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Religionsfreiheitsbeauftragter

"Friedliches Miteinander der Religionen unterstützen"

Der 22. August ist in diesem Jahr zum ersten Mal ein internationaler Gedenktag, gewidmet den Opfern von Gewalt wegen ihrer Religion oder ihres Glaubens. Das hatte die Vollversammlung der Vereinten Nationen am 29. Mai 2019 beschlossen. Im Interview äußert sich Markus Grübel, Beauftragter der Bundesregierung für weltweite Religionsfreiheit.


Der Beauftragte der Bundesregierung für weltweite Religionsfreiheit, Markus Grübel, im Interview.

"Wir nehmen die Lage der weltweiten Religionsfreiheit in den Blick", betont Markus Grübel im Gespräch.

Foto: imago/epd

Frage: Weltweit werden Christen Opfer von Diskriminierung und Unterdrückung und kommen im schlimmsten Fall zu Tode - wie zuletzt bei den Terroranschlägen in Sri Lanka. Wie sind diese Angriffe zu beurteilen und welche Konsequenzen sind daraus zu ziehen?

Antwort: Christen werden aufgrund ihres Glaubens in vielen Ländern attackiert und verfolgt. Sie können ihre Religion nicht ohne Angst vor Verfolgung praktizieren. Die Terroranschläge in Sri Lanka haben uns das einmal mehr vor Augen geführt. Auch wenn einige Regierungen ihren Einsatz für Christen betonen, können sie blutige, von Extremisten verübte Anschläge nicht verhindern.

Wir als Bundesrepublik Deutschland müssen entschieden gegen Verfolgung aus religiösen Gründen vorgehen. Mit der Schaffung meines Amtes hat die Regierung bereits ein klares Signal gesendet: Wir nehmen die Lage der weltweiten Religionsfreiheit in den Blick und setzen uns für Betroffene ein!

Welche Rolle spielt die Religion dabei wirklich? Werden Christen gezielt Opfer – oder einfach alle, die sich leicht als Minderheiten identifizieren lassen?

Oft werden Religionen als Problem wahrgenommen. Sie dienen leider häufig als Brandbeschleuniger, obwohl sie nicht die Brandursache sind. Einige Konflikte gelten als religiös, obwohl sie eigentlich von anderen Faktoren ausgelöst werden: Streit um Wasser, Bodenschätze, Macht etc.

Die Gründe für die Verfolgung von Christen variieren zwischen Staaten. Es gibt Länder, in denen Religionen grundsätzlich unter Generalverdacht stehen und als Problem hinsichtlich der Einheit und Autorität des Staates gelten. In anderen Staaten gibt es wiederum extremistische Gruppierungen mit teilweise transnationalem Charakter, die gegen Christen, andere Minderheiten und teilweise sogar gegen religiöse Mehrheiten vorgehen. Schließlich gibt es Staaten mit Staatsreligion, in denen Christen, andere Minderheiten und auch Konvertiten diskriminiert werden.

Wir lesen und hören auch viel von den Schicksalen der Rohingya, der Jesiden und zuletzt der Anschlag auf Muslime in Christchurch. Wo liegen die Probleme bei anderen Religionsgruppen?

Von Einschränkungen oder Verletzungen der Religionsfreiheit sind alle Religionen berührt und das sind neben Christen auch Muslime, Bahá‘í, Jesiden, tibetische Buddhisten, Juden oder Aleviten und weitere. Nicht aus dem Blick verlieren dürfen wir außerdem die zahlenmäßig schwer schätzbare Gruppe der Atheisten.

Angriffe auf Muslime haben sich in den letzten Jahren auch durch den islamistischen Terrorismus verschärft. Selbst gemäßigte Muslime werden in einigen Gesellschaften stärker mit Argwohn betrachtet oder diskriminiert. Als Beauftragter für weltweite Religionsfreiheit bekomme ich das ebenfalls zu spüren. Sobald ich mich zu Muslimen äußere, wird mir vorgeworfen, dass ich Islamismus und Terrorismus verharmlose. Dabei mache ich immer klar, dass ich mich ausschließlich für friedliche Muslime einsetze und der Islam als Religion nicht mit Terrorismus gleichzusetzen ist.

Wie vermeidet man, vom Einsatz für verfolgte Christen gleich zu pauschaler Ablehnung des Islam zu gelangen?

Als Beauftragter der Bundesregierung für weltweite Religionsfreiheit bin ich für alle Gläubigen sowie Nicht-Gläubigen zuständig. Ich rate zu einer differenzierten Betrachtung des Islams, zum Blick auf Gemeinsamkeiten und nenne auch positive Beispiele. Im letzten Jahr konnte ich mir auch ein Bild von der Lage der Roghinya in Bangladesch machen und führte Gespräche mit Uiguren. Dennoch, Christen sind die am stärksten verfolgte religiöse Gruppe in absoluten Zahlen. Das darf man nicht schön reden.    

Wenn man über Syrien hinausblickt – welche Rolle spielt denn die Religion oder religiöse Verfolgung bei den aktuellen Flüchtlingsbewegungen, die da gerade in Europa stattfinden?

Religiöse Verfolgung kann ein ausschließliches aber auch zusätzliches Motiv für Migration sein. Bei den aktuellen Flüchtlingsbewegungen überwiegen jedoch andere Motive. Ich behalte die Entwicklung trotzdem intensiv im Blick.

Gehen Sie davon aus, dass die Christenverfolgung in den kommenden Jahren zu- oder abnehmen wird? Mit welcher Entwicklung rechnen Sie konkret für 2019?

Ich kann keine genaue Vorhersage treffen. Die aktuelle Entwicklung bereitet mir jedoch Sorge. Gegenseitige Toleranz und Respekt müssen stärker gefördert werden. Ich möchte mich in meiner Amtszeit dafür einsetzen, das friedliche Miteinander der verschiedenen Religionen zu unterstützen und die weltweite Lage der Religionsfreiheit zu verbessern.