Kulturhauptstadt Europas 2019

"Die Seele dieser Stadt sind die Menschen"

Die süditalienische Stadt Matera ist - neben Plowdiw in Bulgarien – in diesem Jahr Kulturhauptstadt Europas. Museumsleiter Eustachio Rizzi ist in der "Höhlenstadt" geboren und aufgewachsen. Im Interview berichtet er, wie er das Kulturhauptstadtjahr erlebt.

Der Künstler Eustachio Rizzi steht neben einer Nachbildung seiner Heimatstadt Matera. Das Modell zeigt Häuser, Treppen und eine Kirche.

"Glücklich und zufrieden" - bereits seit 30 Jahren arbeitet Eustachio Rizzi an den Nachbildungen seiner Heimat Matera.

Foto: 2014 matera sassi in miniatura

Matera in der Region Basilikata ist berühmt für ihre Sassi: rund 3.000, von Hand in weichen Kalkstein gegrabene Höhlenwohnungen. Hier lebten einst Zehntausende Menschen in ärmsten Verhältnissen. Mit ihrer Umsiedlung begannen die Höhlen zu verfallen, bis sie schließlich 1993 zum UNESCO-Weltkulturerbe ernannt wurden. Von der Ernennung zur Kulturhauptstadt Europas 2019 erhofft sich die einst als "Schande Italiens" bezeichnete Stadt einen wirtschaftlichen Aufschwung. 

2014 hat Matera den Zuschlag für den Titel Kulturhauptstadt Europas 2019 erhalten. Wie hat sich das Leben seither in Ihrer Heimatstadt verändert?

Eustachio Rizzi: Matera hat sich in den letzten Jahren völlig verändert. Ich wurde noch in den Höhlensiedlungen geboren und bin in Armut aufgewachsen, mitten in einer vergessenen Stadt, in der 20.000 Menschen jeden Tag um ihr Überleben kämpften. Heute dagegen sehe ich eine wunderbare und lebendige Stadt, die von der ganzen Welt bewundert wird. Die Einwohner sind stolz auf ihre Vergangenheit und haben wieder Hoffnung für die Zukunft. Viele Dinge haben sich bereits verändert, und ich denke, es kann nur besser werden, wenn die Einwohner weiterhin enthusiastisch bleiben. Die Seele dieser Stadt sind die Menschen, die heute hier leben und immer an Materas Potenzial geglaubt haben.

Worauf können sich Besucherinnen und Besucher freuen, die 2019 nach Matera kommen?

Eustachio Rizzi: Wir erwarten dieses Jahr viele Besucher und stehen bereit, sie mit unserer typisch süditalienischen Gastfreundschaft zu empfangen. Wir möchten sie an unserer Geschichte und Zukunft teilhaben lassen, mit einem breiten Programm aus vielen kulturellen Events, das von der "Fondazione Matera-Basilicata 2019" organisiert wird. Ich freue mich, in Materas Straßen so viele Menschen zu sehen. Es sind Touristen, die meine Stadt in all ihren Facetten zu schätzen wissen. Wann immer es möglich ist, spreche auch ich gerne mit ihnen, wenn sie mein Museum "Sassi in Miniatura" besuchen. Wir unterhalten uns und ich beantworte neugierige Fragen - und ich werde damit das ganze Jahr weitermachen.

Modell von Matera: Zu sehen ist ein Platz vor zwei Gebäuden. Auf dem Platz sind Menschen, Tiere und Karren nachgebildet.

Das Modell zeigt Matera detailnah in seiner Vielfalt - kleine Häuser und Kirchen, enge Gassen und steile, verwinkelte Treppen.

Foto: 2014 matera sassi in miniatura

Matera galt lange in Italien als "la bella vergogna" oder die "schöne Schande". Hat sich dieser Ruf mit der Ernennung zur  Kulturhauptstadt Europas 2019 geändert?

Eustachio Rizzi: Matera war eine "schöne Schande", weil es eine vergessene Stadt war. Niemand wusste von den wirklichen Bedingungen, unter denen die Menschen in den Höhlensiedlungen lebten, weil es ein isolierter Ort war, von Gott vergessen. Heute gibt es diesen Ruf nicht mehr, aber ich denke, wir können die Vergangenheit nicht vergessen, auch weil es nicht lange her ist. Heute sollten wir unseren Eltern und Großeltern dankbar sein. Sie haben viele Opfer für uns gebracht und wären heute sehr stolz und vielleicht auch ein bisschen verwirrt wegen der Veränderungen.

Der Titel "Kulturhauptstadt Europas" wird jährlich von der Europäischen Union vergeben und soll den Reichtum, die Vielfalt und auch die Gemeinsamkeiten der Kulturen in Europa hervorheben. In diesem Jahr tragen das italienische Matera und Plowdiw in Bulgarien die Auszeichnung. Anlässlich des Kulturhauptstadtjahres 2019 hat Matera unter dem Motto "Open future" ein vielfältiges Kulturprogramm auf die Beine gestellt.

Haben Sie in diesem Jahr besondere Projekte geplant?

Eustachio Rizzi: Wir betreiben seit 30 Jahren das Museum "Sassi in Miniatura" und seit zehn Jahren das "Casa Grotta Antica Matera". Für das Kulturhauptstadtjahr haben wir keine besonderen Projekte geplant, sondern werden wie gewohnt jeden Tag für die Touristen da sein.

Worüber freuen Sie sich am meisten im Kulturhauptstadtjahr?

Eustachio Rizzi: Dass ich glücklich und zufrieden bin, Tag für Tag in dieser schönen Stadt arbeiten zu dürfen, die mich so stolz macht.

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