Neue Hightech-Strategie

Der Chef als Coach

Unternehmen verändern sich, aus Handarbeit wird Kopfarbeit, besonders Software-Unternehmen sind darin Vorreiter. Die großen Auswirkungen dieser Entwicklung auf Führungsaufgaben, untersuchen Forscher im Zukunftsfeld "Innovative Arbeitswelt" der Neuen Hightech-Strategie der Bundesregierung.

Gespräch zu einer Wetter-App bei IBM

Eine Führungskraft muss die Kommunikation im Team organisieren können.

Foto: Jon Simon/Feature Photo Service for IBM

"Die Führungskraft der Zukunft muss eher ein Coach sein. Jemand, der nicht über Kommando und Kontrolle führt, sondern die Mitarbeiter befähigt, ihr Potenzial auszuschöpfen, kreativ zu sein und Entscheidungen gegebenenfalls auch selbst zu treffen", sagt Margret Klein-Magar, Sprecherin der leitenden Angestellten im Aufsichtsrat der SAP SE, dem größten deutschen Software-Unternehmen.

Hightech-Strategie

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Innovationen der Arbeitswelt, wie sie seit etlichen Jahren in Software-Unternehmen zu beobachten sind, werden bald den gesamten Dienstleistungssektor erreichen. Dieser Bereich ist für die Wertschöpfung in Deutschland inzwischen wichtiger als die klassische Produktion. Produkte solcher Dienstleistungen sind beispielsweise Softwarelösungen, internetgestützte Beratung oder Aufgabenerledigung.

Zukunft Dienstleistungen

Der Ansprechpartner für den Kunden ist oft eine Fachkraft, die irgendwo auf der Welt sitzen kann. Bearbeitet meine Reisekostenabrechnung noch die Kollegin im Erdgeschoss meines Unternehmens oder ist diese Arbeit ausgelagert an ein nahes Büro? Oder gehen alle Unterlagen per Internet nach Ungarn und werden dort bearbeitet ? Die Digitalisierung unserer Welt hat dazu geführt, dass das für das Ergebnis keine große Rolle mehr spielt.

Neue Entwicklungen in der Softwareindustrie entstehen in Teamarbeit von hoch spezialisierten Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern. Diese sitzen oft nicht mehr an einem Ort, die Kommunikation läuft über das Internet. Arbeitszeiten sind wegen der internationalen Zusammenarbeit auf die Zeitzonen der Teammitglieder bezogen und daher oft für jedes einzelne Mitglied flexibel.

Besprechung Montag um 9 Uhr

Was bedeutet das alles für den Chef? Er kann die Mitglieder seiner Arbeitseinheit nicht am Montag früh um 9 Uhr zusammentrommeln, um sich über die Arbeitsergebnisse der letzten Woche zu informieren und Aufträge für diese Woche zu vergeben. Vieles von dem, was zu tun ist, versteht er vielleicht wegen der starken Spezialisierung auch nicht im Detail. Kann er seinen Mitarbeitern vertrauen, wenn er nicht mehr kontrollieren kann?

Videokonferenz bei IBM

Teams sind weltweit verteilt

Foto: IBM

Das ISF München (Institut für Sozialwissenschaftliche Forschung) befasst sich mit der Frage der Führung in innovativen Unternehmen. Dazu führte es zahlreiche Interviews mit Führungskräften in Dienstleistungsunternehmen durch.

Eine wichtige Erkenntnis ist dabei, dass das "System" Unternehmen mit seinen vielfältigen Aufgaben und Spezialisierungen inzwischen viel zu komplex ist, als dass dies eine einzelne Führungskraft verstehen kann. Das Unternehmen kann nur funktionieren, wenn Entscheidungen dezentral getroffen werden und Beschäftigte Verantwortung übernehmen.

Kennzahlen und Kommunikation

Unternehmen werden heute in starkem Umfang durch Kennzahlen gelenkt. Sie leiten sich aus allen Daten des Unternehmens und der Arbeitserledigung ab, die in irgendeiner Weise messbar sind. Diese Kennzahlen laufen im Leitstand des Unternehmens zusammen. Sie geben Hinweise darauf, wo beispielsweise aufgrund zu hoher Kosten und zu geringer Erträge gegengesteuert werden muss.

Eine Aufgabe der Leitung kann darin bestehen, solche Kennzahlen dem Team zu vermitteln und daraus gemeinsam künftiges Handeln abzuleiten. Die Führungskraft muss in der Lage sein, die Kommunikation im Team zu organisieren und Entscheidungsprozesse der Arbeitsgruppe zu moderieren. Natürlich wird letztlich eine Entscheidung getroffen, hinter der der Vorgesetzte steht.

Mitarbeiter der Software AG

Der Chef als Teammitglied

Foto: Software AG

Wichtig ist aber, dass diese gemeinsame Entscheidung des Teams Basis für die Arbeit aller ist. Die Führungskraft muss sie auch nach außen vertreten. Sie wird quasi zum Politiker, der die Arbeitseinheit im komplexen Ganzen repräsentiert. Die Führungskraft muss sich darauf einlassen, Teil eines strukturierten und professionalisierten Ganzen zu sein. Dadurch wird aber auch ein Teil der Gestaltungshoheit abgegeben, die Vorgesetzte bislang besaßen.

Führung ist belastend

Die neue Situation stellt für Führungskräfte eine große Belastung dar. Sie stehen verstärkt unter dem Druck von beiden Seiten: den Kennzahlen von oben und den Teamerwartungen. Burnout stellt sich - wie das Projekt DIWA-IT zeigte - durch den sehr hohen Druck in der IT-Branche als generelles Problem dar. Gerade für Führungskräfte gilt dies in besonderem Maß.

Somit bleibt Führung in innovativen Unternehmen bei aller positiven Sichtweise eines guten Coaches ein Thema für die Unternehmensentwicklung ebenso wie für die sozialwissenschaftliche Forschung.

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