Jüdisches Leben in Deutschland

"Natürlich zahlen Juden Steuern!"

Viele Menschen haben im Alltag keine Berührungspunkte mit dem Judentum – obwohl etwa 200.000 Jüdinnen und Juden in Deutschland leben. Die jüdische Organisation Rent a Jew will das ändern – und anderen Deutschen die Chance geben, aus erster Hand mehr über jüdisches Leben in Deutschland zu erfahren.

Eine junge Frau mit einem roten auf dem Kopf gebundenen Schal steht vor einer sitzenden Klasse. Auf dem Tisch vor ihr sind verschiedene Gegenstände aus dem Judentum.

Anastassia Pletoukhina (Mitte) und Margaryta Paliy (rechts) erklären jüdische Bräuche.

Foto: Judith Affolter

Das Musikzimmer der Anna-Freud-Schule für Sozialpädagogik wird heute zweckentfremdet: 20 Schülerinnen und Schüler sitzen zusammen im Kreis, einige sind Mitte 20, andere Mitte 40. Sie sollen reihum erzählen, welche Erfahrungen sie mit dem Judentum gemacht haben – die meisten haben keine.

Crashkurs Judentum: Menora, Tora, Kippa

Anastassia Pletoukhina hat in der Mitte des Klassenzimmers einen Tisch aufgestellt. Darauf stehen verschiedene Gegenstände, die mit dem Judentum zu tun haben: Der siebenarmige Leuchter Menora, die heilige Schrift Tora, die Kopfbedeckung Kippa, der Gebetsschal Tallit, eine israelische Flagge.

Die 32-Jährige ist in Lübeck aufgewachsen und promoviert in Soziologie zu Netzwerken junger jüdischer Erwachsener und deren Motivation, sich ehrenamtlich zu engagieren – also quasi über ihr Ehrenamt bei Rent a Jew. Anastassia hat einen roten Schal wie ein Haarband modisch über ihre dunklen Haare gebunden. Sie nennt ihn Kopftuch. Auch Schülerin Fatma trägt ein Kopftuch – und ihr fällt direkt noch eine andere Parallele ein: "Ich weiß ich darf essen, was Juden essen dürfen."

Nach der Runde dürfen sich die Schülerinnen und Schüler die Gegenstände auf dem Tisch aus der Nähe ansehen. Das große Spekulieren geht los. Sie kriegen einen roten Stift geöffnet und ziehen eine kleine Papierrolle heraus. "Kann man das rauchen?" "Nein, da ist doch Schrift drauf!"

Vier Hände halten einen kleinen roten Stift in der Hand und ziehen eine Papierrolle raus.

Die Mesusa hängt an Haustüren von jüdischen Haushalten und Synagogen.

Foto: Judith Affolter

Gummibärchen mit Fischgelatine

Auf einem zweiten Tisch hat Anastassia verschiedene Snacks ausgebreitet. Gummibärchen mit Fischgelatine? Anastassia erklärt: "Es gibt zwar auch Rindergelatine. Aber im Judentum gilt die Regel 'Koche nicht das Kalb in der Milch seiner Mutter'. Wir essen also Fleisch und Milchprodukte nicht zusammen. Je nach Religiosität müsste man also nach dem Essen von Gummibärchen bis zu acht Stunden warten, bevor man wieder Milchprodukte zu sich nimmt. Deswegen die Fischgelatine."

"Wegen dieser Regel dürfen wir zum Beispiel auch keine Cheeseburger essen", grinst ihre Kollegin Margaryta Paliy. Die Klasse schnappt entsetzt nach Luft. Margaryta setzt noch einen drauf: "Oder Lasagne. Das ist auch nicht koscher." Die 21-Jährige ist die zweite ehrenamtliche Referentin von Rent a Jew heute. Sie ist in Brandenburg an der Havel und Potsdam aufgewachsen und schreibt ihre Bachelorarbeit über Kulturarbeit und Antisemitismusprävention. Rent a Jew ist für sie Ehrenamt und Forschungsgegenstand zugleich.

Ist ein Lebensmittel koscher ("rein", "geeignet"), dürfen Jüdinnen und Juden es essen. Dafür müssen sie Fleisch und Milchprodukte getrennt voneinander lagern, verarbeiten und essen. Sie dürfen bestimmtes Geflügel (Hühner, Enten, Gänse) essen und das Fleisch von Tieren, die Paarhufer und Wiederkäuer sind, zum Beispiel Kühe, Schafe und Ziegen – nicht aber Schweine, Pferde oder Kaninchen. Außerdem werden Tiere geschächtet: Ihnen wird die Kehle durchgeschnitten und sie müssen vollständig ausgeblutet sein.

