Mit den richtigen Falten bis ins All

Interview mit Kristina Wißling Mit den richtigen Falten bis ins All

Die Designerin Kristina Wißling hat nach dem Studium ein eigenes Büro aufgemacht. Ihr Spezialgebiet: Origami-Figuren. Diese werden in der Industrie, beispielsweise im Automobilbereich, eingesetzt. Im Interview erklärt die geborene Sauerländerin, wie ihr der Schritt in die Selbstständigkeit gelungen ist und warum Frauen nicht so ängstlich sein sollten.

Kristina Wißling hält eine ihrer Origami-Figuren in die Kamera.

Aus Papier komplexe Strukturen falten - darauf hat sich die Designerin Wißling spezialisiert.

Foto: Rainer Wohlfahrt

Seit wann sind Sie selbstständig und was gefällt Ihnen besonders an der Selbstständigkeit?

Kristina Wißling: Ich habe mich direkt nach meinem Studium selbstständig gemacht, das war Ende 2008. Als Designer stellt sich die Frage fast gar nicht, die meisten starten danach mit einem eigenen Büro durch. Zudem hatte ich Glück und konnte unterschiedliche Förderangebote für selbstständige in der Kultur- und Kreativwirtschaft in Anspruch nehmen; hatte eine Beraterin, die mit mir ein tragfähiges Konzept und dazu einen Businessplan erstellt hat. Daraus folgten Wettbewerbe und Preisgelder, mit denen ich mein Büro aufbauen konnte. Von Anfang an reizten mich die Möglichkeiten, die Herausforderungen, der Einblick in unterschiedliche Firmen und Bereiche.

Ich mag die Vielfalt der Aufträge, die unterschiedlichen Projekte, Aufgaben und Herausforderungen. Einblicke in unterschiedliche Firmen von Forschungseinrichtungen, Hidden Champions, bis hin zu Großkonzernen in unterschiedlichsten Industriezweigen, die ich sonst niemals bekommen hätte. Austausch und Kontakt zu vielen Menschen, die ich dadurch kennenlernen durfte.

Was ist aus Ihrer Sicht rückblickend besonders wichtig für Gründer und Gründerinnen?

Kristina Wißling: Aus meiner Sicht ist es besonders wichtig, frühzeitig Netzwerke aufzubauen. Bereits die Studienkollegen sind später die Art-Direktoren, Fotografen und Produktdesigner, die man in Agenturen und Entwicklungsabteilungen wieder trifft. Dazu zahlt sich nach Jahren Hartnäckigkeit, ein langer Atem und Mut aus. Gründer dürfen nicht zu ängstlich sein, über den Tellerrand in andere Bereiche zu schauen. Eine gute Allgemeinbildung und über das aktuelle Zeitgeschehen informiert zu sein, kann auch nicht schaden. Heutzutage auch gerne unterschätzt: die guten "alten" Umgangsformen und Manieren - Höflichkeit, Pünktlichkeit, Tischmanieren.

Ist es für Frauen schwieriger, ein eigenes Unternehmen zu gründen, oder gibt es keine Unterschiede zu Männern?

Kristina Wißling: Es ist nach wie vor für Frauen schwieriger zu gründen als für Männer. Frauen werden immer noch gerne unterschätzt und müssen deutlich mehr leisten und abliefern als Männer. Sie dürfen nicht so ängstlich sein. Männer treten in einigen Bereichen mit übertriebenem, nicht gerechtfertigtem Selbstbewusstsein auf und kommen dadurch besser und deutlich schneller nach vorne als Frauen. Frauen denken viel zu oft viel zu lange nach und wollen alles perfekt und fehlerfrei abliefern. Es ist nicht so schlecht, sich von männlichen Kollegen was abzuschauen und zu lernen. Es gibt viele hochqualifizierte und gute Frauen, die definitiv nicht im Hintergrund arbeiten müssen und sich nicht zu verstecken brauchen, weil sie einfach sehr gut arbeiten.

Wie können Frauen aus Ihrer Sicht ermutigt werden, mit einer Geschäftsidee den Schritt in die Selbstständigkeit zu wagen?

Kristina Wißling: Ich hatte viele Unterstützer, habe Beratungen und Coaching in Anspruch genommen, mich stetig weitergebildet. Gründerinnen müssen mit einer Idee begeistern, sich auch besser gegenseitig unterstützen - Banden bilden, Befürworter finden, an sich selber und an seine Idee glauben, mit Herzblut arbeiten, hartnäckig sein, und einfach machen. Dazu auch Dinge einfordern, die einem zustehen. Wenn Sie gute Arbeit abliefern, können Sie auch eine gute und faire Bezahlung einfordern.

Wie sind Sie auf die Idee gekommen, dass man mit Falten Geld verdienen kann?

