Nicht nur für den Kochtopf - Muscheln als Wasserfilter 

Ostsee-Forschungsprojekt Nicht nur für den Kochtopf - Muscheln als Wasserfilter 

Miesmuscheln werden zumeist in Aquakulturen als Lebensmittel produziert. Ein Forscherteam hat einen weiteren Nutzen untersucht: Die Schalenweichtiere sollen dabei helfen, das Ostseewasser zu reinigen. Gefördert wird das Projekt von der Europäischen Union und dem Bundesforschungsministerium (BMBF).

Miesmuscheln können als natürliche Wasserfilter in der Ostsee dazu beitragen, die Folgen der Überdüngung abzumildern.

Miesmuscheln können als natürliche Wasserfilter in der Ostsee dazu beitragen, die Folgen der Überdüngung abzumildern.

Foto: imago images/Humberg

Noch vor rund 120 Jahren wurden Miesmuscheln in der Ostsee kultiviert, dann geriet der Anbau in Vergessenheit. Vor einigen Jahren konnte ein Unternehmen in der Kieler Förde diese Tradition wiederbeleben – auf der Basis wissenschaftlicher Erkenntnisse. Eine kleine Meeresfarm produziert dort einige Tonnen jährlich als regionale Spezialität. Doch der Nutzen der Muscheln reicht über Kochtöpfe hinaus.

Ostsee: ein empfindliches Ökosystem

Als natürliche Wasserfilter können sie in der Ostsee dazu beitragen, die Folgen der Überdüngung abzumildern. Eine zu starke Anreicherung von Nährstoffen wie Stickstoff und Phosphor hat zu einem massiven Wachstum von pflanzlichem Plankton geführt. Diese stammen aus der Landwirtschaft, Kläranlagen und der Industrie und gelangen über die Flüsse in das Meer.


Die Verschmutzung macht sich in Form von Schwebeteilchen bemerkbar, die das Wasser stark trüben. Dabei gelangt weniger Licht zum Meeresboden, was zu einem Absterben der dort angesiedelten Pflanzenarten führt. Seegras, das auch als Kinderstube vieler Fischarten bezeichnet wird, stirbt ab. Das empfindliche Ökosystem gerät somit aus der Balance.

Miesmuscheln gehören seit langem zum Speiseplan der Europäer. Sie sind vergleichsweise einfach zu produzieren und enthalten viele Nährstoffe, Spurenelemente und Vitamine. Die Kultivierung dieser Meeresfrüchte reicht bis ins Mittelalter zurück. Heute werden die Muscheln vor allem in Frankreich und den Niederlanden, aber auch in der Nordsee im großen Stil produziert. In der EU beträgt die angelandete Menge ca. 550.000 Tonnen pro Jahr, in Deutschland lag sie bei stark schwankenden Ernten zuletzt bei rund 13.000 Tonnen jährlich.

Natürliche Reinigungsfunktion

Die blauschwarzen Meeresbewohner sind in der Lage, bis zu drei Liter Wasser innerhalb einer Stunde anzusaugen und mit ihren schleimbesetzten Kiemen mikroskopisch kleine Algen und organische Partikel herauszufiltern. Davon ernähren sich Miesmuscheln. Ein Quadratmeter Miesmuschelbank kann somit stündlich im Idealfall 140 Liter Wasser von pflanzlichen Schwebeteilchen befreien.  

Diese natürliche Reinigungsfunktion wurde im internationalen Forschungsvorhaben BONUS OPTIMUS im Leibniz-Institut für Ostseeforschung Warnemünde (IOW) von 2017 bis 2020 näher untersucht. In zwei kleinen Testfarmen vor Rügen, im Greifswalder und Wieker Bodden, erforschte das Wissenschaftlerteam zudem, ob eine Muschelzucht in diesem Teil der Ostsee funktionieren würde.

Für das Experiment wurde ein spezielles Leinensystem an Bojen befestigt und in das Wasser gebracht. Dort sollten sich die Larven der im Frühjahr laichenden Muscheln anheften und in einem Zeitraum von rund einem Jahr heranwachsen. Die Forschenden überprüften mit Messungen regelmäßig die Besiedlungsdichte, das Muschelwachstum und spezielle Umweltparameter.

Schlechte Ernte, aber wichtige Erkenntnisse

Nach wirtschaftlichen Maßstäben waren die Ergebnisse ernüchternd: Die Miesmuscheln wiesen weder eine handelsübliche Größe auf, noch hatten sie sich in großer Zahl in der Unterwasserfarm angesiedelt. Dennoch sammelte das Forscherteam wichtige Erkenntnisse hinsichtlich der Ökosystemleistungen der Muscheln sowie der Umweltauswirkungen von Aquakulturen.

Der geringe Ertrag sei nicht überraschend, da die Boddengewässer nur einen geringen Salzgehalt von 0,5 bis 0,7 Prozent aufweisen, sagt Projektleiter Gerald Schernewski. "Im salzhaltigen Wasser wachsen Miesmuscheln deutlich schneller." Auch die gemessenen Temperaturschwankungen könnten als Stressfaktoren für die Muscheln wirken, was sich negativ auf die Populationen auswirkt.

Muscheln binden Nährstoffe

Vielversprechende Resultate erzielte das Projekt in ökologischer Hinsicht. Die Experimente zeigten eine Abnahme der Algen-Konzentration in unmittelbarer Umgebung der Testfarm. Somit wurde nachgewiesen, dass zumindest lokal der Anteil des Planktons im Wasser reduziert wird.

Hinzu kommt: Die Verwendung von Muschelfleisch für die Produktion von hochwertigen Futtermitteln. "Der Preis für Fischmehl ist aufgrund stagnierender Fischereierträge und einer deutlich größeren Nachfrage in den letzten Jahren stark gestiegen", erklärt Schernewski. Hier könnte ökologisch nachhaltiges Muschelmehl als Alternative dienen.

Das "ökologische und ökonomische Gesamtpaket" für die Muschelzucht sei entscheidend, so der Küstenforscher. Er fügte hinzu: Zunächst müssten weitere Gebiete für Testfarmen ausgewiesen werden, um mehr Daten zu gewinnen. "Die Muschelzucht sollte umweltschonend und nachhaltig sein und darf Flora und Fauna nicht beeinträchtigen." Hierzu liefert das Projekt wichtige Entscheidungshilfen für Behörden. Die Ergebnisse fließen auch in den Aktionsplan der HELCOM-Kommission der Ostsee-Anrainer zur Verbesserung der Wasserqualität in der Ostsee ein.