Ein Haus, das Menschen verbindet

Interview Ein Haus, das Menschen verbindet

Mehrgenerationenhäuser stärken den Zusammenhalt vor Ort. In Corona-Zeiten müssen auch sie neue Formate entwickeln. Manuela Hartert vom Mehrgenerationenhaus im brandenburgischen Nuthetal über ein Filmprojekt im Herbst, digitales Tanzfrühstück und Hilfe beim Home-Schooling.

Das Bild zeigt zwei junge Schauspieler (eine in Polizeiuniform) an einem Tisch. Im Vordergrund steht eine junge Frau mit Tonangel.

Gemeinsames Projekt in herausfordernden Zeiten: In den Herbstferien 2020 konnte im Mehrgenerationenhaus noch ein Kurzfilm gedreht werden. Inzwischen trifft man sich wieder digital.

Foto: MGH Nuthetal

Frau Hartert, welche genaue Aufgabe übernimmt Ihr Mehrgenerationenhaus?

Hartert: Der Schwerpunkt unserer Arbeit ist auf Angebote gerichtet, die das soziale Miteinander aller Generationen vor Ort fördern. Unsere Einrichtung ermöglicht zudem viele Mitgestaltungsmöglichkeiten, fördert nachbarschaftliches Engagement und entwickelt zum Beispiel Angebote im Bereich der Bildung und Kultur.

Das Bundesprogramm "Mehrgenerationenhäuser" wurde 2006 von der Bundesregierung ins Leben gerufen. Parallel dazu gründete sich der gemeinnützige Verein in Nuthetal (Brandenburg). Mit der damaligen Projektbeauftragung ist das Mehrgenerationenhaus bis heute eines von rund 540 Häusern in ganz Deutschland.

Wir unterstützen außerdem unsere Kommune aktiv bei der Gestaltung des demografischen Wandels. Dabei spielen Themen, wie beispielsweise ein Selbstbestimmtes Leben im Alter, die Vereinbarkeit von Familie, Beruf und Pflege oder Integration eine wesentliche Rolle. Mit diesem Hintergrund bildet das Mehrgenerationenhaus in Nuthetal eine besondere Beziehung zur einheimischen Bevölkerung und ist seit 14 Jahren ein beliebter Anlauf- und Begegnungspunkt für alle Altersgruppen.

Wie wichtig ist der direkte Austausch mit Menschen und regionalen Partnern vor Ort?

Hartert: Zum einen ist der Austausch mit den verschiedenen Altersgruppen vor Ort wichtig, um zu erfahren, welche Bedarfe und Themen sie bewegen. Zum anderen haben wir über die Jahre ein großes Netzwerk mit wichtigen Partnern der Region aufgebaut. Das umfasst beispielsweise den Kontakt zu Wirtschaftsunternehmen, die örtliche Verwaltung, Vereine, Bildungseinrichtungen oder unserem Lokalen Bündnis für Familie. Gemeinsam können wir so Themen der Region aufgreifen, schnellstmöglich angehen und niedrigschwellige Lösungen finden.

Wie wichtig dieser Austausch ist, wurde durch die Corona-Pandemie noch deutlicher. Gemeinsam mit engagierten Menschen des Nuthetaler Helferkreises, der Volkssolidarität und vielen freiwilligen Helferinnen und Helfern wurde durch das Mehrgenerationenhaus rasch ein Helfernetzwerk aufgebaut. So wurden zum Beispiel im März 2020 in kürze hunderte Alltagsmasken genäht und Einkaufshilfen für Seniorinnen und Senioren organisiert.

Das Bundesfamilienministerium  unterstützte die Mehrgenerationenhäusern dabei, ihre Angebote schnell an die Anforderungen während der Corona-Zeit anzupassen - mit mehr Geld und Hilfe auf organisatorischer Ebene.

Sie haben die Corona-Pandemie gerade schon angesprochen: Welche Erfahrungen haben sie im letzten Jahr gemacht?

Hartert: Das Jahr 2020 war geprägt durch zwei harte Lockdownphasen, Kontaktbeschränkungen und vielen Planungsänderungen. Mit viel Kreativität und Optimismus haben wir neue Kommunikationswege erschlossen, um neben Telefongesprächen auch Angebote auf Distanz oder digitale Austauschmöglichkeiten zu nutzen. Noch im Frühjahr konnten erste selbstgedrehte Kurzfilme und Mitmachangebote auf unserem neuen Youtube-Kanal besucht werden.