Endlich ist die Zeit gekommen, um das Rätsel um den roten Stift aufzulösen: "Was ist denn jetzt in dem roten Stängli drin? Es sieht auch so aus, als ob man es irgendwo ankleben könnte?" Anastassia nickt: "Die Mesusa ist eine Schriftkapsel, die an der Tür von jedem jüdischen Haushalt und jeder Synagoge hängt. Drinnen eingerollt ist eine Schriftrolle mit einem Segen auf das Haus."

25 Stunden ohne Smartphone – jede Woche

Die Vokabelstunde geht weiter: "Weiß jemand, was der Schabbat ist?", fragt Anastassia. Alle schütteln den Kopf. "Der Schabbat ist unser Ruhetag. Gott ruhte nach der Schöpfung. Im gregorianischen Kalender fällt das auf den Samstag. Das bedeutet für uns, dass wir von Freitag bei Sonnenuntergang bis Samstag bei Sonnenuntergang nicht arbeiten dürfen. Keine Geschäfte machen, nicht einkaufen gehen, kein Schreiben, keinen Computer benutzen, keine Hausaufgaben – das sind 25 bis 26 Stunden ohne Smartphone. Und zwar jede Woche. Dafür essen wir viel und haben Zeit für unsere Familie."

Man sieht die Rückseite einer braunhaarigen Frau mit einem roten Schal um den Kopf. In der Hand hält sie eine dunkelblaue Kippa.

Für besondere Anlässe werden besondere Kippot angefertigt und an die Gäste verteilt.

Foto: Judith Affolter

"Was bedeuten die ganzen Mützchen?" Anastasia nimmt sie in die Hand. "Wir haben hier verschiedene Arten von Kippot." Kippot? Die Schülerinnen und Schüler schauen sich verwirrt an. "Das ist die hebräische Mehrzahl von Kippa", erklärt Anastassia. "Durch die Kippa wird viel kommuniziert – diese hier würde zum Beispiel jemand tragen, der religiöser Zionist ist. Diese hier ist für streng orthodoxe Juden. Außerdem werden für besondere Events und Anlässe eigene Kippot hergestellt, zum Beispiel für Sportereignisse oder die Bar Mitzvah, sozusagen die jüdische Version der Erstkommunion."

Jüdische Mädchen und Jungen werden nach dem jüdischen Gesetz mit zwölf beziehungsweise 13 Jahren erwachsen. Auf die Feier, die Bar Mitzvah (bei Jungen) oder Bat Mitzvah (bei Mädchen), werden sie mit einem Unterricht vorbereitet. Hier lernen sie unter anderem, aus der Tora zu lesen. Neben der Zeremonie in der Synagoge gibt es oft eine große Feier mit Familie, Freundinnen und Freunden.

Special Edition Kippot

"Bei manchen Feiern erstellen wir Special Edition Kippot und verteilen sie an die Gäste – wir haben das zum Beispiel auch bei unserer Hochzeit gemacht. In Reformströmungen tragen Frauen Kippot und den Gebetsschal Tallit, in der Orthodoxie ist das Männern vorbehalten", erklärt Anastassia.

Neben dem orthodoxen Judentum, das sich streng an der Tora orientiert, ist aus der Aufklärung unter anderem das Reformjudentum hervorgegangen, deren Anhängerinnen und Anhänger sich zum Beispiel nicht zwingend koscher ernähren. Auch gibt es atheistische Jüdinnen und Juden, die sich kulturell über ihre Abstammung mit dem Judentum identifizieren, nicht aber religiös.

"Wenn eine Frau religiös-orthodox lebt, bedeckt sie nach ihrer Hochzeit den Kopf", sagt Anastassia und richtet beide Daumen auf den Schal auf ihrem Kopf: "Tadaaa! Manche tragen ihn eher lose wie ich, andere bedecken das ganze Haar oder tragen eine Perücke. So wissen in der orthodoxen Welt alle, dass ich nicht mehr zu haben bin. Auch hier gibt es religiöse und säkulare Praxis, manche heiraten nur standesamtlich."

