Kulinarische Integration

Gemeinsames Kochen verbindet

"Über den Tellerrand" – eine Berliner Initiative meint das wörtlich: Sie bringt Flüchtlinge und Einheimische an einen Tisch – durch gemeinsames Kochen. Frauen wie Farzaneh Hosseini werden dazu ermutigt, mit Deutschen ins Gespräch zu kommen. Vor neun Monaten musste sie aus Afghanistan fliehen.

Die geflüchtete Farzana Hosseini richtet Salat an.

Bei der Initiative „Über den Tellerrand“ kochen Einheimische und Geflüchtete zusammen.

Foto: Judith Affolter

Farzaneh Hosseini richtet ihre Kochschürze, stemmt die Hände in die Seiten. Die 20-Jährige steht inmitten von Schüsseln und Bergen zerschnittenen Gemüses. Um sie herum Frauen, die über die passenden Gewürze für das Essen fachsimpeln. Hosseini übersetzt die Etiketten und gibt Anweisungen: "Das ist das süße Paprika, das brauchen wir, aber nicht zu viel." Denn alle kochen heute nach ihrem Rezept.

Gegenseitiges Verständnis fördern

"Geflüchtete und Einheimische sollen sich auf Augenhöhe begegnen", erklärt Esther Bernsen, Teammitglied von "Über den Tellerrand" und Organisatorin des Kochevents. 2013 hat sich die Berliner Initiative gegründet. Sie bringt Flüchtlinge und Einheimische zum gemeinsamen Kochen, Essen und Austausch zusammen. "Ich wurde in der Unterkunft angesprochen, ob ich Lust hätte zu kochen. Es war eine Möglichkeit rauszukommen", sagt Hosseini. In ihrer Flüchtlingsunterkunft gebe es nicht viele Freiräume.

Vor neun Monaten flüchtete sie mit ihrer Familie aus Afghanistan nach Deutschland. "In Afghanistan ist es für Mädchen und Frauen undenkbar, sich so frei zu bewegen, wir haben viele Probleme dort", erzählt sie, während sie den Salat zubereitet.

Flüchtlinge geben Kochkurse

Bei "Über den Tellerrand" geben Flüchtlinge in einer Projektküche Kochkurse und bringen den Gästen Gerichte aus ihren Heimatländern näher. "Oft sind die Gäste Menschen aus der Nachbarschaft, die bis dahin noch nie Kontakt zu Geflüchteten hatten", so Bernsen. "Das wollten wir ändern, auch damit Vorurteile abgebaut werden." Gemeinsam schnippelt man dann, und es entstehen oft intensive Gespräche. Geschichten über Flucht gehören auch dazu.

"Küche auf der Flucht"

Aus der Gruppe von Frauen, die sich an diesem Tag zum Mittagessen trifft, kommen die meisten aus Afghanistan. Zusammen mit vier Berlinerinnen und den Teammitgliedern stehen sie in einem mobilen Frachtcontainer, der zur Wohnküche umgebauten worden ist: "Kitchen on the run" (Küche auf der Flucht) steht darauf. Diesmal macht er in den Berliner Ministergärten in der Nähe des Potsdamer Platzes Station.

Unter der Leitung Hosseinis bereiten die Frauen ein afghanisches Fischgericht mit Reis, Gemüse und Salat zu. "Vor allem die Einkaufsliste ist oft schon ein Abenteuer", gibt Esther Bernsen zu und grinst. Meist gebe es nämlich keine genauen Mengenangaben - Fisch, sei dann einfach nur Fisch. Die Gäste lassen sich Aufgaben zuteilen, nach einer Weile sind sie in Gespräche vertieft und tauschen Kochtipps aus.

Ausbrechen aus der Isolation

"Die Geflüchteten kommen aus der isolierten Umgebung und bekommen Kontakt zu Einheimischen, können sprechen üben. Das ist enorm wichtig, damit sie ankommen können", so Bernsen.

Vor allem bei Flüchtlingen aus konservativen Gesellschaften, erklärt Bernsen, sei es meist schwer, Frauen zu motivieren, in die Öffentlichkeit zu treten. Denn dort, wo sie herkämen, herrschten andere Vorstellungen über die Rolle der Frauen und über Zwangsehen. Zudem gebe es religiösen Druck durch die Taliban.

Angebote über den Tellerrand hinaus

Aus dem Kochprojekt ist mittlerweile eine Reihe von Angeboten entstanden. So hat der Verein "Über den Tellerrand kochen e.V." heute unter anderem Fußball- und Basketballteams sowie eine Gruppe, die zusammen gärtnert. Auch Sprachtandems, also Zweiergruppen, die sich gegenseitig ihre Muttersprache beibringen, sind durch den Verein entstanden.

Die Initiative hat sich anfangs über Spendensammlungen und über den Verkauf von Kochbüchern finanziert. Das Kochbuch "Eine Prise Heimat" soll im September erscheinen. Der Erlös aus dem Verkauf dient der Finanzierung weiterer Angebote.

Begegnungen helfen beim Spracherwerb

Farzaneh Hosseini freut sich, den Alltag in der Unterkunft für eine Weile hinter sich lassen zu können. Dort gebe es nicht so viele Begegnungen, im Tellerrand-Kreis gehe es vertrauter zu, und sie habe die Möglichkeit, auch mit Deutschen zusammenzutreffen. "Viel sprechen tut gut, mein Deutsch wird dabei auf jeden Fall besser", sagt sie lächelnd.

Die Afghanin hat in ihrem Heimatland die elfte Klasse besucht, sie wird nun erst einmal ihren Abschluss nachholen. Sie möchte Krankenschwester werden, weiß jedoch, dass es bis dahin noch ein weiter Weg ist.

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