"Gesellschaft und Landwirtschaft müssen mehr an einem Strang ziehen"

Interview mit Vorsitzender des Bundes Deutscher Landjugend "Gesellschaft und Landwirtschaft müssen mehr an einem Strang ziehen"

"Ich will, dass Sie Ihren Beruf mit Planungssicherheit, Wertschätzung und gutem Einkommen ausüben können. Dafür stellen wir jetzt die Weichen!", erklärt Bundeslandwirtschaftsministerin Klöckner beim Junglandwirtetag in Niedersachsen. Über die Herausforderungen junger Landwirte spricht die Vorsitzende des Bundes Deutscher Landjugend e.V., Kathrin Muus, im Interview.

Katrin Muus, Vorsitzende vom Bunde Deustcher Landjugend

Kathrin Muus, Bundesvorsitzende Bund der Deutschen Landjugend e.V. (BDL) wünscht sich, dass die Landwirtschaft und die Gesellschaft mehr aufeinander zugehen.

Foto: Bund Deutscher Landjugend e.V.

Auf dem Landwirtschaftsbetrieb der Familie in Schleswig-Holstein, auf dem Kathrin Muus aufgewachsen ist, lebt sie auch heute noch. Als Bundesvorsitzende der Landjugend befasst sich die 25-jährige Studentin mit dem Bereich Agrarpolitik. Im Gespräch erklärt sie, worauf es für junge Landwirte ankommt und wie Gesellschaft und Landwirtschaft näher zusammenrücken können.

Frau Muus, welche Themen beschäftigen die Landjugend?

Kathrin Muus: Zusammengefasst wollen wir zum einen Nachwuchslandwirte bei dem Berufseinstieg unterstützen und zum anderen Perspektiven für junge Menschen auf dem Land schaffen. Als Nachwuchs in der Landwirtschaft wollen wir zum Beispiel den Generationswechsel auf den Höfen erleichtern. Zudem geht es bei uns darum, wie die Agrarpolitik aussehen soll, damit die Landwirtschaft Zukunft hat - wir mischen uns ein.

Wie sollte die Agrarpolitik demnach aussehen?

Muus: Wir brauchen einheitliche, EU-weit geltende Standards in der Landwirtschaft. Wir können den Anforderungen der Gesellschaft gerecht werden, aber dafür brauchen wir Junglandwirtinnen und -landwirte - und auch die, die nach uns kommen - Planungssicherheit. Wir müssen uns darauf verlassen können, dass sich die Rahmenbedingungen nicht ständig ändern, damit unsere Investitionen nicht umsonst sind.

Um welche Investitionen geht es dabei?

Muus: Natürlich ist dabei das Thema Nachhaltigkeit wichtig. Gerade diejenigen, die einen Hof jetzt übernommen haben, machen sich Gedanken, wie sie sich aufstellen können, damit der Betrieb überlebt und nicht in den nächsten zehn Jahren aufgegeben werden muss. Ich glaube, dass viele bereit sind, mehr in Betriebsumgestaltungen zu investieren, weil sie auch länger davon betroffen sind. Dabei geht es zum einen beispielsweise um Investitionen in Ställe für mehr Tierwohl, zum anderen um Investitionen in mehr digitale Techniken, die unsere Ressourcen und Umwelt schonen.

Wir machen uns natürlich Gedanken über das Klima und auch darüber, was die Landwirtschaft zur Verbesserung beitragen kann. Bei diesen Themen geht es in der Landjugend um die Betrachtung von beiden Seiten: aus der landwirtschaftlichen Sicht und aus der jugendpolitischen Sicht. Denn nicht alle Mitglieder sind aktive junge Landwirte, viele sind eben auch Jugendliche vom Land.

Was denken Sie, kann die Landwirtschaft zur Verbesserung des Klimas beitragen?

Muus: Die Landwirtschaft kann sowohl als Lieferant für Erneuerbare Energien fungieren als auch bei der Reduktion der Emissionen unterstützen. Dies kann in der Tierhaltung durch angepasste, verbesserte Fütterung und entsprechende Abluftreinigungsanlagen sowie neue Düngeausbringungstechniken erfolgen.

Sie haben auch davon gesprochen, dass der Generationenwechsel in der Landwirtschaft erleichtert werden soll. Was ist damit gemeint?

Muus: Damit meine ich die Planungssicherheit in der Landwirtschaft. Ein Landwirtschaftsbetrieb wird von einer Generation betrieben und an die nächste Generation weitergegeben. Neben dem Aspekt, dass man auch über lange Zeiträume planen und seine Investitionen nutzen können sollte, gehört dazu auch, dass die aktuelle Generation den Boden zum Beispiel so bewirtet, dass die nächste Generation diesen weiter bewirtschaften kann. Der Gedanke von Landwirtschaft ist, die Ressourcen so zu nutzen, dass sie auch weitergegeben und weitergenutzt werden können.

