Weltalphabetisierungstag

Lesen und Schreiben sind Schlüssel zur Welt

Jedes Jahr am 8. September begeht die Unesco den Welttag der Alphabetisierung. In Deutschland gibt es 7,5 Millionen funktionale Analphabeten. Sie können nicht richtig lesen und schreiben. Bund und Länder haben deshalb die Dekade für Alphabetisierung ausgerufen.

Nicht nur in den ärmsten Regionen der Welt, auch in Deutschland können 7,5 Millionen Menschen nicht richtig lesen oder schreiben, davon über vier Millionen Berufstätige. Etwa jeder siebte Erwachsene zwischen 18 und 64 Jahren ist betroffen.

Schon der Alltag bringt diese Menschen an ihre Grenzen: Sie scheitern an Hinweisschildern, beim Geldabheben, am Fahrscheinautomaten oder an Klingelschildern. "Menschen, die nicht ausreichend lesen und schreiben können, fühlen sich häufig ausgeschlossen, denn in der modernen technik- und dienstleistungsorientierten Arbeitswelt sind diese Fähigkeiten das Fundament für gesellschaftliche Teilhabe und sichere Beschäftigung", so Bundesbildungsministerin Johanna Wanka.

Dekade für Alphabetisierung

Am diesjährigen Alphabetisierungstag hat Bundesbildungsministerin Wanka gemeinsam mit der Präsidentin der Kultusministerkonferenz, Brunhild Kurth, eine Dekade für Alphabetisierung ausgerufen. So wollen Bund und Länder in den nächsten zehn Jahren die Lese- und Schreibfähigkeiten von Erwachsenen in Deutschland deutlich verbessern.

"Gemeinsam mit den Ländern und vielen weiteren Partnern wollen wir in den nächsten zehn Jahren erreichen, dass mehr Menschen den Mut finden, auch in späteren Lebensphasen ihre Fähigkeiten im Lesen und Schreiben zu verbessern." Deshalb werde der Bund Alphabetisierungsprojekte und Lernkonzepte in den nächsten zehn Jahren mit 180 Millionen Euro fördern.

Die Scham überwinden

Viele verstecken ihre Schwächen und "mogeln" sich durch das tägliche Leben. Im privaten Alltag bereiten nicht nur Formulare Schwierigkeiten. Auch der Vorlesewunsch der Kinder stellt diese Menschen vor Probleme. Wer im Berufsleben steht, muss bei Kolleginnen und Kollegen nachfragen, wenn schriftliche Anweisungen gegeben werden. Und wer eine Ausbildung beginnt, kommt in der Berufsschule nicht mit.

Jeder zweite Analphabet hat keinen Schulabschluss. Vielen gelingt es nicht, im Arbeitsleben dauerhaft Fuß zu fassen. Denn für viele Arbeiten braucht man Lese- und Schreibkompetenz - beispielsweise um neue Maschinen zu bedienen oder sicher mit dem PC umzugehen. Aus Scham und aus Angst vor Vorurteilen trauen sich die meisten Betroffenen jahrelang nicht, aktiv Hilfe zu suchen.

Dem wollen Bund und Länder entgegenwirken. Vor allem geht es darum, die Öffentlichkeit zu sensibilisieren und Betroffene besser zu erreichen. Das Bundesministerium für Bildung und Forschung (BMBF) führt deshalb die bundesweite Informationskampagne "Lesen & Schreiben - mein Schlüssel zur Welt" fort. Für TV- und Hörfunkspots, großflächige Plakatierungen und Regionalveranstaltungen hat das BMBF fünf Millionen Euro bereitgestellt.

Zum Lernen ermutigen

Die Volkshochschulen sind mit ihrem Kursangebot die erste Adresse für erwachsene Analphabeten. In diesen Kursen können die Betroffenen oft zum ersten Mal offen darüber sprechen, welche Schwierigkeiten sie im Alltag haben und wie sie damit umgehen. Wer Lesen und Schreiben lernt, befreit sich aus Abhängigkeiten.

