Jugendliche treffen auf Politik

"Mysterium Ministerium"

Politik aus nächster Nähe erleben und einmal selbst in die Rolle von Ministerialreferentinnen und –referenten schlüpfen – das konnten Jugendliche und junge Erwachsene beim Planspiel des Bundesumweltministeriums zum Thema "Insekten schützen". Dabei lernten sie, wie komplex Politik wirklich ist und lösten das "Mysterium Ministerium".

Jugendliche halten eine Sitzung des Planspiels im Bundesumweltministerium ab. Ihnen gegenüber sitzen drei Referentinen, die in die Rollen der Verbandsvertreterinnen geschlüpft sind.

Das Planspiel "Insekten schützen" verbindet Naturschutz mit politischer Bildung.

Foto: Bundesregierung / Bukowski

Zwei Tage lang wurde das Bundesumweltministerium (BMU) in Beschlag genommen - und zwar von 25 jungen Menschen im Alter zwischen 16 und 25 Jahren. Ihre Mission: In Teams Ideen zum Insektenschutz entwickeln. Diese sollen in den BMU-Entwurf des Aktionsprogramms Insektenschutz aufgenommen werden. Bis Ende Dezember will das Ministerium das Konzept abstimmen. Motivation genug für die Teilnehmerinnen und Teilnehmer des Planspiels, um ihre Vorstellungen von einer insektenreichen Welt einzubringen.

Methode Planspiel zeigt Wirkung

Junge Menschen für Politik zu interessieren und gleichzeitig ihr Umweltbewusstsein zu stärken - das ist das Ziel des Planspiels. "Ich sehe das Planspiel als Chance, junge Leute zu erreichen, indem sie in den Ministerien-Alltag reinschnuppern können", betont Carolin Holzer, Mitorganisatorin und Mitarbeiterin der IFOK GmbH. Sie hat das Ministerium bei der Planung und Umsetzung des Planspiels unterstützt. Die jungen Leute sollen erfahren, wie arbeitsteilig und komplex die Arbeit eines Bundesministeriums ist. Das Planspiel schafft zudem auch ein Verständnis dafür, welch starken Einfluss Widersprüche, Interessen- und Zielkonflikte auf die Entscheidungsfindung haben.

Robert Hennies, Leiter des Bildungsreferats im BMU, hat mit seinem Team das Planspiel initiiert: "In der Idee, Jugendliche und junge Erwachsene das Ministerium für zwei Tage übernehmen zu lassen, verbindet sich die Intensität des Planspiels mit der Möglichkeit, politische Forderungen quasi auf Augenhöhe zu formulieren."

Gruppe von Jugendlichen sitzt an einem Sitzungstisch und überlegen sich Ideen zum Thema Insektenschutz. An einer Pinnwand hängen Zettel mit ihren Ausarbeitungen.

Planspiel-Mitorganisatorin Sarah Fischer unterstützt die Jugendlichen beim Sammeln von Ideen zum Thema Insektenschutz.

Foto: Bundesregierung / Bukowski

Die Selbsterfahrung der jungen Menschen ist nachhaltig. Das zeigt sich auch am Feedback der Jugendlichen nach einem Planspiel. Sätze wie "Politik ist aber kompliziert" oder "Achso, der Minister kann das gar nicht alleine entscheiden" hört das Initiatoren-Team immer wieder. Das findet auch Teilnehmer Justin-Noel Franke: "Das Planspiel ist sehr interessant und auch manchmal witzig. Man bekommt hier ein paar Eindrücke, warum es manchmal so lange dauert, bis etwas entschieden wird."

Post von der Bundesumweltministerin 

Um einen möglichst heterogenen Teilnehmerkreis zusammenzustellen, entschied sich das Organisationsteam des BMU, auf Methoden der Bürgerbefragung zurückzugreifen. Bei der Durchführung halfen Holzer und ihre Kollegin Sarah Fischer. Sie schrieben über Melderegister 10.000 zufällig ausgewählte junge Menschen an. In einem persönlichen Brief lud Bundesumweltministerin Svenja Schulze zum Planspiel "Insekten schützen" ein.

"Ich fand es relativ cool einen Brief zu bekommen, weil man so selten noch Post bekommt - außer eine Postkarte von der Oma. Ich war zunächst etwas verwundert, aber konnte ja alle Informationen dem Brief entnehmen", erzählt Jasmin Görike und entschied, sich zu bewerben.

Das Planspiel "Insekten schützen" fand am 6. und 7. November 2018 im BMU in Berlin statt. 270 junge Leute haben sich beworben; 25 wurden ausgewählt.

Eine Welt ohne Insekten – unvorstellbar!