Kristina Wißling: Mutter Natur macht es vor: Faltungen kommen in der Natur in allen Dimensionen vor, in der ein-, zwei- und dreidimensionalen. Gesteinsplatten besitzen gefaltete Strukturen. Unser Hirn weist gefaltete Strukturen auf, um die Leistung zu erhöhen. Blüten und Knospen entfalten sich, und das in den schönsten Formen und Farben. Überall dort, wo sich Strukturen aus räumlichen oder funktionalen Gründen zusammenfalten und wieder entfalten sollen, Stabilität oder schockabsorbierende Eigenschaften gefragt sind, kommt das Prinzip der Faltung zum Einsatz. Wenn Sie sich mit Faltungen und Geometrie beschäftigen, werden Sie Ihr ganzes Leben lang nicht arbeitslos.

Ihre Falttechniken sind vielfältig einsetzbar. Welches sind die Hauptanwendungsgebiete, die bei Ihnen nachgefragt werden?

Kristina Wißling: In den vergangenen Jahren kamen die Hauptanfragen hauptsächlich aus der Automobilindustrie, der Verpackungsindustrie und der Grundlagenforschung im Bereich Architektur und Bau. Auch im Bereich des Produktdesigns und der Kunst hat sich ein regelrechter Boom entwickelt, und die Nachfrage steigt. Man braucht sich nur die alten Plisseebrennereien und Textilfaltungen anzuschauen, die gerade eine Renaissance erleben.

Origami-Figur aus schwarzer Papper in Form eines Akkordeons.

Origami-Figuren als Versuchsmuster - Wißlings Faltstrukturen werden in der Raumfahrt- und Medizintechnik umgesetzt.

Foto: Kristina Wißling

Wie wird sich der Markt von gefalteten Strukturen weiterentwickeln?

Kristina Wißling: Origami Engineering hat sich in den vergangenen Jahren rasant weiterentwickelt und ist zu einem breiten Forschungsfeld in unterschiedlichen Anwendungsbereichen geworden. Vor Jahren hätte man niemals gedacht, dass Mona Lisas Ärmelfaltung heute in der Raumfahrt in Form von faltbaren Antennen Anwendung findet. Dass Faltmodule, die normalerweise für die Faltung von Insekten benutzt werden, in der Simulation von Airbagfaltungen Anwendung finden. Oder eine Faltung in der Wand von Getränkedosen die Stabilität erhöht und dadurch Material eingespart werden kann.

Origami Engineering wird seit einigen Jahrzehnten vermehrt in der Industrie eingesetzt, wo Strukturen aus räumlichen oder funktionalen Gründen verkleinert und anschließend vergrößert werden sollen. So haben Raumfahrt, Bauwirtschaft und Architektur, aber auch Medizin, Robotik und Verpackung die traditionelle japanische Falttechnik für sich entdeckt. Beispiel: Cabriodach. Dieses muss platzsparend gefaltet werden, bevor es zum Einsatz kommt. Mittels Origami Engineering kann die Technik im Kleinen vorher getestet werden.

In Zukunft wird sich einiges optimierter und immer geschickter in Falten legen. Die Entwicklung von Software und Maschinen, die unterschiedliche Materialien in Falten legen, ist auf dem Vormarsch. 3-D-Druck und 3-D-Scans ermöglichen mittlerweile die Herstellung von gefalteten Strukturen und komplexen Geometrien, die vorher nicht produziert werden konnten. Es gibt so schlechtes Design und soviel, das optimiert oder neu gestaltet werden kann.

Woher stammen Ihre Ideen und welche Rolle spielt der Computer dabei?

Kristina Wißling: Ich falte, seitdem ich sechs Jahre alt bin und mein erstes Origamibuch von meiner Mutter bekommen habe. Heißt, seit 34 Jahren falte, knicke und knülle ich alles, was ich in die Finger bekomme: Fahrkarten, Kassenbons, Kontoauszüge, selbst leere Klopapierrollen bekommen Gesichter oder werden kleinen Crash Tests mit vorher eingebauten Faltungen unterzogen. Nach so vielen Jahren können Sie auf einen Wissensschatz von unterschiedlichen Falttechniken und Strukturen zurückgreifen. Man kennt viele Faltungen, kleine Kniffe und Knicke.

Das Grundprinzip des Origami: Aus einem quadratischen Papier werden ohne Schere oder Klebstoff zwei- oder dreidimensionale Objekte gefaltet. 

Computer und Software sind allerdings unerlässliche Tools, um die Welt in Falten zu legen. Eine deutliche Erleichterung und ein Muss, wenn es in einigen Bereichen um die Umsetzung geht. Mit Trial-and-Error ist da nicht viel. Die Faltung unterliegt einem genauen Plan, in dem kein Fehler stecken darf. Einige Software ist allerdings auch noch in der Entwicklung.

Wieviel Ihrer Arbeit ist "Handarbeit", und brauchen Sie dafür ein "ruhiges Händchen"?

Kristina Wißling: Das kommt auf die Aufgabe an. Ich beginne jede Aufgabe grundsätzlich mit Papier und meinen Händen. Sie können das ungefähr vergleichen mit einem Musiker, der nicht täglich seine Noten liest oder übt, sein Instrument zu spielen. Das ist überhaupt nicht gut. Sie merken das sofort, wenn es darum geht, Faltpläne zu lesen, und in der Umsetzung:  Koordination, Konzentration, Schnelligkeit, Genauigkeit... Training, geübte Finger und Ausdauer, dann klappt es auch mit dem richtigen Kniff.