"Ziel muss es sein, durch passgenaue Angebote die Hemmschwelle für die Betroffenen so niedrig wie möglich zu halten", betonte die Präsidentin der Kulturministerkonferenz (KMK) Kurth. Die Länder haben deshalb regionale Grundbildungszentren eingerichtet. Dadurch können betroffene Menschen in ihrer Umgebung besser erreicht und mit neuen Lernangeboten angesprochen werden.

So hat der Deutsche Volkshochschulverband (DVV) mit Förderung des Bundesbildungsministeriums das Internetportal "ich-will-lernen.de" eingerichtet: Deutschlands größtes offenes Lernportal mit mehr als 31.000 kostenlosen Übungen zur Alphabetisierung und Grundbildung, zur Vorbereitung auf den Schulabschluss sowie zur Ökonomischen Grundbildung. Nutzer können sich anonym online anmelden, auf ihrem Lernweg werden sie von Tutoren begleitet.

Unter der Telefonnummer 0800-53 33 44 55 gibt das Alfa-Telefon Informationen über Lese- und Schreibkurse im gesamten Bundesgebiet. Der Bundesverband Alphabetisierung und Grundbildung bietet diesen Beratungsservice an.

Netzwerke schaffen

"Wir haben viel erreicht, aber wir brauchen mehr leicht zugängliche Angebote", sagte Wanka. "Über die Volkshochschulen haben rund 20.000 Menschen an Kursen teilgenommen, aber über das Internet haben wir 500.000 registrierte Nutzer bei "ich-will-lernen.de". Deshalb müssen neue und auch andere Lernkonzepte entwickelt werden, die über Smartphones genutzt werden können.

Analphabetismus kann nur wirksam bekämpft werden, wenn viele Partner zusammenarbeiten. Erfahrungen und pädagogische Konzeptionen müssen ausgetauscht und in die Fläche gebracht werden. Vor allem in den Kommunen - also vor Ort - ist es wichtig, lokale Bündnispartner zu gewinnen und Netzwerke aufzubauen. Auch zukünftig erden viele ehrenamtliche Helferinnen und Helfer gebraucht, beispielsweise um die rund 5.000 Botschafter für Alphabetisierung weiter zu verstärken.

In Deutschland haben sich verschiedene gesellschaftliche Akteure zu der Initiative "Nationale Strategie für Alphabetisierung und Grundbildung Erwachsener" zusammengeschlossen. In der Koalitionsvereinbarung 2013 war bereits beschlossen worden, die Förderung für Alphabetisierung auszubauen. Informationen über unterschiedliche Projekte im Rahmen der Initiative bietet das Bundesministerium für Bildung und Forschung.

Lernen bei der Arbeit

Immerhin rund 60 Prozent der 7,5 Millionen funktionalen Analphabeten sind erwerbstätig. Deshalb will das Bundesbildungsministerium sich vor allem für die arbeitsplatznahe Grundbildung engagieren. Zum Beispiel könnte diese stärker in betriebliche Weiterbildungsangebote eingebettet werden.

Immerhin 34 Prozent der Beschäftigten und 42 Prozent der Arbeitgeber kennen einen oder mehrere Kolleginnen oder Kollegen, die Probleme mit dem Lesen und Schreiben haben. Betriebsräte oder engere Kolleginnen und Kollegen sollten die Betroffenen ermuntern, es zu lernen. Gemeinsam mit dem Deutschen Gewerkschaftsbund hat das Bundesbildungsministerium ein Konzept zum Einsatz von Lernberaterinnen und –beratern in den Betrieben entwickelt.

Auch Unternehmen sollen motiviert werden, betroffene Beschäftigte zu zu fördern. Das Bundesbildungsministerium will künftig jedes Jahr ein in der Alphabetisierung besonders engagiertes Unternehmen mit einem Preis auszeichnen.

