Workshop an Schulen  

Jugendliche für Demokratie stark machen

Immer wieder sorgen Fälle von Antisemitismus, Fremdenfeindlichkeit oder islamistischer Hetze für Schlagzeilen - auch an Schulen. Umso wichtiger ist es, Jugendlichen die Grundwerte der Demokratie zu vermitteln. Wie das gelingen kann, zeigt ein Workshop aus dem Bundesprogramm "Demokratie leben!" an einer Berliner Berufsschule.  

Junge Leute halten gemeinsam eine Wasserball, der eine Weltkugel darstellt.

Jugendliche lernen, dass alle mitmachen müssen, um die Welt in Balance zu halten.

Foto: Getty Images/Courtney Keating

Die Welt wackelt. Doch viele helfende Hände schaffen es auf dem Bild, die Erdkugel mit der Aufschrift Demokratie wieder in die richtige Balance zu bringen. Die Botschaft: Das Handeln jedes Einzelnen ist entscheidend – auch im Alltag.

18 junge Leute zwischen 17 und 26 Jahren sitzen in ihrer Berliner Berufsschule in einem Stuhlkreis. Statt Deutsch oder Mathe steht heute ein Workshop auf dem Stundenplan: Demokratiebildung.

Wegschauen oder helfen?

In der Mitte des Klassenraumes liegen verschiedene Foto-Collagen, darunter das Motiv mit der Erdkugel. Die 22-jährige Sandra zeigt auf ein anderes Bild, zwei Schilder, die jeweils in die entgegen gesetzte Richtung zeigen. Auf dem einen steht "Wegschauen", auf dem anderen "Helfen". "Das Gefühl kenne ich: Man ist einfach unsicher, oder denkt auch, das geht mich nichts an", sagt Sandra zu ihren Mitschülerinnen und Mitschülern. Erst vor Kurzem habe sie eine solche Situation erlebt.

"Das war in einem Bus, als ein älterer Mann über einen vor ihm sitzenden Ausländer ziemlich übel gehetzt hat", erzählt Sandra. "Zum Glück ist es nicht weiter eskaliert. Nur habe ich hinterher gedacht, dass es eigentlich schlimm war, dass auch keiner der anderen Fahrgäste reagiert hat."

Foto-Collagen, auf denen Figuren zusammen eine Weltkugel tragen oder sich gegenseitig die Hand reichen.

Foto-Collagen zeigen, wie man Zivilcourage zeigen und mitdiskutieren kann.

Foto: Bundesregierung

Zu lernen, sich einzumischen und Zivilcourage zu zeigen - das ist ein wichtiges Ziel des Demokratie-Workshops. Der Leiterin Christine Achenbach liegt es besonders am Herzen, den Jugendlichen klar zu machen, dass man "oft viel mehr tun kann, als man denkt".

Für entscheidend hält die 37-Jährige, dass "man sich mit seinen eigenen Werten auseinandersetzt und Verantwortung für sich selbst übernimmt."

Solche Projekttage im Klassenverband finden bei Projekten wie "Berliner (Berufs-) Schulen für weltanschauliche und religiöse Vielfalt" und "Oberstufenzentren für Zusammenhalt, Demokratie und Vielfalt" in Berlin, Brandenburg und Hamburg statt. Beide sind Teil des Bundesprogramms "Demokratie leben!". Hierbei engagieren sich zahlreiche Initiativen, Vereine und Bürgerinnen und Bürger in ganz Deutschland für ein vielfältiges, gewaltfreies und demokratisches Miteinander. Die Bundesregierung unterstützt diesen Einsatz alleine in diesem Jahr mit 120 Millionen Euro.

Demokratiebewusstsein stärken

Christine Achenbach und ihre Kollegin Mabura Oba reihen sich in den Stuhlkreis ein. Was macht Demokratie aus und was sind ihre Stärken? Das sind nun die Fragen an die Jugendlichen. "Die Freiheit des Einzelnen halte ich in Deutschland für ziemlich wichtig", meldet sich die 19-jährige Esra. "Das ist in vielen anderen Ländern nicht selbstverständlich."

Achenbach greift das auf und nennt die Stichworte Meinungsfreiheit und Demonstrationsrecht. "Wer war denn schon mal auf einer Demo?", fragte sie in die Runde. Hier sind die Reaktionen zurückhaltend. Nur eine Handvoll der Jugendlichen hat bereits an einer politischen Demonstration teilgenommen. Andere nennen ihre Teilnahme an der Parade zum Christopher Street Day.

