Engagement für Chancengleichheit

Mit Erfolgsstories Mut machen

"Du kannst es schaffen": Das ist die Botschaft von rund 200 jungen Migranten, den "Integreatern". Mit ihren eigenen Erfolgsgeschichten motivieren sie andere Migranten, mit einem guten Schulabschluss in Deutschland ihren Weg zu gehen. Wichtig ist vor allem, an sich selbst zu glauben, sagen die "Integreater" Enes und Borebardha.

InteGREATer e.V.

Die "Integreater" engagieren sich für Chancengleichheit bei der Bildung

Foto: InteGREATer e.V./Kristin Schreiber

Niemals den Mut verlieren: Dieses Motto hat Borebardha Krasniqi schon sehr früh verinnerlicht. 1998 flüchtete sie mit ihren Eltern vor den Kriegswirren im Kosovo nach Berlin. Damals war sie fünf. "Ich kann mich noch gut daran erinnern", erzählt die heute 22-Jährige, "wie lange wir damals durch die Wälder Europas gelaufen sind, bis wir endlich unser Ziel erreicht hatten". Aufgeben kam für das Mädchen aus dem Kosovo und seine Familie nicht in Frage.

Auch fünf Jahre später nicht. Damals war Borebardha überzeugt, dass sie wegen ihrer sehr guten Noten bereits zur fünften, und nicht wie in Berlin üblich erst zur siebten Klasse von der Grundschule auf das Gymnasium wechseln kann. Doch die Klassenlehrerin sah dies anders: Sie verweigerte die Empfehlung für einen frühzeitigen Wechsel auf das Gymnasium mit dem Argument, Borebardha bekäme möglicherweise zu Hause auf Dauer zu wenig Unterstützung. So könnten ihre Eltern wegen geringer Deutschkenntnisse kaum bei den Hausaufgaben helfen. "Ich fühlte mich so ungerecht behandelt", erinnert sich Borebardha. Die meisten Kinder würden sich dennoch fügen, gerade in diesem Alter. Nicht so Borebardha: Sie nahm sich ein Herz, ging zum Schuldirektor, sprach alleine mit anderen Lehrern- und hatte schließlich Erfolg. Der ersehnte Wechsel auf das Gymnasium war perfekt. Dass sie mit ihrer Selbsteinschätzung richtig lag, beweist Borebardha heute jeden Tag als erfolgreiche Medizinstudentin.

Vater als Vorbild und "Inspirationsquelle"

Wenn Enes Mert auf seine Schulzeit zurückblickt, hatte er weniger Hürden zu überwinden. Der 21-Jährige Berliner mit türkischen Wurzeln war schon in der Grundschulzeit ein Senkrechtstarter. Ähnlich wie Borebardha, nur in seinem Fall vertrauten die Lehrer direkt seinen Fähigkeiten. Enes durfte die erste Klasse schon nach einem halben Jahr überspringen. Neben seinem Fleiß war vor allem seine Motivation besonders hoch. "Die hat mir mein Vater mitgegeben", erzählt Enes. "Er nahm für mich eine besondere Vorbildfunktion ein, er war meine Inspirationsquelle". Enes erinnert sich an unzählige Stunden, in denen ihm sein Vater schon im Vorschulalter Lesen und Schreiben beibrachte. "Vor allem hat er mir immer erklärt, wie wichtig Bildung ist", sagt Enes.

Bevor sein Vater nach Deutschland kam, hatte er in der Türkei als Grundschullehrer gearbeitet. Das erklärt seinen Einsatz für eine gute Bildung seines Sohnes, auf die er heute besonders stolz ist. Denn Enes ist engagierter Politikstudent im fünften Semester an der Freien Universität Berlin.

Bildung soll für alle erreichbar sein

Zwei Beispiele von zahlreichen jungen Migranten, die erfolgreich in Deutschland ihren Weg gehen. Doch viele Kinder und Jugendliche aus Zuwandererfamilien haben Probleme in der Schule, beispielsweise weil ihnen die deutsche Sprache noch schwer fällt. Andere sind verunsichert, kommen mit dem Bildungssystem nicht auf Anhieb klar. Ihnen will „Integreater“ helfen: Mehr als 200 erfolgreiche junge Leute mit Migrationshintergrund engagieren sich ehrenamtlich in dem Verein. Ihr Anliegen ist die Chancengleichheit: Bildung soll für alle erreichbar ein, ob mit oder ohne Migrationshintergrund. Die Integreater gehen in Schulen und halten dort Vorträge, berichten von ihrem eigenen Lebensweg. Ziel ist, den Kindern und Eltern Mut zu machen, mit der Botschaft: Wenn wir es geschafft haben, schaffst Du es auch!

In fünf Bundesländern sind die mehr als 200 "Integreater" derzeit aktiv. Als ermutigende "Leuchttürme" gehen sie vor allem an Schulen mit einem hohen Anteil von Migrantenkindern. Der Verein "Integreater" bereitet seine Botschafter auf die Einsätze in den Schulen intensiv vor. In den Schulveranstaltungen tauschen sich die "Integreater" mit Schülern und Eltern über mögliche Bildungswege aus, zugleich beantworten sie Fragen zum deutschen Bildungssystem. Im Mittelpunkt steht, Kinder und Erwachsene gleichermaßen von der Bedeutung der Bildung für eine gelingende Integration und einen erfolgreichen Lebensweg zu überzeugen.