In den Sommermonaten und im Herbst konnten wir, unter Einhaltung der Abstands- und Hygieneregeln, zur großen Freude unserer Besucherinnen und Besucher wieder Präsenzangebote durchführen. Ganz besonders erinnern wir uns an unsere generationenübergreifende Filmwoche in den Herbstferien zurück. Gemeinsam mit Schulkindern aus dem Ort, dem Verein Young Images und dem lokalen Traditionsverein wurde in sechs Tagen ein Kurzfilm zum Thema "Geldmangel in der Familie" entwickelt und gedreht. Das selbstfinanzierte Projekt konnte im November die Jury des Kinder- und Jugendkulturpreises überzeugen und hat den ersten Platz belegt.

Klar ist uns aber nach diesem Jahr geworden, dass wir sowohl im Bereich der Engagementförderung für Ältere und hilfsbedürftige Senioren sowie im Bereich Digitalisierung weiterhin Angebote und Beteiligungsmöglichkeiten anbieten und entwickeln werden.

Familien mit Kindern und Alleinerziehende haben es jetzt nicht leicht: Wie können Sie ihnen trotz Corona helfen?

Hartert: Insbesondere Familien mit Kindern sind vor große Herausforderungen gestellt. Auch hier leisten wir Hilfestellung über Beratung und Information. Wichtig sind uns dabei Transparenz und niedrigschwellige Zugänge zu familienpolitischen Hilfsleistungen, wie zum Beispiel dem Notfall-Kinderzuschlag. Auch telefonische Beratungen und Hilfestellung beim Ausfüllen von Anträgen können angeboten werden. Zudem haben Familien die Möglichkeit Antragsunterlagen oder auch Aufgabenblätter für das Home-Schooling bei uns nach kurzer Terminvereinbarung ausdrucken zu lassen.

Ältere Menschen sind aufgrund ihres Alters besonders betroffen, sie gehören zur Risikogruppe: Wie managen sie diese Herausforderung?

Hartert: Älteren Menschen leiden ganz besonders unter der Situation, deshalb ist es wichtig, mit Ihnen in Kontakt zu bleiben. Wir telefonieren regelmäßig mit ihnen und bieten ihnen unsere Unterstützung an. Zum Beispiel beim Einkaufen oder ganz aktuell beim Organisieren von Impffahrten. Nicht jeder verfügt über die Möglichkeit eines Autos und kann innerhalb der Familie eines engagieren. Deshalb aktivieren wir derzeit unser Netzwerk, um solche Fahrten für über 80-jährige Menschen möglich zu machen.

Aktuell findet unser erstes digitales Tanzfrühstück für Seniorinnen und Senioren statt. Wir bieten dafür auch vor Ort, beim Einrichten von Videokonferenzen mit der dazugehörigen Technik, wie Laptop, Mikro und Webcam, unsere Hilfe an.

Derzeit ist es im wahrsten Sinne des Wortes ein Leben in der Lage: Konnten Sie trotzdem schon neue Projekte für dieses Jahr planen?

Hartert: Für dieses Jahr planen wir eine Filmwoche, einen Lyrikwettbewerb und Projekte zum Thema Kinderrechte. Da derzeit so viel Unsicherheit zum Thema Impfen besteht, werden wir unseren Fokus auch daraufsetzen. Hierzu werden wir gebündelte Informationsmaterialien auf unserer Homepage, dem lokalen Amtsblatt sowie im Netzwerk des Lokalen Bündnis für Familie zur Verfügung stellen.

Die Landesarbeitsgemeinschaft der Mehrgenerationenhäuser in Brandenburg plant zudem die Verteilung von bedruckten Kinderstoffmasken und FFP-2-Masken mit waschbarem Überzug für Erwachsene, die unsere Häuser erhalten sollen. Somit können wir vor Ort auch Engpässen entgegenwirken und diese kostenlos ausgeben. Außerdem arbeiten wir an einer familiengerechten Darstellung der AHA-Regeln. Die Plakate geben wir dann vor Ort an Kitas, Schulen, Einkaufsläden und Verwaltungen aus.

In diesem Jahr startete die neue Förderphase für Mehrgenerationenhäuser mit dem Themenschwerpunkt "Miteinander – Füreinander". Die Auftaktveranstaltung mit Bundesfamilienministerin Giffey wird im Februar stattfinden.