Mitreden und Mitbestimmung

Doch beim Thema Mitbestimmung in der Schule wird die Diskussion lebhafter. Der 17-jährige Kushtrim, einer der wenigen Jungen der Berufsschulklasse für angehende Sozialassistenten, fühlt sich angesprochen: "Bei den Hausaufgaben kann ich ja wohl kaum mitbestimmen, das entscheidet doch die Lehrerin". "Ok, das stimmt", entgegnet Esra. "Aber vielleicht kannst du mit der Lehrerin über das Pensum der Aufgaben sprechen, wenn es deiner Meinung nach zu viel ist. Und über das Ziel von Ausflügen kann man zum Beispiel auch mitreden", findet Esra.

Christine Achenbach ist zufrieden. Ihr ist es wichtig, dass sich die Jugendlichen untereinander über ihre Rechte und Möglichkeiten austauschen. Sie will die Lebenswelt der Schülerinnen und Schüler aufgreifen und Demokratie im Alltag anschaulich machen - vor allem darum geht es im Demokratie-Workshop.

"Ich möchte vor allem vermitteln, dass es sich lohnt, für demokratische Grundrechte einzustehen und sich zu engagieren. Gerade in der heutigen Zeit ist es von großer Bedeutung, dass sich jeder und jede Einzelne für den Erhalt des demokratischen Systems einsetzt", ist Achenbach überzeugt.

Nur wer die Vorzüge kenne, könne sie auch selbstbewusst verteidigen. Beispielsweise gegen jegliche Formen von Extremismus und Radikalisierung, die auch an Schulen vorkommen.

Radikalisierung richtig begegnen

So bei Leon, einem volljährigen Auszubildenden, der an seiner beruflichen Schule dadurch auffällt, dass er sein Äußeres verändert (Bartwuchs, langes Gewand) und seine Mitschüler seit Kurzem für den Islam zu gewinnen versucht. Leon erzählt zudem einigen Freunden, dass er in seiner Freizeit mit Gleichaltrigen an Kampfsportübungen und militärischen Trainings teilnimmt.

Die wahre Geschichte von Leon ist eines von mehreren Fallbeispielen, die sich auch mit Rechtsextremismus, Antisemitismus und  Frauenfeindlichkeit beschäftigen. Sie werden in dem Workshop diskutiert. In Gruppenarbeit überlegen die Jugendlichen, was sie unternehmen könnten, wenn sie bei einem Mitschüler eine Radikalisierung feststellen würden.

Christine Achenbach rät dazu, unbedingt Lehrkräfte und Eltern einzuschalten. Und spezialisierte Beratungsstellen zu kontaktieren.

Jugendliche sensibilisieren

Die jungen Berufsschülerinnen und Berufsschüler fühlen sich jetzt besser für solche Situationen vorbereitet. Dass sie an dem Projekttag teilnehmen, geht auf die Initiative ihrer stellvertretenden Schulleiterin Silke Wilhelms zurück.

"Mir ist es wichtig, die Jugendlichen für die unterschiedlichen Strömungen von Extremismus zu sensibilisieren. Auch wenn es bei uns selbst keine Tendenz zu einer Radikalisierung gibt", betont die 57-Jährige.  "Zudem geht es mir darum, mit dem Workshop die Streitkultur zu verbessern. In unserer Gesellschaft stellen wir immer mehr einen unversöhnlichen Abriss von Diskussionen und Gesprächen fest", bedauert die erfahrene Lehrerin.

Um den Workshop umzusetzen, hat Lehrerin Wilhelms Kontakt zum Verein für Demokratie und Vielfalt in Schule und beruflicher Bildung (DeVi) aufgenommen. Hier absolvierte sie auch eine Fortbildung zur Beratungslehrerin für weltanschauliche und religiöse Vielfalt. Auch wenn sie in ihrer Klasse ein gutes Miteinander und viel Empathie und gegenseitiges Verständnis erlebe.

Michael Hammerbacher leitet den Verein, der allein in diesem Jahr etwa 100 Fachtagungen, Klassentage und Weiterbildungen zu Demokratiebildung und Extremismusprävention durchführt. "Unser Ziel ist es, mit unserer Arbeit und dem Projekt die Demokratie als Lebens- und Gesellschaftsform sowie den Zusammenhalt in den Schulen zu stärken", erklärt Hammerbacher. Zugleich betont er, dass ein Projekttag nur einen Impuls geben könne. Wichtig sei die Einbettung in den regulären Unterricht.

Toleranz zeigen und zuhören

Das bestätigt auch ihre Schülerin Sandra: "Ich finde schon, dass wir niemanden ausgrenzen. Wir sprechen in der Klasse offen über viele Themen, zum Beispiel über unsere verschiedenen Religionen", so die 22-Jährige. "Der Workshop hat nochmal gezeigt, wie wichtig es ist, tolerant zu sein und sich gegenseitig zuzuhören, auch wenn man mal anderer Meinung ist."

Gelacht wurde an diesem Projekttag übrigens auch viel. Demokratie ist zwar ein ernstes Thema, das alle angeht - aber das Miteinander macht eben auch Spaß.

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