Auch Borebardha und Enes gehören zu den "Integreatern". "Mich hat vor allem das Thema Vorbilder fasziniert, was den Verein ja besonders umtreibt", berichtet Enes. "Ich habe es ja im eigenen Leben erfahren, wie hilfreich es ist, wenn man ein Vorbild hat". Außerdem will er nicht nur auf bestehende Defizite hinweisen. Sondern mit seinem Engagement auch deutlich machen, dass er Deutschland dankbar ist, "dass mir keine Steine in den Weg gelegt wurden und ich die Chancen nutzen konnte". Borebardha engagiert sich bei "Integreater", weil "ich anderen Kindern zeigen will, wie wichtig es ist, den Mut zu behalten und immer an sich selbst zu glauben".

Verein seit 2010 aktiv

InteGREATer e.V.

Enes Mert, Ümmühan Ciftci und Borebardha Krasniqi

Foto: InteGREATer e.V./Enes Mert

Ümmühan Ciftci hat den Verein „Integreater“ 2010 gegründet. Sie weiß aus eigener Erfahrung, wie schwer es manche Migrantenfamilien in Deutschland haben können. Ihr Vater hat den Traum vom Studium aufgeben müssen, arbeitete zeitweise als Fensterputzer und Maurer, um seine Geschwister in der Türkei finanziell unterstützen zu können. Ihre Mutter musste sich Lesen und Schreiben selbst beibringen. "Das war für mich als Kind schon eine schwierige Zeit", sagt Ümmühan Ciftci. "Vor allem auch die Bedingungen: Ich bin mit vier Geschwistern groß geworden, wir mussten uns lange Zeit ein Zimmer teilen. Hausaufgaben habe ich manchmal auf dem Boden gemacht". Doch Ümmühan Ciftci kämpfte sich durch. Ihr Lebensweg steht exemplarisch für viele "Integreater": Ihr Abitur hat sie mit Einserdurchschnitt bestanden, durch ihr Medizinstudium ist die 26-Jährige auf gutem Weg, als erfolgreiche Ärztin arbeiten zu können.

Mitwirkung der Eltern besonders wichtig

"Es geht uns aber nicht darum, dass aus jedem Kind ein Akademiker werden soll", betont Ümmühan Ciftci. "Wir wollen alle Kinder und Jugendlichen ansprechen- unabhängig vom Bildungsabschluss der Eltern." Für entscheidend hält sie aber, dass die Eltern die Kinder auf ihrem Bildungsweg unterstützen - mit den Möglichkeiten, die ihnen zur Verfügung stehen. Es gehe insbesondere darum, dass die Eltern am Werdegang ihre Kinder interessiert sind. "Ich selbst bin so glücklich darüber, dass meine Eltern immer an mich geglaubt haben“, sagt Ciftci. "Deshalb führen wir den Eltern und Schülern bei den "Integreater"-Veranstaltungen immer vor Augen, dass man große Träume haben darf. Und dass diese Träume auch zu erreichen sind“, erklärt die Vereinsgründerin.

Erfolg ist individuell verschieden

"Erfolg heißt nach unserem Verständnis, dass sich jedes Kind und jeder Jugendlicher sein persönliches Ziel setzt und versucht, dieses zu erreichen. Das muss kein besonderer Beruf oder Studiengang sein", ergänzt Enes.

Für Borebardha ist es schon ein großer Erfolg, wenn Kinder sich trauen, zu ihren Wünschen zu stehen. "Bei einer Schulveranstaltung meinten viele Kinder, sie wollten später einmal Fußballer werden oder eine Banklehre machen. Als ein Schüler sagte, dass er Jurist werden will, gab es erst einmal Gelächter. Das hörte aber auf als alle merkten, dass es dem Schüler ernst war. Er hat sich echt was getraut", berichtet Borebardha.

"Schon viel erreicht"

Borebardha und Enes haben sich getraut, ihren eigenen Weg zu gehen. Mit etwas Glück wird Borebardha später als Ärztin und Enes in der Politikberatung arbeiten. Die Tätigkeit für "Integreater" ist ihnen so ans Herz gewachsen, dass sie ihre Aufgabe in gewisser Weise "als Job auf Lebenszeit" ansehen. Vor allem die Reaktionen von den Kindern motivieren sie. So erzählt Borebardha von einem Schüler, der auf einem Rückmeldebogen nach einer Schul-Veranstaltung geschrieben hatte: Du hast uns die Augen geöffnet. "So etwas zu lesen ist so toll. Wenn man dies mit seiner Arbeit leisten kann, hat man schon viel erreicht."

Der gemeinnützige Verein "InteGREATer" hat sich zum Ziel gesetzt, in der Integrationsdebatte die positive Seite hervorzuheben, indem er das Augenmerk auf die Erfolgstories richtet. Der Verein wird von einem Kreis von Förderern ohne Migrationshintergrund unterstützt. Das Bildungs- und Integrationsprojekt "InteGREATer" wurde mehrfach ausgezeichnet, u.a. im Wettbewerb "Ideen für die Bildungsrepublik".

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