Ausstellung im Centrum Judaicum

Ausgewiesen! Die Geschichte der "Polenaktion"

In der Nacht vom 28. zum 29. Oktober 1938 zerrten die Nationalsozialisten Gerhard Klein aus seiner Berliner Wohnung. Er war einer von 17.000 polnischen Juden, die an diesen beiden Tagen verhaftet und ausgewiesen wurden. Das Centrum Judaicum in Berlin erinnert an Lebens- und Leidenswege der Opfer.

Blick in die Ausstellung.

Ausstellung "Ausgewiesen!" in Berlin: Dokumente der Verfolgung.

Foto: Centrum Judaicum: Foto Henry Lucke

Es war die erste Massenausweisung - kurz vor den weitaus bekannteren Novemberpogromen. Allein in Berlin wurden am 28. und 29. Oktober 1938 rund 1.500 polnische Juden aus ihren Wohnungen geholt oder von der Straße weg verhaftet. Insgesamt waren es 17.000 Menschen, die an die deutsch-polnische Grenze gebracht wurden. Von dort ging es unter Strapazen weiter zum Sammellager im polnischen Zbąszyń (Bentschen). Die sogenannte "Polenaktion" der Nationalsozialisten war ein radikaler Schritt, der eine neue Phase der Verfolgung einleitete.

Ergreifende Familienschicksale, akribisch recherchiert

Anhand der Schicksale sechs jüdischer Berliner Familien zeichnet das Centrum Judaicum in seiner Ausstellung "Ausgewiesen! Berlin, 28.10.1938" die Geschichte der "Polenaktion" nach. Sie schildert das Familienleben der Opfer vor der Ausweisung, den Aufenthalt in Bentschen sowie die Zeit nach dem Krieg. Studierende der Freien Universität Berlin haben mitgeholfen, die Geschichte der Familien zu rekonstruieren und sie für die Ausstellung aufbereitet. Dokumente der Verfolgung und Ermordung, Briefe und private Fotografien geben einen persönlichen Einblick.

Vom Kinderstar zum Vertriebenen

"Wir waren wie Tiere, möcht‘ ich sagen. Wie Vieh. So ausgehungert, dass wir uns selbst, obwohl wir alle das gleiche Schicksal hatten, um Essen fast geschlagen hätten." So beschreibt Gerhard Klein seine Ankunft im Sammellager. Er war Anfang der 1930er-Jahre ein Kinderstar am Theater, die Familie führte ein angenehmes Leben. Mit der NS-Herrschaft verschlechterte sich die soziale und finanzielle Lage stetig. Das Geschäft des Vaters brachte nicht mehr genug Gewinn, Auftritte waren verboten.

Ungewisses Schicksal für viele

Allein im Sammellager Bentschen harrten insgesamt 8.000 Jüdinnen und Juden bis zu zehn Monate lang aus. Manche konnten sich ins Ausland retten, anderen wurde erlaubt, ins Reichsgebiet zurückzukehren oder zu Verwandten in Polen weiterzureisen. Sicherheit bedeutete das aber keineswegs. Als die Deutsche Wehrmacht einmarschierte, fielen viele den Besatzern zum Opfer. Gerhard Klein hatte Glück: Er konnte illegal nach Palästina auswandern.

Die Stiftung Neue Synagoge Berlin - Centrum Judaicum zeigt die Ausstellung „Ausgewiesen! Berlin, 28.10.1938. Die Geschichte der 'Polenaktion'" noch bis Ende des Jahres. Sie entstand in Zusammenarbeit des Aktiven Museums Faschismus und Widerstand in Berlin e.V. und des Osteuropa-Instituts der Freien Universität Berlin.

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