In welcher Welt wollen wir eigentlich leben – ohne Insekten und bunte Felder? Mit dieser Frage startet Tag eins des Planspiels im BMU. "Ich möchte nicht in einer Stadt leben, in der die Häuser immer höher werden", sagt eine Teilnehmerin. Ein anderer antwortet: "Aber wir brauchen doch mehr Wohnungen. Ich fände es cool, wenn wir mehr grüne Dachterrassen hätten."

Schnell herrscht Einigkeit darüber, dass eine Welt ohne Insekten eine Welt ohne Leben ist. Und spätestens jetzt ist der Ehrgeiz der jungen Leute geweckt. Sie sollen in den folgenden zwei Tagen im Rahmen des Planspiels ihre Ideen diskutieren und Mehrheiten finden, um sie abschließend Bundesumweltministerin Schulze vorzustellen.

In Deutschland gibt es 33.300 Insektenarten - das sind circa 70 Prozent aller Tierarten. 42 Prozent der Insektenarten gelten als bestandsgefährdet, extrem selten oder bereits ausgestorben. Bei 45 Prozent der Insektenarten ist der Bestand rückläufig.

Viele Insektenarten in Deutschland sind gefährdet.

Foto: Bundesregierung

Mehr Grünflächen, weniger Verkehr und intelligente Lösungen für weniger Straßenbeleuchtung in der Nacht: In Stichworten landen diese und andere Ideen der Diskussionsteilnehmer auf bunten Kärtchen an einer Pinnwand. BMU-Referentin Mira Nürnberg stellt die Ursachen des Insektenrückgangs vor. Diese liegen unter anderem in der häufigen Anwendung von Pflanzenschutzmitteln und anderen Pestizide sowie im Rückgang von Insektenlebensräumen.

Diskutieren, überzeugen und abstimmen

Nach der ersten Auftaktrunde schlüpfen die Teilnehmerinnen und Teilnehmer in ihre Rollen mit unterschiedlicher Referatszugehörigkeit. "Bei Frontalbeschallung bleibt meistens doch nur die Hälfte hängen, aber wenn man sich in diese Rolle reinfühlt, entwickelt man ein besseres Gespür dafür, was es bedeutet, verschiedene Bedürfnisse zu beachten und was alles zusammengebracht werden muss", betont Organisatorin Fischer. Sie betreut sieben "Planspiel-Jungreferenten" des Grundsatzreferats, das nun – wie im echten Leben – die Koordinierung übernimmt.

Gruppe von Jugendlichen sitzt an einem Tisch und arbeiet Ideen zum Thema Insektenschutz aus.

Teilnehmerinnen und Teilnehmer des Planspiels erstellen einen Maßnahmenkatalog.

Foto: Bundesregierung / Bukowski

Die 17-Jährige Priska Junker übernimmt die Referatsleitung. Gemeinsam mit anderen Teilnehmerinnen und Teilnehmern arbeitet sie an einem Maßnahmenpapier zum Insektenschutz. Auch eine Aufklärungskampagne wollen sie auf den Weg bringen. Sie möchten, dass schon die jüngsten Bürgerinnen und Bürger in Deutschland mehr über Schutzgebiete lernen und darüber, wie nützlich Insekten sind.

Die kleinen Tierchen nehmen zentrale Aufgaben im Ökosystem wahr: Sie bestäuben Pflanzen und sind wichtig für die Nährstoffkreisläufe, die biologische Schädlingskontrolle, die Gewässerreinigung und die Erhaltung der Bodenfruchtbarkeit.

Bevor ihre Maßnahmen zur "beschlossenen Sache" werden, stellen Priska und ihr Team sie den Verbänden vor. Den jungen Leuten sitzen nun drei Referenten des Ministeriums gegenüber, die die Rolle von Verbandsvertretern einnehmen. Ganz schön lange dauert es, bis sich alle einig sind.

Nachhaltige Ergebnisse am Ende des Tages

Die Ministerin haben die Jugendlichen an diesem Tag letztlich nicht mehr getroffen - eine kurzfristige Terminänderung kippte das persönliche Treffen. Doch die Ergebnisse der beiden Tage sind nicht verloren und werden beim "Aktionsprogramm Insektenschutz" miteinbezogen, versichert Hennies: "Auch in der Perspektive und Erfahrung ihrer Planspielrollen sind die Ideen der Jugendlichen und jungen Erwachsenen oft konkreter und unmittelbarer. Auf jeden Fall bringen sie eine Sichtweise zum Ausdruck, auf die das BMU mit seinen Themen und Aufgaben auf keinen Fall verzichten kann."

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