Interview mit einem Militärpfarrer

"Ganz, ganz wichtig ist das Zuhören"

Militärseelsorger sind für Soldatinnen und Soldaten der Bundeswehr da - im täglichen Dienst, bei Übungen und im Ausland. Militärpfarrer Bernd Schaller war zweimal in Afghanistan im Einsatz. Ein Gespräch über die Begleitung junger Menschen bei ihrer ersten Konfrontation mit den Gefahren ihres Berufs, Gottesdienste im Container - und seine Vorfreude auf die Zusammenarbeit mit den jüdischen Seelsorgern, die es bald in der Bundeswehr geben wird.

Militärdekan Bernd Schaller

Bernd Schaller ist Militärdekan im Katholischen Militärpfarramt Berlin.

Foto: KS / Doreen Bierdel

Herr Schaller, wenn Soldaten in den Einsatz gehen, welchen Belastungen sind sie ausgesetzt?
 
Bernd Schaller: Man muss davon ausgehen, dass jeder, der in den Einsatz geht, alles was er an Themen und Problemen hat, auch mitnimmt. Ich gebe ja nicht das, was mich in den letzten Wochen, Monaten oder vielleicht auch Jahren beschäftigt hat, irgendwo im Flieger ab. Der eine lädt vielleicht den Rucksack ein bisschen aus. Aber da bleibt trotzdem noch genügend übrig. Und dann trennt man sich für vier oder sechs Monate von der Familie. Aber das Leben zu Hause geht ja weiter. Vielleicht steht ein Schulwechsel bei den Kindern an oder die Frau oder Freundin ist schwanger. Da hat man den Kopf immer auch zu Hause. Was passiert dort? Hoffentlich passiert nichts! Sonst kann ich nicht reagieren - jedenfalls nicht sofort.

Mit welchen Fragen, mit welchen Sorgen kommen sie dann zum Militärpfarrer?
 
Schaller: Ein großes Feld ist tatsächlich alles, was mit Familie und Beziehungen, mit Partnerschaft zu tun hat, auch durch die Entfernung. Zum Beispiel: "Ich habe gestern mit meiner Freundin telefoniert und sie hat gesagt, entweder Du kommst nach Hause oder es ist aus." Da ist dann jemand 5000 Kilometer weg und weiß gar nicht mehr, was los ist. Das setzt ihn gewaltig unter Druck.

Und die Soldaten müssen trotzdem funktionieren…

Schaller: Dann kommt das Klima dazu, die Gefährdung. Und dann gibt es Sachen, die dann einfach passieren. Es gibt Anschläge. Oder 2010, als ich in Kundus war, da haben wir mindestens zweimal pro Woche Beschuss gehabt, das steckt einem natürlich in den Kleidern.

Das sind wirklich ganz existenzielle Fragen in diesem Umfeld. Was passiert, wenn ich verwundet werde? Oder wenn Kameraden getötet werden? Das erste Mal kommen junge Menschen mit dem Thema Tod ganz hautnah und ganz knallhart zusammen. Andererseits haben 20-Jährige, 22-Jährige oft dann zum ersten Mal die Gelegenheit, über Tod und Verwundung nachzudenken. Manchmal habe ich den Eindruck, manche Menschen denken, die Soldatinnen und Soldaten sind dumpfe Kampfmaschinen. Nein, das sind Menschen mit Emotionen und Schwächen und deswegen begleiten wir sie ja auch.
 
Wie kann der Seelsorger helfen?

Schaller: Ganz, ganz wichtig ist das Zuhören. Wir sind als Militärseelsorger nicht in die militärische Befehlskette eingebunden. Wir haben Schweigepflicht und damit wissen die Leute, der Militärpfarrer hält die Klappe. Es gibt manche, die kommen zum Gespräch bei einer Tasse Kaffee, stehen danach auf und sagen: "Das hat jetzt wirklich gutgetan." Da habe ich nur zugehört. Wir haben auch schon einmal eine kleine Telefonkonferenz gemacht mit der Familie zu Hause. Die Vielfalt ist so groß, wie die Vielfalt der Anliegen, mit denen die Leute kommen.

In welchen Einsätzen waren Sie persönlich?

Schaller: Nach einem guten Jahr in der Militärseelsorge hieß es 2010, die Anfänger gehen in den Kosovo. Doch bei mir hat man entschieden: Du hast ja schon Feuerwehrseelsorge und Notfallseelsorge gemacht, Du kannst nach Afghanistan, nach Kundus. 2017 war ich dann noch einmal für viereinhalb Monate in Masar-e Scharif.
 
Welche Erfahrungen haben Sie gemacht?

