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Gastarbeiterinnen und Gastarbeiter haben unsere Geschichte geprägt und ihre Leistungen sind zu würdigen

Am 20. Dezember 1955 wurde das erste Anwerbeabkommen mit Italien unterzeichnet. Anlässlich des 60. Jahrestags hat die Beauftragte der Bundesregierung für Migration, Flüchtlinge und Integration, Staatsministerin Aydan Özoğuz, am 7. Dezember zu einer Feierstunde ins Kanzleramt eingeladen. Dazu erklärte die Staatsministerin:

  • Pressemitteilung 458
  • Presse- und Informationsamt der Bundesregierung (BPA)

„Mit der Veranstaltung heute wollen wir die Lebensleistung von Gastarbeiterinnen und Gastarbeitern in Deutschland würdigen. Viel zu lange haben wir nicht anerkannt, dass sie einen Teil unserer Geschichte geprägt und am deutschen Wirtschaftswunder mitgearbeitet haben. Als am 20. Dezember 1955 das Anwerbeabkommen mit Italien unterzeichnet wurde, war das der Beginn einer Einwanderung, die keine sein sollte. Die deutsche Politik, die Gesellschaft und auch die Gastarbeiter gingen von einem Provisorium aus. Man würde den Arbeitskräftemangel überbrücken und dann würden die Menschen wieder gehen. Aber wie Max Frisch es treffend formulierte: Wir riefen Arbeitskräfte und es kamen Menschen. Insgesamt waren es 14 Millionen Gastarbeiter, drei Millionen von ihnen blieben dauerhaft in Deutschland, sie gründete Familien und fanden hier ihre Heimat.

Unser Land verdankt seinen Wohlstand auch der Tatkraft der Menschen, die damals aus ihrer Heimat aufgebrochen sind, um hier zu arbeiten. Nach dem Abkommen mit Italien folgten Verträge mit Griechenland, Spanien, Türkei, Marokko, Portugal, Tunesien und Jugoslawien. In der DDR wurden Vertragsarbeiter ab den 1960er Jahren aus Polen, Ungarn, später dann aus Vietnam, Kuba, Angola oder Mosambik angeworben.

Für die meisten Einwanderer in den 1950er, 1960er und 1970er Jahren war es eine harte und entbehrungsreiche Zeit. Sie lebten anfangs in Sammelunterkünften, abgeschnitten von der deutschen Bevölkerung, arbeiteten in Zechen, in Fabriken, an Fließbändern. Viele wollten Geld verdienen, sparen und nach ein paar Jahren wieder zurück in ihre Heimat, um dort ein besseres Leben als vor der Ausreise zu führen. Doch bei Millionen Menschen kam es anders als geplant. Als 1973 als Reaktion auf die weltweite Ölkrise auch in Deutschland die Arbeitslosigkeit stieg und der Anwerbestopp für weitere Arbeitsmigranten verhängt wurde, führte das zur gegenteiligen Wirkung: Viele Einwanderer holten nun ihre Familien aus dem Ausland nach Deutschland.
Doch obwohl die Einwanderer zum Teil seit vielen Jahren in Deutschland lebten, gab es nur wenige Maßnahmen zur Integration. Mancherorts wurden Schüler nach ihrer Staatsangehörigkeit in Ausländerklassen sortiert. Es ist eines der größten Versäumnisse der Nachkriegsgeschichte, dass wir damals weder auf Sprachkurse, Migrationsberatung noch auf eine vorausschauende Integrationspolitik gesetzt haben. Viele Jahre ignorierte die Politik die Realität und verhielt sich so, als ob Deutschland kein Einwanderungsland wäre. Es dauerte 50 Jahre, bis wir 2005 mit dem Zuwanderungsgesetz den Anspruch auf Integrationskurse mit dem Deutschunterricht als wichtiges Instrument zur Integration einführten.

Heute haben wir aus den Fehlern von damals gelernt. Keiner bestreitet mehr die Notwendigkeit, dass die Menschen, die bei uns leben, in unsere Gesellschaft eingebunden werden müssen. 60 Jahre nach dem ersten Anwerbeabkommen muss klar sein: Herkunft darf kein Schicksal sein – erst recht nicht in der dritten oder vierten Generation!“