Aus Fremden werden Freunde

Freunde alter Menschen: Zeit zu zweit

Sie wohnen nur wenige Meter voneinander entfernt. Doch begegnet sind sie sich erst mithilfe des Vereins "Freunde alter Menschen". Er hat die Rentnerin Gritta Lehrke und den Logopäden Markus Junge zusammengeführt. Mittlerweile verbindet sie eine tiefe Freundschaft.

Gritta Lehrke und Markus Junge unterhalten sich.

Freundschaft ist keine Frage des Alters: Gritta Lehrke und Markus Junge reden über alles, was sie bewegt.

Foto: Birte Zellentin

Wertschätzung liegt in den Worten von Markus Junge, wenn er über Gritta Lehrke spricht. "Sie ist humorvoll und eine gute Zuhörerin. Ich genieße die Zeit, die ich mit ihr verbringe." Mehrere Male in der Woche besucht er die Rentnerin in ihrer Wohnung.

Bei den Begegnungen geht es eigentlich um praktische Dinge: Markus Junge repariert Lampen und Rollläden. Er sortiert Briefe von Behörden und Banken, geht gelegentlich für sie einkaufen und hilft, die Wohnung instand zu halten. Der 44-Jährige ist eine Art Lebenshelfer. "Ein prima Kerl", sagt Lehrke. "Und ich weiß nicht, was ich ohne ihn machen würde."

Mehr als 40 Jahre Altersunterschied

Die ehemalige Fabrikarbeiterin ist 86 Jahre alt. Immer größer wird die Herausforderung für die alleinstehende Frau, unabhängig zu leben. Die Gelenkbeschwerden nehmen zu, das Laufen fällt ihr schwer. Doch sie verwirklicht ihren Wunsch von einem selbstbestimmten Leben und wohnt nach wie vor in ihren eigenen vier Wänden in Berlin-Mariendorf.

Markus Junge ist dabei eine enorme Hilfe. Das weiß Gritta Lehrke. Und sie weiß auch, dass ihr Nachbar mehr ist, als nur ein Mann von nebenan. Er ist ein Freund. "Es hat ein bisschen gedauert. Aber mittlerweile sagen wir 'Du' zueinander", berichtet sie.

Beide kennen sich fast schon blind und spüren am Tonfall, ob alles in Ordnung ist oder ob den anderen etwas beschäftigt. "Eigentlich weiß ich alles über sie. Und sie wahrscheinlich über mich", sagt Markus Junge, der zwar einen Lebenspartner in Berlin hat, aber ebenfalls allein in seiner Wohnung lebt. Für ihn ist die 86-Jährige eine Frau, die ihm ein familiäres Gefühl gibt: "Als ich aus Hamburg weggezogen bin und meine Eltern und andere Verwandte weit weg von mir wohnten, vermisste ich dieses Gefühl. Ich kann es schwer beschreiben, aber wenn ich Gritta regelmäßig treffe, spüre ich eine Vertrautheit, die ich nur mit wenigen teile."

Ein Faltblatt führt sie zusammen

Kaum vorstellbar, dass sich Gritta Lehrke und Markus Junge wohl nie begegnet wären, wenn es den Verein "Freunde alter Menschen" nicht gäbe – obwohl sie im selben Wohnkomplex leben und denselben Innenhof nutzen.

Die Freundschaft beginnt im Sommer 2014. Markus Junge entdeckt ein Faltblatt des Vereins in seinem Briefkasten. "Offenbar wurden Helfer gesucht, die Senioren unterstützen", erinnert er sich. Er meldet sich als Freiwilliger. Von einer Mitarbeiterin des Vereins erfährt er, es gebe eine Frau, die Unterstützung brauche. Kurz danach lernt er Gritta Lehrke kennen. Bei einem ihrer ersten Treffen entdeckt Junge eine defekte Stehlampe im Wohnzimmer. Es dauert nur wenige Minuten und der Logopäde hat die Lampe repariert. "Ich war hellauf begeistert", sagt Lehrke.

Aus Fremden werden Freunde

Markus Junge und Gritta Lehrke sind nicht die einzigen, die der Verein zusammengebracht hat. Aus Fremden hat die Initiative bereits viele Freunde gemacht. Das ist das zentrale Anliegen des Vereins, der seit 25 Jahren Besuchspartnerschaften zwischen jüngeren und älteren Menschen in Berlin, Hamburg und Köln vermittelt. Sein Konzept: Die Besuchspartner gestalten ihre Zeit frei und entscheiden selbst, was sie unternehmen. Im besten Fall entwickelt sich eine Freundschaft, die bis zum Lebensende des Älteren andauert.

Neben der Koordination der Besuchspartnerschaften organisiert der Verein Ausflüge, Reisen, Spielenachmittage, Erzählcafés, Sitzyoga-Kurse, Weihnachtsfeiern und Mittagessen. "Wir möchten ältere Menschen vor Einsamkeit schützen und gleichzeitig den Austausch zwischen Jung und Alt fördern. Dabei profitieren alle Beteiligten – ganz gleich, welcher Generation sie angehören", sagt Anne Bieberstein, zuständig für Öffentlichkeitsarbeit im Verein.

Wesentlich ist nicht nur der Kontakt innerhalb der Besuchspaare. Auch die Veranstaltungen des Vereins helfen, Freundschaften zu pflegen. Deshalb geht Gritta Lehrke einmal pro Woche zu einem Mittagstisch des Vereins. Obwohl sie körperlich eingeschränkt ist, hilft sie beim Kochen. "Ich schneide Kartoffeln, Zwiebeln, Früchte – einfach alles. Das Gute ist: Ich kann dabei sitzen. Das ist wunderbar."

Respekt und Wertschätzung

Gritta Lehrke und Markus Junge teilen ein Gefühl füreinander: Respekt und Wertschätzung. Und sie haben noch etwas gemeinsam. Gritta Lehrke besitzt eine Katze: Tippsi. Markus Junge hat sogar zwei: Paula und Pedro. Sie sind etwas jünger als Tippsi. Aber die Herausforderungen und Glücksmomente mit den Tieren sind die gleichen. "Über unsere Katzen können wir uns gut unterhalten", sagt er.

Reden und Zuhören: Das ist für beide entscheidend. "Es ist ein schönes Gefühl, wenn ich für jemanden wichtig bin – und wenn mir jemand wichtig ist", sagt Markus Junge.

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