Lehrerin Simone Peckskamp hat die Referentinnen von Rent a Jew eingeladen. Sie bildet die zukünftigen Erzieherinnen und Erzieher aus – im Rahmen des Unterrichts über Minderheiten wollte sie, dass ihre Klasse auch mehr über das Judentum lernt. Ihre Frage an Anastassia bezieht sich deswegen mehr auf den künftigen Berufsalltag ihrer Schülerinnen und Schüler: "Würdest du deine Kinder in einen nichtjüdischen Kindergarten schicken?"

Ständig als Israel-Expertin herhalten müssen

"Nichtjüdische Kindergärten und Schulen gehen oft nicht besonders sensibel mit bestimmten Themen um", wägt Anastassia ab. "Es wird besonders problematisch, wenn Kinder in der Schule wegen ihrer Religion ständig zu Israel befragt werden. Ich musste auch immer als Expertin zu Judentum und Israel herhalten."

Margaryta nickt: "Als ich 14 war, lernten wir in der Schule über den Holocaust. Die Lehrerin leitete das Thema ein mit den Worten 'Margaryta erzählt uns jetzt, was passieren würde, wenn 1938 wäre.'" Die Klasse stöhnt entsetzt auf. Von hinten ertönt ein lautes "Tschüsch". Margaryta: "Da habe ich gelernt, was es bedeutet, jüdisch zu sein."

Drei Schülerinnen halten eine Flagge Israels hoch.

Der Davidstern auf der israelischen Flagge symbolisiert das Judentum.

Foto: Judith Affolter

Und wie sieht es aus mit Antisemitismus im Alltag? "Den gibt es in so vielen verschiedenen Formen", zählt Anastassia auf. "Manchmal ist er religiös begründet, manchmal antiisraelisch, manchmal rechtsextrem. Wer dich wegen einer Israelflagge anspricht, dem kann eine Kippa egal sein."

Eine Schülerin fragt: "Mir hat jemand erzählt, dass Juden in Deutschland keine Steuern zahlen müssen. Stimmt das?" Anastassia verzieht keine Miene. Ohne sich etwas anmerken zu lassen, lächelt sie geduldig: "Natürlich zahlen Juden Steuern!" Dann erklärt sie die Ursprünge der antisemitischen Vorurteile über das Judentum und Geld.

Juden durften im Mittelalter den beruflichen Zünften nicht beitreten und mussten sich deswegen erzwungenermaßen auf Handel und Geldleihe spezialisieren, was den Christen wiederum aus religiösen Gründen verboten war. Als dieses Zinsverbot für Christen aufgehoben wurde, kam zur sozialen Ausgrenzung der Juden, die als "reiche Wucherer" verachtet und angegriffen wurden, auch ihre zunehmende Verarmung. Auch weil sich manche Juden bis in das 20. Jahrhundert im Finanzbereich spezialisierten, halten sich bis heute zahlreiche antisemitische Vorurteile, die Juden mit Geld, Gier, Ausbeutung und Kapitalismus in Verbindung bringen und ihnen unterstellen, als Finanzmacht die Welt zu regieren.

Nach der Stunde zeigen sich Anastassia und Margaryta zufrieden – die Klasse war neugierig, interessiert und aufgeschlossen. Und was ist mit der antisemitischen Frage? "Also für meine Bachelorarbeit war die super", meint Margaryta trocken.

So konnten die beiden den Schülerinnen und Schülern nicht nur einen Einblick in jüdisches Leben in Deutschland zeigen. Sondern ganz nebenbei noch mit einem weit verbreiteten antisemitischen Vorurteil aufräumen.

Rent a Jew vermittelt ehrenamtliche jüdische Referentinnen und Referenten an Bildungseinrichtungen wie Schulen, Volkshochschulen oder Kirchengemeiden, da viele Menschen in Deutschland nie in persönlichen Kontakt mit dem Judentum kommen. Im Fokus der Begegnungen stehen das aktuelle jüdische Leben in Deutschland, persönliche Einblicke in den jüdischen Alltag und die Möglichkeit Fragen zu stellen. Der Name "Rent a Jew" ("Miete einen Juden") soll gezielt provozieren und Diskussionen anregen. Die Organisation ist eine Initiative der Europäischen Janusz Korczak Akademie e. V. Sie wird unterstützt von der Jewish Agency for Israel im Rahmen des Nevatim Programms, das Initiativen für jüdische Bildung in Deutschland fördert. Dieses Jahr ist sie Trägerin des Startsocial-Stipendiums für ehrenamtliche Initiativen unter Schirmherrschaft von Bundeskanzlerin Angela Merkel.