Leibniz-Institut für ökologische Raumentwicklung (IÖR)

Stellungnahme des Leibniz-Instituts für ökologische Raumentwicklung (IÖR)
zu ausgewählten Fragen, insb. der Operationalisierung des SDG 11

Allgemeine Hinweise zu Indikatoren

  • Elf (mit Meeren 14) der derzeitigen Indikatoren haben einen direkten Umwelt- bzw. Ökosystemleistungs-Bezug, was als insgesamt wenig erscheint. Eine Untersetzung durch ökologisch orientierte Indikatoren auf Bundesebene aus anderen Strategien/Quellen (Biodiversitätsstrategie, Umweltindikatoren, Ökosystemleistungsindikatoren, Konzept Grüne Infrastruktur, IÖR-Monitor-Indikatoren) sollte stärker in Betracht gezogen werden.
  • Wir schlagen insbesondere vor, nationale Ökosystemleistungsindikatoren, die das IÖR im Auftrag BMU/BfN entwickelt hat (und noch weiterentwickelt), stärker zu berücksichtigen: Der Indikator "Grünflächenversorgung der Bevölkerung in Städten / Grünerreichbarkeit im Wohnumfeld" war bereits in der Diskussion und sollte aufgegriffen werden.
  • Das Postulat des SDG 8 (Wirtschaftswachstum) erscheint überholt; auch die Verwendung des BIP (8.4) als grundlegender Indikator dafür. Wohlfahrt sollte heute anders gemessen werden.


Übergreifende Hinweise zu SDG 11

  • Die Liste der Indikatoren unter 11 b) erscheint noch unzureichend und adressiert nur eine kleine Anzahl der Ziele und Herausforderungen, die im Text unter 11 a) dargestellt sind bzw. generell unter SDG 11 angesprochen werden.
  • Aspekte nachhaltigen Bauens, von "urban mining" oder Kreislaufwirtschaft im Gebäudesektor werden leider generell nicht durch Indikatoren operationalisiert.
  • Auch das Themenfeld der "Grünen Stadt" wird bislang nur durch generelle Flächenindikatoren berücksichtigt. Hier sei nochmals auf den vom IÖR im Auftrag BMU/BfN entwickelten Indikator zur Grünflächenversorgung / Grünerreichbarkeit verwiesen.
  • Umweltbelastungen pro Kopf in Städten sind messbar, werden aber nicht berücksichtigt. Auch Abfallmengen könnten hier bspw. adressiert werden (SDG 11.6.1).
  • Eine Operationalisierung der angesprochenen Förderung von internationalen Aktivitäten fehlt. SDG 11.c.1. zielt darauf, den "Anteil der finanziellen Unterstützung für die am wenigsten entwickelten Länder, der für den Bau und die Nachrüstung nachhaltiger, widerstandsfähiger und ressourceneffizienter Gebäude unter Verwendung lokaler Materialien bereitgestellt wird" zu messen. Dazu könnte auch Deutschland einen Indikator ausweisen.


Hinweise zum Thema Flächenverbrauch in der Nachhaltigkeitsstrategie 2021 – SDG 11 (S. 211-216)

  • Das IÖR beschäftigt sich seit Jahren intensiv mit der Flächeninanspruchnahme und ihren Folgen. U. a. stellt es Messergebnisse dazu in Zeitreihen im Monitor der Siedlungs- und Freiraumentwicklung (IÖR-Monitor) bereit. Grundlage der Berechnungen sind die amtlichen Geobasisdaten der Geotopographie (ATKIS Basis-DLM). Auf dieser Datengrundlage ist eine genauere und auch aktuellere Messung des Flächenverbrauchs möglich. Nachfolgend folgen daher die Messergebnisse des IÖR-Monitors zu den Nachhaltigkeitsindikatoren 11.1.a, b und c.

11.1.a Anstieg der Siedlungs-und Verkehrsfläche
 
Abb.: Entwicklung der Flächenneuinanspruchnahme insgesamt und nur als „baulich geprägte Flächenneuinanspruchnahme“ (ohne Siedlungsfreifläche).
•    Trend: Abwärtstrend in beiden Kurven mindestens seit etwa 2014; leichte Abschwächung bzw. wieder steigende Tendenz ab 2018. FNI 2019 bei etwa 54,4 ha/d; ohne Siedlungsfreiflächen bei etwa 50,1 ha/d (jeweils Durchschnitt der letzten drei Jahreswerte). Damit deutlich über 30-ha-Ziel.
•    Berechnung auf Grundlage des ATKIS-Basis-DLMs mit dokumentierter Methodik (Schorcht, Krüger, & Meinel, 2015, 2016; Schorcht et al., 2016).


11.1.b Freiraumverlust
 
Abb.: Mittlerer jährlicher Freiraumverlust pro Einwohner in einem 5-Jahres-Zeitraum; Ländlich / nicht-ländlich nach Thünen-Klassifikation
•    Trend: Gesamtwert leicht rückläufig seit ca. 2014, zuletzt Stabilisierung bei etwa 3 m²/Ew. In ländlichen Kreisen liegt der Wert deutlich über den nicht-ländlichen Kreisen, wobei sich der Abstand verringert hat. Ländlich: gemäß bundesweitem Trend Rückgang seit 2014, zuletzt Stabilisierung bei ca. 3,6 m²/Ew. Im nicht-ländlichen Bereich verläuft der Trend entgegengesetzt zum ländlichen Bereich: zunächst Steigerung des Freiraumverlustes pro Einwohner, seit 2017 leichter Rückgang evtl. Zusammenhang mit stabilisierter/leicht steigender Siedlungsdichte.


11.1.c Siedlungsdichte
 
Abb.: Einwohner pro km² SuV-Fläche; Ländlich / nicht-ländlich nach Thünen-Klassifikation
•    Insgesamt Abwärtstrend, 2019: 87 % des Wertes von 2000. Bei nicht ländlichen Kreisen seit ca. 2015 Stabilisierung auf ca. 94 % des Wertes von 2000. In ländlichen Kreises Rückgang seit 2000 auf 82%.


Empfehlung zur Ergänzung von Indikatoren zum Flächenverbrauch
•    Außerdem wird die Ergänzung der folgenden Indikatoren empfohlen, um den Flächenverbrauch und seine Ursachen besser zu verstehen. Diese Indikatoren sind teilweise schon im IÖR-Monitor enthalten:
-    Bodenversiegelungsgrad,
-    Verhältnis von Innen- zu Außenentwicklung,
-    Bebauungsdichte in Neubaugebieten differenziert nach Wohnen und Gewerbe,
-    Umfängliche Beschreibung des städtischen Grüns durch die Indikatoren (Grünanteil der SuV-Fläche, Grünerreichbarkeit, grünbedeckte Fläche pro Einwohner),
-    Zerschneidungsgrad,
-    Zersiedelungsgrad.
•    Zudem ist darauf hinzuweisen, dass die amtliche Flächenerhebung teils erhebliche Unschärfen hat. Es ist zu vermuten, dass diese durch weitere methodische Veränderungen der Datengrundlage ALKIS (Migration zur GeoInfoDok 7.1) auch in Zukunft eher noch größer werden. Darum wird empfohlen, zur Bestimmung der Flächenneuinanspruchnahme auf die Primärdaten der Bautätigkeitsstatistik zurückzugreifen (Erhebungsbögen der Bautätigkeitsstatistik). Das verspricht sehr viel aktuellere und genauere Informationen zur Entwicklung.