Schaller: 2010 sind unsere Soldaten rausgefahren auf Patrouille. Da hatten wir zwei Höhen, die wir kontrolliert haben und ein ehemaliges Polizeihauptquartier, das unser Stützpunkt war. Als Gottesdienstraum dienten zwei Container im Polizeistützpunkt, zwischen denen wir die Trennwand entfernt haben. Als es heiß wurde, haben wir den Gottesdienst auf einer handgezimmerten Terrasse gefeiert. In Masar-e Scharif ist das Lager viel größer, da gibt es eine gemauerte Kapelle, mehrere Verpflegungseinrichtungen, wo sich die Soldaten auch mal eine Pizza holen können. Die Aufgaben waren die gleichen, die Umgebung ganz anders.

Kundus, ja eigentlich beide Einsätze waren schön, das ist aber immer schwierig zu erklären. Schließlich sind dort sieben Menschen gestorben in meiner Zeit in Kundus. - Ja, natürlich war das schwer. Aber so einen Einsatz erleben Sie ja nicht nur von dem her, was jetzt schwierig ist. Was ich dort unten intensiv kennengelernt habe, war das Thema Kameradschaft. Ich habe viele Leute sagen hören: "Wenigstens ein bisschen von der Kameradschaft, die wir im Einsatz hatten, würden wir uns für zu Hause auch wünschen" - und mir gedacht, jetzt stellt Euch nicht so an. Und dann gehst Du in den Einsatz und erlebst genau das, was sie meinen.

Was leistet Militärseelsorge zu Hause in Deutschland?

Schaller: Ein wichtiges Thema ist der lebenskundliche Unterricht. Man erklärt Rekruten erst einmal, was Seelsorge ist. Vielleicht haben sie ihr ganzes Soldatenleben lang nie Kontakt und brauchen das auch nicht. Dann ist das ok. Aber sie sollen wissen, dass es die Seelsorge gibt. Dann machen wir eine Unterrichtseinheit über Eid und Gelöbnis, weil diese ja auch am Ende der Grundausbildung stehen. Wo kommt das her? Was verspreche ich, wenn ich sage, ich trete ein für Freiheit, für Recht?
 
Welche Rolle spielt in der täglichen Arbeit der Militärseelsorge die Konfession?

Schaller: Gar keine! Das kann ich frei heraus sagen. Es gibt ja eine Vereinbarung zwischen dem Staat und sowohl der Evangelischen als auch der Katholischen Kirche und da wird klar gesagt: Wir sind dazu da, Ansprechpartner für alle Soldatinnen und Soldaten zu sein. Wenn jemand zu mir kommt, dann ist es oft so, dass er mich kennt und mit mir reden möchte. Da spielt es gar keine Rolle, dass ich katholischer Pfarrer bin und er vielleicht evangelisch ist. Hier in Berlin habe ich die meisten Gespräche mit Menschen, die im ostdeutschen Teil aufgewachsen sind, und kirchlich überhaupt nicht sozialisiert sind.
 
Bald wird es eine spezielle Seelsorge für jüdische Soldatinnen und Soldaten geben, ein Staatsvertrag dazu wurde unterzeichnet. Wie werden Sie mit der jüdischen Militärseelsorge zusammenarbeiten?

Schaller: Wir freuen uns darüber, dass die Kolleginnen und Kollegen kommen, wenn der Bundestag das beschlossen hat. Wir werden uns miteinander auf den Weg machen, wie auch immer dieser dann genau aussehen wird. Für die Kameradinnen und Kameraden, die aus dem jüdischen Glauben kommen, ist es in jedem Fall eine Bereicherung. Und wir bekommen zusätzlich Seelsorger, das muss man ja auch sehen.

Ich bin mir ganz sicher: Wenn sich die jüdische Militärseelsorge einmal so etabliert hat, wie das bei uns der Fall ist, dann wird es genau so sein, dass da niemand nach der Konfession fragt. Wer zum Seelsorger kommt, tut das ja mit einem Anliegen und will, dass derjenige, der ihm gegenübersitzt, ihm hilft. Es kann der Militärseelsorge und damit auch den Soldatinnen und Soldaten nur entgegenkommen, wenn das Angebot breiter wird.

Soldatinnen und Soldaten haben laut Soldatengesetz einen Anspruch auf Seelsorge und ungestörte Religionsausübung. Die Evangelische und Katholische Kirche leisten durch die Militärseelsorge, die vertraglich vereinbart ist, einen Beitrag zu ihrer Betreuung. Die Militärseelsorge ist ein eigener Organisationsbereich der Bundeswehr.