Das Förderprogramm "Arbeitsplatzorientierte Alphabetisierung und Grundbildung Erwachsener" des Bundesbildungsministeriums unterstützt die Zusammenarbeit von Bildungsträgern und Unternehmen. Es ist mit 20 Millionen Euro ausgestattet und läuft noch bis Ende 2015.

Migranten gezielt fördern

Viele Zugewanderte haben nur bruchstückhafte Deutschkenntnisse, die kaum für die Verständigung im Alltag ausreichen. In den Familien verständigt man sich in der Muttersprache. Sie können ihre schulpflichtigen Kinder bei den Hausaufgaben nicht unterstützen, Elternabende werden gemieden. Geht es ums Lesen oder um das Ausfüllen von Formularen, zum Beispiel Mietvertrag oder Kindergeldantrag, scheitern sie. Für Migranten, die kaum lesen und schreiben können, bieten die Volkshochschulen spezielle Kurse an.

Aufgrund des starken Zustroms von Flüchtlingen nach Deutschland werden auch Menschen kommen, die kaum eine Schulbildung genossen haben. Zum einen stammen sie aus Ländern, die eine hohe Rate an Analphabeten haben. Dazu gehören Irak, Afghanistan, mehrere afrikanische Länder, aber auch Syrien. Zum anderen sind viele Jugendliche bereits jahrelang auf der Flucht und konnten keine Schulen besuchen.

"Ich will ausdrücklich hervorheben, dass die von uns geförderten Programme und Projekte auch für Flüchtlinge offen stehen, um sie beim Deutschlernen zu unterstützen", betonte Wanka anlässlich des Weltalphabetisierungstags.

Für sie werden gezielte Lernangebote benötigt. Deshalb wird das Bundesbildungsministerium die Entwicklung einer App zum Deutschlernen fördern. Die Erfahrung zeigt nämlich, dass Flüchtlinge häufig Smartphones nutzen, die auch als potenzielles Lernmedium dienen können.

Das Bundesamt für Migration und Flüchtlinge bietet Sprachkurse, in die vorrangig qualifizierte Asylbewerber vermittelt werden. Ihre Integrationsaussichten werden als besonders erfolgreich eingeschätzt.

Leichte Sprache

Viele wichtige Informationen für Bürgerinnen und Bürger werden von den öffentlichen Verwaltungen im Internet angeboten. Trotzdem ist Verwaltungssprache häufig schwer zu verstehen. Besonders, wenn es sich um Bescheide oder Briefe handelt. Auch Unternehmen stehen vor Problemen, wenn es um das Verständnis von Texten geht. Mehr als die Hälfte aller Analphabeten sind in Beschäftigung, viele von ihnen als Hilfskräfte.

Hilfe bieten hier zum Beispiel Angebote in Leichter Sprache. Sie wurden ursprünglich für Menschen mit kognitiven Einschränkungen entwickelt. Sie bieten aber auch Hilfestellung für funktionale Analphabeten, also Menschen, die schwierige Texte nur unter Mühe oder gar nicht lesen und verstehen können.

Weltweit können etwa 781 Millionen Menschen nicht lesen und schreiben. Auf dem Unesco-Weltbildungsforum in Dakar hatten sich mehr als 160 Länder verpflichtet, bis 2015 die Analphabetenrate bei Erwachsenen um die Hälfte zu verringern. Dieses Ziel der Weltgemeinschaft aus dem Jahr 2000 wird nicht erreicht. Der Weltbildungsbericht der Unesco 2013/2014 zeigt, dass die Anzahl der erwachsenen Analphabeten hartnäckig hoch bleibt.

Zwei Drittel der Analphabeten sind Frauen und Mädchen. Dieser Anteil konnte seit 1990 nicht vermindert werden. Auch 250 Millionen Kinder weltweit sind nicht in der Lage, einen Text zu lesen und Wörter zu schreiben, obwohl sie mindestens vier Jahre eine Schule besucht haben. 557 Millionen der erwachsenen Analphabeten leben in nur zehn Ländern.

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