Forschungseinrichtungen des Bundes

Entwicklungszusammenarbeit überprüfen

Über 30.000 junge Menschen haben seit 2008 einen Freiwilligendienst in Entwicklungsländern absolviert. Hat sie das verändert? Ändert sich dadurch auch die Art, wie die Familien der Freiwilligen über Entwicklungspolitik denken? Diese Fragen untersucht das Deutsche Evaluierungsinstitut der Entwicklungszusammenarbeit.

Kinder sitzen in der Gemeinde Tienfala vor einem Banner mit der Aufschrift ' Es lebe die Deutsch-Malische Kooperation'. Tienfala, Mali. 28.03.2014. Copyright: Thomas Trutschel/ photothek.net

Mit Entwicklungsländern kooperieren

Foto: Trutschel/photothek.net

Für den entwicklungspolitischen Freiwilligendienst "weltwärts" entscheiden sich die meisten Freiwilligen direkt nach der Schule und vor der Aufnahme eines Studiums oder einer Ausbildung. In diesem Alter formen sich Persönlichkeit und Einstellungen der jungen Erwachsenen. Die Arbeit in Entwicklungsprojekten, der Austausch mit fremden Kulturen und anderen Mentalitäten, aber auch der Umgang mit Armut, Hunger und Ungleichheit sind einschneidende Erlebnisse. Wie diese sich allerdings auswirken und wie eventuellen negativen Auswirkungen entgegengewirkt werden kann, dazu gibt es bisher wenig wissenschaftlich Fundiertes.

Erfahrungen verändern junge Menschen

Hilou Vogelmann aus München - Entwicklungshelferin in Addis Abeba - steht neben einem Mann im weißen Kittel.

Eine Entwicklungshelferin in Addis Abeba

Foto: Ralf Maro

Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter des Deutschen Evaluierungsinstituts der Entwicklungszusammenarbeit (DEval) untersuchen diese Frage empirisch – in einer groß angelegten, unabhängigen Evaluierung. Zu diesem Zweck werden ausreisende und zurückkehrende Freiwillige online befragt. Hinzu kommen qualitative Untersuchungen wie Gruppendiskussionen.

Zusätzlich zu der Untersuchungsstichprobe wird eine Gruppe von Personen gleichen Alters und einer ähnlichen Bildungs- und Geschlechterverteilung untersucht, die keinen Freiwilligendienst absolvieren. Sie beantworten ungefähr zeitgleich mit den Freiwilligen den gleichen Fragebogen. So soll geprüft werden, welche Unterschiede auf den Freiwilligendienst zurückgehen und welche typischerweise in diesem Lebensabschnitt ohnehin erfolgen.

Zudem ist die DEval-Evaluierung die erste Studie, die in großem Umfang Bezugspersonen der Freiwilligen befragt, also beispielsweise Eltern und Freunde. Die Ergebnisse werden zeigen, wie sich der Entwicklungsdienst des Kindes, der Freundin oder des Freundes auf die eigenen Einstellungen auswirkt. Ändert diese indirekte Erfahrung die Einstellungen gegenüber Menschen aus anderen Ländern? Und wie verändert sich die Wahrnehmung von Entwicklungszusammenarbeit?

Legitimität des Politikfeldes

DEval-Gebäude in Bonn.

Etwa 65 Mitarbeiter arbeiten im Institut in Bonn.

Foto: DEval

Diese Evaluierung ist ein Beispiel für angewandte Forschung des DEval. Es führt unabhängige und wissenschaftlich fundierte Evaluierungen von Maßnahmen der deutschen Entwicklungszusammenarbeit durch. Über die Lern- und Kontrollfunktion von Evaluierungen möchte es zur Verbesserung von Wirksamkeit und Nachhaltigkeit der deutschen Entwicklungszusammenarbeit beitragen und damit mittelbar auch die Legitimität des Politikfeldes erhöhen.

"Unsere angewandte Forschung bezieht sich auf den Evaluierungsgegenstand selbst, auf die Weiterentwicklung von Methoden und Standards im Feld der Evaluierung und auch auf die Stärkung von Evaluierungskapazitäten in Partnerländern", erläutert Professor Jörg Faust, Direktor des DEval. Dabei stünden für das DEval immer praxisbezogene Verbesserungen im Politikfeld im Zentrum des Interesses. Solide Forschungsarbeit sei dafür eine unabdingbare Voraussetzung. Somit sei es richtig, dass das Institut seit kurzem auch eine Ressortforschungseinrichtung des Bundes ist.

