Heike Kraft

Sehr geehrte Fr. Dr. Merkel,
Sie rufen alle Bürger*innen des Landes auf, sich zur Nachhaltigkeitsstrategie der Bundesregierung zu äußern und stellen dazu ein 313 Seiten langes Papier zur Verfügung. Nun bin ich eine interessierte Bürgerin, aber auch eine berufstätige Frau und Mutter.

Wie soll ich es das nebenher leisten, dazu adäquat Stellung zu beziehen und Forderungen zu begründen?

Dafür gibt es doch die Politik, die sich um so etwas kümmern muss!!
… und die Vorgaben sind doch eigentlich klar: Wir müssen zumindest die Ziele des Pariser Klimaabkommens erreichen. Das ist vereinbart worden und muss nun umgesetzt werden. Und das muss die Politik leisten. Und zwar JETZT!!!
Dass die Menschen dazu bereit sind, das haben sie während der Coronakrise bewiesen: „In Kriesenzeiten ist plötzlich möglich, was zuvor unvorstellbar schien. So verhält es sich auch mit der Coronapandemie. Die überwältigende Mehrheit der Menschen im Land ist bereit, ihren Lebensstil zu ändern: Laut einer repräsentativen Umfrage im Auftrag von Greenpeace geben 81 Prozent der Befragten an, aufs Fliegen verzichten zu können, und 69 Prozent würden zur Bewältigung der Klimakrise ähnlich konsequente Maßnahmen akzeptieren. Das kommt einer Aufforderung an die Politik gleich, das milliardenschwere Konjunkturpaket grün und klimafreundlich auszugestalten. …“ So steht es im Vorwort der Greenpeace Nachrichten 3/20 und das glaube ich auch.
Doch bisher ist einfach viel zu wenig passiert!!!!!

Das milliardenschwere Konjunkturpaket ist viel zu wenig grün und viel zu wenig klimafreundlich!!!! Und die Agrarreform ist ein Schlag in das Gesicht der Menschen. Haben Sie mal den Film „Unser Boden, unser Erbe“ gesehen? Darin fragt sich ein biologisch arbeitender Landwirt, warum die Menschen in der Stadt nicht viel mehr Existenzängste haben. Und es wird darin immer wieder deutlich, dass wir so nicht weiter machen können, weil unser Boden – so wie wir ihn derzeit ausbeuten – uns nur noch 60 bis max. 100 Ernten liefern wird.
Sehr geehrte Frau Dr. Merkel, ich möchte Ihnen nicht zu nahe treten, aber: fürchten Sie sich gar nicht????? Ich schon!!!! Ich habe Angst um die Zukunft meiner Kinder!!!! Wie wird sie aussehen? Hitze, Dürre, Flüchtlingsströme, Krieg, ….??????? Das darf doch wohl nicht sein.

Wir rennen sehenden Auges in eine schreckliche Zukunft, wenn wir so weiter machen. Dabei gibt es Lösungen – wie zum Beispiel das Fridaysforfuture-Gutachten des Wuppertaler Institutes aufweist. Oder so viele tolle Ideen, die doch auch Ihnen bekannt sein müssen:
Ich bin eine einfache Bürgerin, versuche meinen Platz in der Gesellschaft gut auszufüllen und mich möglichst „gut“ zu verhalten.

Die großen Räder müssen Sie drehen!!! Hier nur einige Dinge, von denen ich weiß, dass Sie wichtig zu tun wären!!! Sie wissen gewiss mehr!

  • Wir müssen global stark aufforsten um die CO2 Emissionen zu reduzierten.
  • Wir müssen unserem Boden wieder eine vernünftig dicke Humusschicht angedeihen lassen, damit er C02  und Wasser aufnimmt.
  • Wir könnten Algen im Meer pflanzen, was auch riesige Mengen an CO2 binden könnte und der Erwärmung der Weltmeere entgegenwirken würde.
  • und soooooooooo vieles mehr!!!!!!

Dafür, dass die Menschen wirklich ihren Lebensstil ändern, müssen die Politiker an den entscheidenden Rädern drehen und dafür Sorge tragen, dass sie überhaupt richtig informiert sind!
DENN: noch ist es einfach viel zu kompliziert – ja eigentlich fast unmöglich - ökologisch, fair und sozial gerecht zu leben.
Und ich finde, das kann nicht sein!!!!

Prinzipiell sind doch alle – oder zumindest fast alle bereit – „gut“ zu handeln.
Aber es auch wirklich zu tun, ist extrem schwierig und zeitaufwändig!!!! Und daher scheitert es! Für jedes Teil, das man kauft, müsste man genau erforschen, wo es herkommt und ob es ökologischen, ethnischen und … Wertmaßstäben entspricht. Man müsste herausfinden, wo man es überhaupt erstehen kann und wie man dahin kommt.

… und wenn man dort das ein oder andere umwelt- und sozialverträglich kaufen konnte, gibt es an diesem Ort, vieles andere, das man benötigt nicht und man muss ziemlich viel durch die Gegend fahren. Mit dem Auto auch nicht gerade sinnvoll, mit dem Fahrrad oder den Öffis viel zu zeitintensiv für einen arbeitenden Menschen mit Familie. Wobei das nicht heißt, dass wir – also meine Familie – nicht schon vieles für die Umwelt machen. Aber wir müssen es alle tun!!!