Der Bund der Deutschen Landjugend e.V. (BDL) ist ein Bundesverband mit 18 Landesverbänden, zu denen weitere Jugendklubs, Orts-, Kreis- und Bezirksgruppen gehören. Rund 100.000 Mitglieder zwischen 15 und 35 Jahren aus ganz Deutschland zählt der Verein. Der BDL ist eine selbständige Jugendorganisation des Deutschen Bauernverbandes e.V., des Deutschen Weinbauverbandes e.V. und des Deutschen LandFrauenverbandes e.V.. Die Arbeit des BDL teilt sich paritätisch in Agrarpolitik und Jugendpolitik auf. Neben Kathrin Muus, die für den Bereich Agrarpolitik verantwortlich ist, ist der Bundesvorsitzende Sebastian Schaller für die Jugendpolitik zuständig.

In einem "Positionspapier" der Landjugend heißt es, die Landjugend setzt sich dafür ein, Gesellschaft und Landwirtschaft wieder näher zusammenzubringen. Was bedeutet das?

Muus: Im Moment haben wir ja ziemlich viel Unruhe in der Landwirtschaft. Landwirtschaft und Gesellschaft müssen wieder mehr zusammengebracht werden. Die Gesellschaft versteht nicht immer ganz, was in der Landwirtschaft vor sich geht. Es fehlt an Aufklärung.

Wie könnte die Aufklärung Ihrer Meinung nach aussehen?

Muus: Die Landwirtschaft sollte zum Beispiel mehr in Schulbüchern auftauchen, mit aktuelleren Inhalten. Und es braucht mehr Dialoge zwischen der Landwirtschaft und dem Rest der Gesellschaft. Da müssen beide Bereiche aufeinander zugehen und mehr an einem Strang ziehen.

Die Landwirtschaft muss einerseits aus ihrer Blase rauskommen, mehr auf die Gesellschaft zugehen und einsehen, dass sie Dinge so erklären müssen, dass sie für den Verbraucher verständlich sind - zum Beispiel, dass mit hohen Standards auch hohe Kosten von Lebensmitteln verbunden sind.

Andererseits muss bei den Verbrauchern auch ein Bewusstsein für die Landwirtschaft und deren Produkte entstehen. Da bräuchte es mehr Unterstützung vom Handel. Es muss kenntlich gemacht werden, welche Produkte woher stammen, damit der Verbraucher sie auch findet.

In einem Gespräch der Bundeskanzlerin, Bundeslandwirtschaftsministerin Klöckner und der Lebensmittelwirtschaft Anfang Februar ging es um die Rolle des Handels.

Es ist gut, dass endlich darüber geredet wird, wie der Lebensmittelhandel zum Teil seine Marktmacht ausnutzt. Nach dem Gespräch wissen wir, dass die EU-Richtlinie über unlautere Handelspraktiken noch in diesem Frühjahr ins Kabinett kommen und damit schneller umgesetzt werden soll, als gedacht.

Aber das reicht nicht. Weitere Schritte hin zu fairen Preisen sind unabdingbar. Wenn die Verhandlungen ergebnislos bleiben sollten, muss das Kartellamt die zunehmende Marktmacht des Lebensmitteleinzelhandels stärker unter die Lupe nehmen. Denn erhöhte Lieferanforderungen, tierwohlgerechtere Haltung oder mehr Nachhaltigkeit in Produktionsverfahren gibt es nicht zum Nulltarif. Sie müssen sich in fairen Erzeugerpreisen niederschlagen.

Bei dem Agrardialog im Dezember 2019, zu dem die Kanzlerin und Bundeslandwirtschaftsministerin Julia Klöckner mit Vertretern der Agrarbranche zusammenkamen, betonte Bundeskanzlerin Merkel gegenüber der Landwirtschaft "großen Respekt" für deren "Arbeit, die schwierig und großem Wandel unterworfen ist". Bei dem Gespräch standen die Herausforderungen an eine zukunftsfähige Landwirtschaft im Fokus. Zwölf Vorhaben wurden formuliert, unter anderem die Einrichtung einer "Zukunftskommission Landwirtschaft", die praxistaugliche Wege für eine produktive und ressourcenschonende Landwirtschaft aufzeigen wird. Bundeslandwirtschaftsministerin Julia Klöckner hat in diesem Frühjahr das Nationale Dialogforum Landwirtschaft gestartet. Dabei geht es um die Verständigung zwischen Landwirten, Verbrauchern, Umweltverbänden und anderer gesellschaftlichen Gruppierungen.