'Forschungseinrichtungen des Bundes

Prof. Dr. Jörg Faust, Direktor des Deutschen Evaluierungsinstituts der Entwicklungszusammenarbeit

In der Vergangenheit häufig kritisiert, förderten Geberstaaten traditionell weitgehend alleinstehende Projekte der Entwicklungszusammenarbeit. Deren Reichweite und Nachhaltigkeit war jedoch oftmals begrenzt. Ein Beispiel sind etwa Brunnen, die in einem bestimmten Ort von Helfern errichtet werden. So segensreich dies ist, müsste jedoch sichergestellt werden, dass das Projekt langfristig wirkt, also die Brunnen auch nach Jahren nicht versandet sind. Die hierfür erforderlichen Strukturen in den Partnerländern aufzubauen, war jedoch meist nicht Gegenstand des Projekts. So lag die weitere Betreuung dann in der Hand der möglicherweise überforderten Bevölkerung.

Geld für den Staatshaushalt

Einen Ansatz, der stärker darauf ausgerichtet ist, die eigenen Strukturen und Systeme der Empfängerländer zu nutzen und damit zu stärken, stellt die Budgethilfe dar. Das bedeutet, dass Mittel für bestimmte Aufgaben – etwa für die Verbesserung des Bildungswesens – dem Staatshaushalt des jeweiligen Landes zur Verfügung gestellt werden. Zu diesem Zweck finden Verhandlungen mit den Regierungen der betroffenen Länder statt.

Die Nehmerländer verpflichten sich zur sachgerechten Verwendung der Mittel und gehen weitere Verpflichtungen, etwa zur guten Regierungsführung oder zu makroökonomischer Stabilität, ein. Vereinbart werden auch begleitende Maßnahmen, um die Kompetenzen von Regierung und Institutionen zu stärken und die Effektivität der Budgethilfe zu erhöhen.

Kinder der Ludete Pre-School in Geita in Tansania. Die Kinder erhalten Ausbildung, Schuluniform und Mittagessen.

Bildung ist die Basis für Entwicklung.

Foto: picture alliance/dpa

Bei den Geberländern ist der Nutzen dieses Instruments jedoch umstritten. Lässt sich wirklich sicherstellen, dass die Mittel bestimmungsgemäß eingesetzt werden oder landen sie in ganz anderen Maßnahmen oder gar in den Taschen korrupter Personen? Oder ist Budgethilfe gerade in fragilen Ländern sinnvoll, um damit funktionsfähige Strukturen aufzubauen? Wie lässt sich die Kontrolle so gestalten, dass beide Seiten davon profitieren? Was bedeutet der Ausstieg vieler Geberländer aus der Budgethilfe für die bereits erreichten Wirkungen? Diese und viele weitere Fragen sind Gegenstand einer aktuellen Evaluierung des DEval. Darin werden vorhandene Berichte analysiert, aber auch Unterlagen in den Partnerländern gesichtet und bewertet. Auch werden Akteure aus Staat und Zivilgesellschaft befragt. Die Ergebnisse sollen dazu genutzt werden, um Budgethilfen und ähnliche Instrumente der Entwicklungszusammenarbeit künftig effektiver zu gestalten.

Das DEval unterstützt über seine unabhängige Evaluierungsarbeit – das Bundesministerium für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (BMZ) – dabei, die Wirksamkeit der deutschen Entwicklungszusammenarbeit zu verbessern. Insofern zielt die Arbeit des Instituts darauf, dass staatliche und auch nicht-staatliche Organisationen der Entwicklungszusammenarbeit auf Grundlage robuster Evidenz ihre Strategien, Instrumente und Programme wirksamer gestalten. Das DEval unterstützt zudem den Deutschen Bundestag darin, seine Kontrollfunktion gegenüber der Exekutive wahrzunehmen und politische Initiativen für die Ausgestaltung der internationalen Zusammenarbeit der Bundesrepublik mit Evidenz zu unterlegen.

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