Daher frage ich mich:

  • Wie kann es sein, dass es so schwierig ist, klima- und sozialverträglich zu leben?
  • Wie kann es sein, dass ich T-Shirts kaufen kann, für die in anderen Ländern der Erde Menschen ausgebeutet werden und gesundheitliche Beeinträchtigungen in Kauf nehmen müssen?
  • Wie kann es sein, dass man tierische Produkte überhaupt kaufen kann, für die Tiere fürchterliche Leiden auf sich nehmen müssen?
  • Wie kann es sein, dass Fliegen soooooooo billig ist?
  • Wie kann es sein, dass ärmere Menschen sich „gutes“ Essen und „gute“ Kleidung gar nicht leisten können?
  • Wie kann es sein, dass wir Dinge subventionieren, von denen wir wissen, dass sie falsch sind?
  • und noch tausend Dinge mehr!

Ich denke, dass wir nahe dran sind, unumkehrbare Kipppunkte zu erreichen und einer Zukunft entgegensehen, die viel größere Krisen mit sich bringt, als die derzeitige Coronakrise, die weiß Gott schlimm genug ist und auch schon wieder zuerst die Ärmsten und Schutzlosesten am meisten trifft.
Wir alle – und vor allem auch: Sie! – müssen jetzt etwas tun. Und zwar nicht nur ein bisschen !!!!! Ansonsten wird uns das Klima später (wobei dieses „Später“ wahrscheinlich gar nicht in allzu weiter Zukunft liegt) dazu zwingen, Dinge zu tun, bei denen wir als Menschen nicht mehr viele Mitsprachemöglichkeiten haben werden, sondern vielmehr auf die Veränderungen  re-agieren müssen, die der Klimawandel uns dann aufdrückt - soweit wir dann überhaupt noch reagieren können.

Ich finde auch, dass nicht so viel darüber gesprochen und diskutiert werden muss, dass man den Bürgern nicht so viel abverlangen kann. Erstens, weil uns das Klima im Zweifel demnächst noch viel mehr abverlangen wird und zweitens, weil es oft schon so war, dass zuerst viel geschimpft wurde und es dann doch gemacht wurde. Und ein paar Jahre später weiß schon keiner mehr, dass es früher mal anders war. Der Mensch arrangiert sich. Er gewöhnt sich einfach daran. Man denke da nur an die Einführung der Gurtpflicht oder das Abschaffen des Rauchens in Gaststätten.

Auch finde ich Aussagen wie – „der Verbraucher will das so!“ – gaaaanz schrecklich!!!

Wer überhaupt ist denn der Verbraucher?

… und will der wirklich, dass alles in Plastik verpackt ist und dass das Plastikzeugs kurze Zeit später unseren Erdball verschmutzt? … und dass es unserer Umwelt schlecht geht?
Ich denke, er lernt von klein auf, dass bei uns eben alles verpackt ist und dass man Dinge wegwirft, wenn sie kaputt sind, statt sie zu reparieren und dass es toll ist, möglichst viel zu haben und zu konsumieren. Wir bringen es ihm einfach auch nicht richtig bei! Weil es vielen Unternehmen nicht zuträglich wäre!

Es muss ein Umdenken stattfinden und da muss die Politik handeln!
Sie müssen das „Große Ganze“ im Überblick haben, und entsprechend eingreifen. Ich bitte Sie, handeln Sie jetzt, handeln Sie besonnen, denken Sie langfristig!!!! Entwickeln Sie echte tragfähige Konzepte, die das Klima retten! Gehen Sie als Klima-Kanzlerin in die Geschichte ein.
Es wird Wirtschaftszweige geben, von denen wir uns verabschieden müssen und andere, die wir ausbauen müssen. Das hat es aber auch immer schon gegeben. Immer schon mussten Menschen damit leben, dass ihr Job ausgedient hatte und sie mussten sich neu arrangieren.
Wir brauchen viel mehr Menschen, die in Pflegeberufen arbeiten. Wir brauchen richtig gut ausgebildete Menschen in Bildung und Erziehung und zwar von der Elementaren Bildung an.
Dafür müssen diese Menschen neben Anerkennung und Respekt auch eine gute Bezahlung erhalten. Alle Lern- und Betreuungsgruppen müssen kleiner und individueller werden. Wir brauchen verpflichtende Lerninhalte, die unserer Erde dienen. Wir müssen alle Menschen darüber informieren, was gerade wirklich mit unserer Erde/unserer Existenzgrundlage geschieht. Ich glaube, den meisten, ist es gar nicht wirklich bewusst. Auch weil das nicht gewollt ist!!!!
Wir haben genug Arbeit für alle Menschen. Wir müssen sie nur anders verteilen.

Sehr geehrte Frau Dr. Merkel, es ist nicht das erste Mal, dass ich Ihnen schreibe  und ich weiß auch, dass mein Brief keine tollen Konzepte bietet, aber es ist der ganz dringende Aufruf:
Sie haben bei Ihrer Vereidigung geschworen, Schaden von uns abzuwenden.
Bitte werden Sie sich Ihrer Verantwortung bewusst und handeln Sie entsprechend.

 
Mit freundlichen Grüßen
Heike Kraft