Malte Bedürftig.

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